In Erinnerung an Werner Nekes

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Prof. Dr. Hans Ulrich Reck erinnert in seinem Nachruf an den Künstler, Filmemacher, Sammler und Freund. Werner Nekes war von 1990 bis 1996 Professor an der Kunsthochschule für Medien Köln.
Werner Nekes ist gestorben. Er war ein Wegbereiter, Wegbegleiter und Freund, persönlich wie auch der KHM. Die Werkliste seiner Filme ist mehr als nur beeindruckend, umfasst sie doch nahezu alle nur erdenklichen Gattungen und wohl noch ein paar Möglichkeiten mehr, die ohne ihn gar nicht hätten erkannt werden können. Unvergessen ist die Nacht, in der er an der KHM seine sechsteilige 'Media-Magica'-Reihe – der erste Film 'Was geschah wirklich zwischen den Bildern' stammt von 1986 , die anderen Teile zwischen 1995 und 1997 gefertigt –, Film über die kinematographischen Prinzipien in der Geschichte und Vorgeschichte des Films projizierte und mit uns diskutierte. Professor am Hause war er von 1990 bis 1996. Auch hier Wege eröffnend und prägend. Werner Nekes war aber auch berühmt in der ganzen Welt für seine singuläre Sammlung von Seh-Apparaten und ihrer Vorgeschichte, auch Raritäten aus der ersten Zeit des Buchdrucks, besonders wichtige aus der Zeit der Renaissance fanden sich in seiner über 40'000 Objekte umfassenden Sammlung. Jedes Stück kannte er genau. In seiner ruhigen Art konnte er präzise Informationen geben. Als Gast bei ihm in der Sammlung wurde man stets königlich behandelt, nämlich in freundlichster Weise geduldig belehrt. Es bleibt ein Jammer, dass diese Sammlung bis heute nicht in einen öffentlichen Träger überführt und damit im Lande NRW für das weltweite Fachpublikum und jeden weiteren Interessierten gesichert werden konnte.

Ich lernte Werner Nekes im Jahre 1985 über und dank Bazon Brock kennen, der uns, meine Frau und mich, – ich war damals für einige Tage in Wuppertal bei Brock für Arbeit an diversen Publikationen, Interviews, Veranstaltungen ­– , nach Mülheim zu Werner 'entführte'. Eine kurze Verabredung genügte. Nachdem Bazon Brock uns 'am Wegesrand' bei einem Zwischenhalt das Gelände mit der Wallfahrtskirche in Neviges nicht nur zeigte, sondern mit seiner so beredten und luziden Kundigkeit in den wesentlichen Aspekten erläuterte, fuhren wir zu Werner, der damals gerade am Rohschnitt eines Filmes arbeitete – es handelte sich um die Ruhrgebietskomödie 'Johny Flash' mit Helge Schneider in der Hauptrolle. Werner zeigte uns das Werk in seinem im Mülheimer Atelier installierten Kino in extenso, gefolgt von der Projektion eines bereits fertiggestellten, anschließend den früheren 'Uliisses' (von 1982/3), über welchen Film Bazon Brock, wie über andere Werke von Werner Nekes auch, damals und auch später noch, die erhellendsten Texte schrieb. Die beiden Filme sind so unterschiedlich wie Werners Talent vielfältig.

Zuletzt konnte ich mit Werner Nekes an seinem Sonderbeitrag zu einer wiederum von Bazon Brock angeregten und ermöglichten Publikation arbeiten. Er steuerte für die beiden Bände 'Utopie und Evidenzkritik' und 'Tarnen und Täuschen' bei, die, herausgegeben von Christian A. Bauer, 2010 im Verlag Philo Fine Arts in der Reihe 'Fundus' erschienen, jeweils einen auf Farbe gedruckten Sonderbeitrag bei, der von Lea Reck sorgfältig grafisch ediert und zusammen mit Werner auch konzeptuell eingerichtet wurde: Es ging um eine Auswahl aus zahlreichen möglichen Illustrationen zum Thema unserer Texte, die Werner Nekes in einer Vorauswahl aus seiner Sammlung zusammenstellte und die dann unter dem Titel 'Aufbau einer Enzyklopädie zur Geschichte der Visualisierung. Work in progress' präsentiert wurde. Dem wurde eine im Juli 2009 geschriebene editorische Notiz beigegeben, die so lautete:


"Ende der sechziger Jahre hat Werner Nekes begonnen, Inkunabeln zur Geschichte der Visualisierung zu sammeln. Wenige Jahre nach den ersten bahnbrechenden Filmen wie 'jüm-jüm' (zusammen mit Dore O., 1967; 10 Minuten) und "gurtrug 1' (1967; 12 Minuten) erweist sich eine Ausweitung der Interessen des experimentierenden Künstlers in Richtung Wissenschafts- und Kulturgeschichte als ebenso dringlich wie förderlich. Es entwickelt sich von nun an und über die nächsten Jahrzehnte ein Werk, das stets im Zusammenhang von historisch situierter Entwicklung der Bildlichkeit und eigenen poetisch-visuellen Arbeiten gesehen werden muss – nicht selten ausgehend von stehenden Bildern, die mittels spezifischer Anordnung zu kinematographischen Folgen verschmolzen. Die Filme des Autors Nekes mit all ihren innovativen Experimenten – in so unterschiedlicher Ausprägung wie in dem erstmals im Œuvre von Nekes Spielfilmlänge aufweisenden "Uliisses" (1982/3), in "Der Tag des Malers" (1997) oder auch in "Johnny Flash" (1985) – stehen in engster, gleichsam 'organischer' Verbindung mit einer Kulturgeschichte der medialen Inszenierungen und Bildvermittlungen.

Beispielsweise hat Nekes neben Dokumentationen wie "Schattenprojektionen" und "Richard Bradshaw’s Shadowtheater" verschiedentlich Aufführungen des historischen Schattentheaters von China bis Ägypten auf Video aufgenommen. Die sechsteilige Filmfolge 'Media Magica' (1986, 1995-97) resümiert dann die Erkenntnisse und Sammlungen – der Gedanken wie der Geräte – besonders deutlich. Sie entwirft ebenso eine Bildergeschichte zum Kino, seinen zahlreichen Voraussetzungen und Vorphasen, wie sie eine Verfilmung der Sammlung Nekes, ihrer Geräte, Apparate, Instrumente, Bücher, Bilder, Blätter, Drucke darstellt. Die sechs Teile sind wie folgt betitelt: 1. "Was geschah wirklich zwischen den Bildern?", 2. "Durchsehekunst", 3. "Belebte Bilder", 4. "Vieltausendschau", 5. "Bild - Raum", 6. "Wundertrommel".

Sein ebenso allgemeines wie spezifisches, universales wie singuläres bildnerisches Wissen hat Werner Nekes – auf der nützlichen Basis eines überaus genauen Gedächtnisses – immer wieder auch als Lehrer an verschiedenen Akademien, Kunsthochschulen und Universitäten Film und Medienkunst weitergegeben. Filme, Akademien, Sammlungen – sie begleiten und beleben den Autor und Lehrer Nekes in gleicher Weise wie die von ihm Belehrten und Unterrichteten.

Ab Mitte der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts begann Werner Nekes, größere Ausstellungen seiner mediengeschichtlichen Sammlung zu kuratieren. Der Filmemacher und Sammler Nekes ergriff – ohne den einen gegen den anderen auszuspielen – die Möglichkeiten, viele der sich wandelnden Imaginationen einem großen Publikum in einer Art und Weise zu präsentieren, wie es in den herkömmlichen Museen oft nicht möglich ist.

Wichtige Ausstellungen wurden u. a. in Köln, London, Hamburg, Graz, Salzburg, Melbourne, Siegen, Paris und Budapest gezeigt. Diese Ausstellungen sowie begleitende und vertiefende Publikationen bieten die Möglichkeit für künstlerisch und mediengeschichtlich Interessierte, ihr Fachwissen auf Stichhaltigkeit bezüglich von Bildbehauptungen, besonders einer Evidenzkritik durch Evidenzentfaltung zu überprüfen und weiterführende Gedanken zu entwickeln.

Ein offenes Projekt, zugleich ein großer Wunsch des Autors – seine Kraft, aber auch die Geneigtheit eines kundigen Verlegers betreffend – stellt die ausgreifende Veröffentlichung einer Enzyklopädie der Visualisierungen dar, die hier in ersten Auszügen vorgestellt wird."

Nicht unerwähnt bleiben soll, dass Anthony Moore, Professor an der KHM von 1996 bis 2015 und für vier Jahre auch deren Rektor, für zahlreiche Filme von Werner Nekes den Soundtrack komponiert und realisiert hat. Werner wiederum hat 1995 ein Porträt über Anthony Moore gedreht. Zum letzten Mal sah ich Werner Nekes anlässlich des Abschiedskonzertes von Anthony in der Aula der KHM vor etwa zwei Jahren. Anthony trug 'sonorisierte Stücke' aus seiner 'Encyclopaedia of Sound' vor, ein der visuellen Sammlung von Werner durchaus verwandtes Unterfangen.


Immer ist es schmerzlich, einen Freund und Mitstreiter zu verlieren, wobei dieser Schmerz immer auch einen Tribut an das Leben zu zollen hat, zu welchem dessen Ende nun einmal, zu unserem Erstaunen wie zu unserem Entsetzen, gehört. Was Werner Nekes gemacht hat, kann niemand fortsetzen. Die Individualität des schöpferischen Menschen findet in ihm, der ein nobler, ruhiger, hilfsbereiter Mensch gewesen ist, eine einprägsame, überaus klar gezeichnete Gestalt. Auf diese passt ausnahmsweise genau das inzwischen durch Missbrauch vollkommen heruntergewirtschaftete Wort 'einzigartig'.

Möge uns die Lebendigkeit des von ihm Geschaffenen als beispielgebend erhalten und damit lebendig bleiben durch Gebrauch und Wiedergebrauch, als eine, wie Bazon Brock markant herausarbeitete, in jeder Zukunft noch als unerschöpfliche Gegenwart wirkende Vergangenheit. Adieu Werner …



Hans Ulrich Reck

 24. Januar 2017












Fundstücke aus dem Archiv der KHM

Werner Nekes im Film "THE LOOKERS" von Peter Miller (2009–2016, 35 mm, 48 min.). Peter Miller war 2009/10 Fellow-Artist an der Kunsthochschule für Medien Köln.
Und eine Aufnahme von 1997 während des Besuchs von Prof. Dr. Hans Ulrich Reck und Prof. Anthony Moore mit Studierenden der KHM bei Prof. Werner Nekes in Mülheim.

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