Förderpreise des Vereins der Freunde für Junge Studierende der KHM 2018

KHM

Die Begründungen der Jury:

Die Preisverleihung fand am 13.11.2018 statt.
Aula der KHM
Filzengraben 2, 50676 Köln

Danila Lipatov (Diplomstudiengang I, 4. Semester)
Der unbedachte Biss in eine von Cholerabakterien befallene Erdbeere wird dem Protagonisten in Thomas Manns „Tod in Venedig“ zum tödlichen Verhängnis. In einer dieser Novelle entlehnten, um möglichst verfeinerten Ausdruck bemühten Diktion berichtet Danila Lipatov in seiner Video- Performance „tot in...“ von einer Italien-Reise zu zweit; auch hier erwachsen aus Details und Bagatellen ungeahnte Bedrohungen für den empfindsamen Ich-Erzähler und die angedeutete Beziehung. Doch auch der Vortrag des Textes selbst, live vom Künstler vor einer Projektion eigener Reisebilder gesprochen, ist wie von einem Virus befallen: Fremde Stimmen kapern den Monolog, die Eloquenz der Rede gerät ins Stocken, der Fluss der Worte stockt im Stottern, der Erzähler setzt wieder und wieder neu an. Die dokumentarische 16mm-Skizze „Kinder am Sonntag“ führt uns in die Parallelwelt der Enklave einer russisch-orthodoxen Gemeinde in Köln. Ihre lakonischen Bilder, Vorstudien für einen längeren Film, zeigen eine Gemeinschaft von Menschen beim Versuch, ihre kulturelle Identität zu wahren, im gemeinsamen religiösen Ritual wie auch im Spiel. Daniela Lipatovs Changieren zwischen Dokumentation und Inszenierung, eigenem und angeeignetem Material, filmischen Arbeiten und Performances verleiht seinem Werk eine mediale und stilistische Vielfalt und Lebendigkeit, die die Jury beeindruckt.

Max Mauro Schmid (Diplomstudiengang I, 6. Semester)
An einem Beton-Objekt sind zwei Körperschallerreger angebracht und bringen dieses mit kaum hörbaren Infraschall-Ereignissen und offenkundigeren Tönen akustischer Vermessung zum Schwingen. „fits u“ (2018) nimmt Bezug auf die mathematische Modellierung des Menschen, sowie deren Reintegration in architektonische Gestaltungs- und Planungsverfahren. Die Hauptquellen bilden Le Corbusiers Konzept des Modulors und dessen historischer Bezugsrahmen – Vitruv-Mann und Goldener Schnitt. Formgebung und Material der Arbeit sind zum Teil dem Vokabular brutalistischer Architektur entlehnt. „fits u“ untersucht dabei den Begriff des Modells und seine Implikationen – Idealisierung und Komplexitätsreduktion, Skalierung, Proportion und Normativität. Gleichzeitig manifestiert sich in dem Objekt das Negativ der Körperhaltung einer auf dem Bauch liegenden bzw. knieenden Person, wodurch eine quasi-physische Beziehung zur betrachtenden Person hergestellt wird. Den Kern der mixed media Installation „ctrl+esc“ bildet ein kinetisches Klangobjekt, dessen kontinuierlicher Ton durch zwei sich schneidende, magnetisch erregte Stahlsaiten erzeugt, abgenommen und verstärkt wird. Zugrunde liegt ein rückgekoppeltes System, dass auf den jeweils aktuellen Zustand durch kontinuierliche Anpassung reagiert. Den Hintergrund der Arbeit bildet die Beschäftigung mit systemtheoretischen Ansätzen von (unter anderen) Humberto Maturana und Francisco Varela, insbesondere deren Ansatz zur Definition der Autopoiesis und die darin zur Sprache kommenden reziproken und rekursiven Interaktionen eines Systems mit dem Milieu, die zu einem strukturellen Driften führen. Max Mauro Schmids Auseinandersetzung mit Systemen, die er in klanglichskulpturale Objekte und Installationen transformiert, überzeugt die Jury durch ihre Tiefgründigkeit. Seine Bereitschaft, sich auch den handwerklichen Umgang mit physischem Material und die Sprache immateriellen Klangs selbst anzueignen, ermöglicht ihm eine unverkennbare, poetisch-sperrige Formensprache, die immer eine Ambivalenz behält.

Maja Tschumi (Diplomstudiengang II, 2. Semester)
Sechs Wochen lang hat Maja Tschumi Sven Baumgartner mit der Kamera in seine selbstgewählte Isolation begleitet. Das einzige Hoffnung spendende Fenster in eine andere, märchenhafte Welt ist der Blick auf den Bildschirm des Video-Spiels „The Witcher“. Entstanden ist ein außergewöhnliches Porträt eines jungen, tief traumatisierten Mannes, für den sein digitales Alter Ego „Der Hexer“ eine erfolgreiche Überlebensstrategie geworden ist. – Auch Laura, die junge Balletttänzerin und die Protagonistin aus der zweiten dokumentarischen Beobachtung, lebt in einer von unserem Alltag entrückten Welt. Sie hat sich einer radikalen körperlichen und mentalen Selbstoptimierung unterworfen, um es zu einer der erfolgreichsten Tänzerinnen in St. Petersburg zu bringen. Was dieses „Regime“ mit dem jungen Mädchen macht, beobachtet die Filmemacherin ganz dicht, Laura immer auf den Fersen, vor und nach den Auftritten, Backstage und in der U-Bahn. Maja Tschumi überzeugt die Jury durch die Intensität der dokumentarischen Beobachtung und der virtuosen Montage ihrer filmischen Erzählform und einen unverkennbaren, eigenen künstlerischen Ausdruck.

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