An den Grenzen der Archive

An den Grenzen der Archive - Neue kunstwissenschaftliche und künstlerische Herausforderungen im Umgang mit Archiven

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Forschungsprojekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der Kunsthochschule für Medien Köln


Das Projekt geht der Dokumentation und Archivierung von bildender und zeitbasierter Kunst seit den 1960er Jahren bis heute nach – im Fokus stehen fotografische und filmische Re-Inszenierungen, die die Grenzen des Archivarischen in Kunst und Kunstgeschichte sichtbar machen.


Laufzeit
Februar 2012 bis November 2015


Projektleitung
Prof. Dr. Peter Bexte

Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen
Stephanie Sarah Lauke M. A.
März 2012 bis September 2015, Teilprojekt 1


Valeska Bührer M.A.
Februar 2012 bis November 2015, Teilprojekt 2

Konzept und Zielsetzung

Durch das Zusammentreffen von Archiv und zeitbasierter Kunst hat das Archivarische sowohl eine Krise als auch neue Impulse erfahren. Aktuell führen in Kunst und Kunstwissenschaft zwei Herausforderungen an die Grenzen des Archivs: Zum einen gilt es ephemere Kunstprojekte archivarisch zu erschließen, zum anderen integrieren KünstlerInnen archivarische Materialien vermehrt in ihre Arbeiten. Diese künstlerischen Praktiken fordern die Konzepte des Archivarischen heraus und liefern den wissenschaftlichen Archivierungspraktiken von Kunst neue Impulse. Die zeitgenössische Kunst, so die Forschungsthese, versteht sich als eine experimentelle Befragung der Funktionen und Konventionen des Archivs. Sie stellt Fragen nach den Grenzen des Archivs bezüglich des Bewahrens und Systematisierens, Zugänglich- und Sichtbarmachens, insofern Ontologien und Normen festgeschrieben und willkürliche Schnitte durch räumliche, zeitliche und soziale Kontexte gesetzt werden. Dabei setzt sich die zeitgenössische Kunst selbstreflexiv mit ihrer eigenen, archivierten Geschichte auseinander. Das Ziel des Forschungsvorhabens ist es, den Beitrag der KünstlerInnen in der Debatte um die Archive anhand zweier Teilprojekte zu untersuchen. Das Teilprojekt "Mediale Re-Inszenierungen" erforscht die historische und zeitgenössische Dokumentation von Videoinstallationen aus medialer und künstlerischer Perspektive. Das Teilprojekt "Künstlerische Re-Inszenierungen" untersucht künstlerische Strategien im Umgang mit Archivmaterialien bei zeitgenössischen KünstlerInnen als aktive Auseinandersetzung mit den Grenzen des Archivs.


Das Arbeitsprogramm ist auf drei Jahre angelegt. Beide Teilprojekte durchlaufen das Programm in zwei aufeinanderfolgenden Phasen, einer empirischen Phase 1 und einer Phase 2 der Auswertung und Theoriebildung. Die empirischen Untersuchungen in Phase 1 bestehen einerseits aus exemplarischen Fallstudien zur Dokumentation und Archivierung von Kunstprojekten in Museen und Sammlungen, andererseits aus leitfadengestützten Experteninterviews mit KünstlerInnen und KuratorInnen. Die Analysen und Interviews geben Aufschluss über historische und aktuelle Praktiken und Kriterien der Archivierung, materiale und strukturelle Herausforderungen im Dokumentations- und Archivierungsprozess und  Potentiale neuer medialer und künstlerischer Strategien. Die Phase 2 der Auswertung und Theoriebildung leitet aus den Ergebnissen und herausgelösten Kriterien des empirischen Projektteils eine offene Matrix der medialen und künstlerischen Gestaltungs- und Kontextualisierungspraktiken des Archivs ab, um diese theoriebildend auf das Archiv rückzuspiegeln und einen Beitrag zur Erweiterung der bisherigen Grenzen des Archivs zu liefern.

Teilprojekte

Teilprojekt I


„Mediale Re-Inszenierungen als wissenschaftliche Technik der Werkdokumentation“  (Stephanie Sarah Lauke)


Fokus des Teilprojekts “Mediale Re-Inszenierungen als wissenschaftliche Technik der Werkdokumentation" ist die Dokumentation und Archivierung von Videoinstallationen seit den 1960er Jahren durch die massenmedialen Dispositive Kino, Fernsehen und World Wide Web.


Videoinstallationen sind hinsichtlich ihrer raumzeitlichen, performativen und kontextspezifische Qualitäten Bewegtbilder und Ton zu präsentieren, in die Nähe der Aufführungskünste zu stellen. Das Paradox der Dokumentation solcher mit Reproduktionstechnologien ausgestatteten Installationen manifestiert sich in ihrer Nicht-Reproduzierbarkeit. Film und Video als Reproduktionstechnologie, die ebenso wie die Fotografie paradigmatisch für das Dokumentarische und Archivarische stehen, stoßen bei Videoinstallationen an ihre Grenzen. Die Grenze liegt hierbei nicht in der Desavouierung des traditionellen Repräsentationsbegriffs, sondern in den medialen Bedingungen der kunstwissenschaftlichen Dokumentationsmodi Installationsansicht, Standbild und Werkbeschreibung, die den phänomenologischen Qualitäten von Videoinstallationen zuwider laufen. Das Paradox der Dokumentation macht es erforderlich, Videoinstallationen in neue mediale Präsentations- und Rezeptionszusammenhänge zu stellen und zu re-inszenieren, um sie in ihrer vielfältigen Dimension wie Phänomenologie dokumentieren zu können.


Im Projekt werden anhand exemplarischer Fallbeispiele aus Künstlerbiografien, Fernsehbeiträgen und Onlinevideos historische und aktuelle Re-Inszenierungen von Videoinstallationen untersucht. Zum einen werden dabei synchron die medialen Re-Inszenierungen und ihre Potenziale analysiert, zum anderen werden diachron bisher fehlende kunsthistorische, massenmediale und künstlerische Dokumentationsgeschichten von Videoinstallationen nachgezeichnet. Ziel ist, den Quellenkorpus von Videoinstallationen um den der medialen Re-Inszenierungen zu erweitern und kritisch auf das bisher in der Kunstwissenschaft operationalisierte Quellen- und Archivmaterial  rückzuspiegeln.


Teilprojekt II


„Künstlerische Techniken der Re-Inszenierung archivarischer Materialien" (Valeska Bührer)


Das Teilprojekt „Künstlerische Techniken der Re-Inszenierung archivarischer Materialien“ widmet sich der Neuverhandlung des Archivbegriffs in zeitgenössischen künstlerischen Arbeiten.


Im Projekt werden anhand exemplarischer Fallbeispiele aktuelle künstlerische Re-Inszenierungen archivarischer Materialien untersucht, die Archive, Depots oder Sammlungen sowie das Archivieren selbst zum Thema ihrer Arbeit machen, indem sie archivarische und dokumentarische Materialien als Ausgangspunkt für den künstlerischen Arbeitsprozess heranziehen. Die Auseinandersetzungen mit den Ontologien und Normen von Archiven sowie den räumlichen, zeitlichen und sozialen Schnitten generieren Leerstellen, die es gilt sichtbar zu machen. Archive werden in diesen künstlerischen Positionen nicht in ihrer Finalität, sondern als Baukasten verstanden, die einen speziellen Fokus auf den Gedanken der Lücke als das Eigentliche des Archivs und die sich einschreibenden Selektionsmechanismen der Institution Archiv legen. Sie entwerfen keine Archive, sondern erforschen anhand einer künstlerischen Re-Inszenierung archivarischer Materialien eben diese epistemische Konstitution des Archivs. 


Ziel ist, die künstlerischen Praktiken der Re-Inszenierung von Archivbeständen zu analysieren und damit den Umgang zeitgenössischer Kunst mit den Möglichkeiten und Grenzen der Archive zu erforschen. Dabei wird das Archiv weniger zur reinen Forschungsquelle als zum exemplarischen Forschungsgegenstand für KünstlerInnen, indem es als Ort der aktiven Produktion zu einem epistemischen Labor wird. Es geht dabei nicht nur um die Möglichkeit neue Ordnungen zu schaffen, sondern um grundsätzliche Fragen nach den Grenzen des Archivs bezüglich der Kriterien des Auswählens, Erfassens, Systematisierens, Zugänglich- und Sichtbarmachens sowie um die kritische Auseinandersetzung mit dem Repräsentationsort Archiv und seinen Ordnungssystemen.

Veröffentlichungen

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Peter Bexte, Valeska Bührer, Stephanie Sarah Lauke (Hg.): An den Grenzen der Archive. Archivarische Praktiken in Kunst und Wissenschaft, Berlin: Kadmos Verlag 2016. Mit Beiträgen von Reem Akl, Lotte Arndt, Friedrich Balke, Peter Bexte, Lisa Bosbach, Valeska Bührer, Michael Crone, Susanne Foellmer, Paul Klimpel, Corinna Kühn, Stephanie Sarah Lauke, Boris Nieslony, Sven Spieker und Renate Wöhrer.  


2016  


Valeska Bührer, Stephanie Sarah Lauke: »Archivarische Praktiken in Kunst und Wissenschaft. Eine Einführung«, in: Peter Bexte, Valeska Bührer, Stephanie Sarah Lauke (Hg.): An den Grenzen der Archive. Archivarische Praktiken in Kunst und Wissenschaft, Berlin, S. 9–23.  


Valeska Bührer: »Zwischen Archiv und Künstlerprojekt. Die Arab Image Foundation in Beirut«, in: Peter Bexte, Valeska Bührer, Stephanie Sarah Lauke (Hg.): An den Grenzen der Archive. Archivarische Praktiken in Kunst und Wissenschaft, Berlin, S. 39–55.  


Stephanie Sarah Lauke: »Kunstgeschichte mit den Rundfunkarchiven schreiben – methodologische Chancen und Herausforderungen«, in: Peter Bexte, Valeska Bührer, Stephanie Sarah Lauke (Hg.): An den Grenzen der Archive. Archivarische Praktiken in Kunst und Wissenschaft, Berlin, S. 189–204.  


Peter Bexte: »Disjecta membra. Betrachtungen zum Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln«, in: ders., Valeska Bührer, Stephanie Sarah Lauke (Hg.): An den Grenzen der Archive. Archivarische Praktiken in Kunst und Wissenschaft, Berlin, S. 205–226.  


Stephanie Sarah Lauke: »Der Fernsehmitschnitt als Aktualisierung und Dokument der Erfahrung von Videokunst«, in: Klaus Krüger, Christian Hammes, Matthias Weiß (Hg.): Kunst/Fernsehen, Paderborn, S. 247–263 (im Druck).  


2015  


Valeska Bührer, Stephanie Sarah Lauke: »An den Grenzen der Archive. Ein Tagungsresümee«, in: Rundfunk und Geschichte, Jg. 41, H. 3–4, S. 59–61.


Stephanie Sarah Lauke: »Verbesserungswürdig. Ein Erfahrungsbericht zu den Zugangsregelungen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkarchive«, in: Rundfunk und Geschichte, Jg. 41, H. 3–4, S. 47–49.  


2014  


Stephanie Sarah Lauke: »Slow Actions: transformative approach to documenting moving image installations«, in: Hélène Dubois, Joyce H. Townsend, Jilleen Nadolny, Sigrid Eyb-Green, Stefanos Kroustallis, Sylvie Neven (Hg.): Making and Transforming Art: Technology and Interpretation, London, S. 145–146 (Poster zum Artikel).


Stephanie Sarah Lauke, Dirk Specht: »Zerfallen & Verschwinden. Paradoxien des Sammelns«, in: »verlieren«, off topic – Zeitschrift für Medienkunst, Nr. 5, Köln, S. 26–34.  


2013  


Valeska Bührer: »An den Grenzen der Archive – Der Künstler als Archivar«, in: Ulrich Hägele, Irene Ziehe (Hg.): Fotografie und Film im Archiv, Münster u. a., S. 222−229.  


2012  


Valeska Bührer: »Vom (Un)Wissen der Archive«, in: »zulassen«, off topic – Zeitschrift für Medienkunst, Nr. 4, Köln, S. 120−121.  


Stephanie Sarah Lauke: »Streaming Video Art. Beobachtungen zur Onlinedistribution und -präsentation von Videokunst«, in: Broadcast yourself? Versprechung und Enttäuschung, Hamburg, S. 69–84 (= Hamburger Hefte für Medienkultur, Nr. 12).

Veranstaltungen

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Konferenz "An den Grenzen der Archive"

Von 5. - 7. Februar 2015 fand an der Kunsthochschule für Medien Köln im Rahmen des DFG geförderten Forschungsprojekts "An den Grenzen der Archive - Neue kunstwissenschaftliche und künstlerische Herausforderungen im Umgang mit Archiven" die internationale Konferenz "An den Grenzen der Archive" statt.Die Audioaufzeichnungen der einzelnen Vorträge sowie Respondenzen können Sie nun hier anhören oder downloaden.

Materialien

Standpunkte zum Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln


In Köln von Archiven zu sprechen, ohne den Zusammenbruch des Historischen Archivs der Stadt zu erwähnen, ist unmöglich. Es war das bedeutendste stadtgeschichtliche Archiv nördlich der Alpen, mit Dokumenten und Objekten aus ca. tausend Jahren. Das Unglück geschah am 3. März 2009, die Aufarbeitung seiner Ursachen wie auch seiner Folgen ist im Jahre 2016 noch nicht abgeschlossen. Ein Jahr nach dem Zusammenbruch, am 5. März 2010, wurde im Berliner Martin-Gropius-Bau eine Solidaritätsausstellung eröffnet: Köln in Berlin – Nach dem Einsturz: Das Historische Archiv. Der Druck des Ausstellungskatalogs aber ist ausgerechnet vom Kulturdezernat der Stadt Köln verhindert worden. Als Reaktion darauf hat der Verlag Walther König die schon versammelten Texte als PDF auf seine Website gestellt, und zwar mitsamt einem Vorwort, das aus dem erstaunlichen Briefwechsel zwischen Verlag und Kulturdezernat zitiert. Der Text ist seit geraumer Zeit nicht mehr verfügbar. Wir danken dem Verlag Walther König für die Erlaubnis, ihn erneut ins Internet zu stellen:


Walther König (Hg.): Standpunkte. Kölner Persönlichkeiten zum Einsturz des historischen Archivs der Stadt Köln, Köln 2010. Texte von Konrad Adenauer, Mary Bauermeister, Jürgen Becker, Karin Beier, Alfred Biolek, Siegfried Gohr, Helmut Heinen, Günter Herzog, Friedrich Wolfram Heubach, Dietmar Jacobs & Jürgen Becker, Navid Kermani, Stefan Kraus, Alfred Neven DuMont, Christopher Freiherr von Oppenheim, Frank Schätzing, Fritz Schaumann, Ulrich S. Soénius, Martin Stankowski, Dieter Wellershoff, Jürgen Wilhelm.

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