In Erinnerung an Prof. Thomas Schmitt

ThomasSchmitt_2007_Kirsten_Glauner2.jpg
Thomas Schmitt (2007) Foto: Kirsten Glauner

Der Filmemacher, Autor und Produzent Thomas Schmitt war von 1995 bis 2016 Professor für Dokumentarfilm und Fernsehessay an der KHM. Am 28. März 2020 starb er nach längerer Krankheit im Alter von 70 Jahren. Ein Nachruf von Dietrich Leder, Kollege an der KHM, der ihn über 40 Jahre lang kannte.

Thomas Schmitt, der am 28. März nach längerer Krankheit im Alter von 70 Jahren starb, hat von 1995 bis 2016 an der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM) gelehrt. Mitte der 1970er-Jahre gehörte er zu den Pionieren, die mit dem neuen Aufnahmemedium analoges Video zu arbeiten anfingen. Er war Pionier in mehrfacher Hinsicht. Zum einen musste er, der zu dieser Zeit noch Theaterwissenschaften in Köln studierte, sich die neue Technik – ihre besonderen Verfahrensweisen etwa des linearen Schnitts, ihre Marotten und Möglichkeiten – im täglichen Versuch aneignen. So gehörte er zu einem Fernsehteam des Westdeutschen Rundfunks (WDR) um Wolfgang Drescher, das 1975 mit der neuen Technik die Demonstrationen gegen ein geplantes Atomkraftwerk im badischen Wyhl beobachtete und die Reportage tagesaktuell ins Erste Programm brachte. Politischer Journalismus, der damals die ARD auf Grund bayerischer Interventionen ins Wanken brachte. Zum anderen musste er die künstlerischen Möglichkeiten ausloten, die Video im Vergleich zum herkömmlichen 16 mm-Film, mit dem das Fernsehen, aber auch die alternative Medienszene arbeiteten, bot; so erlaubte Video die Möglichkeit, umfassender zu beobachten und längere Gespräche zu führen, da die Materialkosten der Bänder im Vergleich zu den Filmrollen ungleich niedriger waren.


1979 gründete er dann mit seinem Studienfreund Gerd Haag die Produktionsfirma Tag/Traum, deren Name an die Lektüre der Bücher des Philosophen Ernst Bloch erinnerte, und die auf allen Gebieten von Fernsehen und Kino tätig werden sollte. Sie investierten ihr Startkapital in die neue Videotechnik, die sie nicht nur für eigene Produktionen nutzten, sondern auch lukrativ an Sender wie den WDR vermieten konnten. Es waren solche eher kleinen Produktionsfirmen, die zum Experimentierfeld der neuen Technik wurden, und das ließen diese sich gut bezahlen. Wer wie Thomas Schmitt auf Draht war, sich diese Techniken rasch angeeignet hatte und sie zudem phantasievoll auszunutzen verstand, war für die Sender ein erster Ansprechpartner.


Diese Servicefunktion eröffnete für Gerd Haag und Thomas Schmitt umgekehrt alle Freiräume, denn die Kameras, das Studio, die Schnitt- und Tonmischanlage standen ihnen ja in der restlichen Zeit – und das hieß besonders für Thomas vor allem nachts – zur freien Verfügung. Tag/Traum muss man sich in dieser Zeit als eine Art Fernsehlabor vorstellen, in dem auch viele freie Mitarbeiter sich ausprobieren konnten. Mancher von ihnen wie Reinhold Beckmann machte später Karriere in ganz anderen Bereichen des Fernsehens.


Die Themen, mit denen sich Thomas in den folgenden Jahren beschäftigte, waren radikal subjektiv. Er musste auf etwas neugierig sein oder von etwas begeistert werden, dann widmete er sich dem mit Leidenschaft und Ausdauer. So schuf er beispielsweise viele Zeugnisse der Kölner Subkultur der 1970er- und 1980er-Jahre – von der Bildenden Kunst, etwa den Aktionen von Jürgen Klauke, über die Punk-Musik und Literatur etwa eines Charles Bukowski bis zu den Grauzonen der Kölner Ring-Kriminalität. Sein reichhaltiges Archiv war in den letzten Jahren immer wieder eine Anlaufstelle von Filmemachern, die nach besonderen Dokumenten dieser Zeit suchten. Und sie wurden fündig, zuletzt etwa Oliver Schwabe für sein Porträt von Jürgen Zeltinger „Asi mit Niwoh“.


Für das ZDF drehte er (zusammen mit Peter Steinbach) Ende der 1970er-Jahre einen klassisch beobachtenden Dokumentarfilm, der sich unter dem Titel „Menschen am Zaun“ den Bewohnern der Grenzregion zur DDR widmete. Für den WDR kontrastierte er (zusammen mit Stefan Köster) 1981 unterschiedliche Jugendkulturen im Gruppenporträt „Randale und Liebe“, dem er vier Jahre später „Cooltour“ folgen ließ. Den Extremen der Subkulturen, die er da aufspürte und dokumentierte, fühlte er sich verwandt. Das ermöglichte ihm Zugänge und Beobachtungen, die anderen verwehrt blieben. Die sozialen und kulturellen Randzonen der Stadt Köln kannte niemand so gut wie Thomas Schmitt, den man sich als nächtlichen Flaneur vorstellen muss.


Seine Entdeckerfreude wie seine Lust am kombinatorischen Spiel schlugen sich dann vor allem in seiner zehnteiligen Fernsehreihe „Freistil“ nieder. Diese zunächst von Dagmar Rosenbauer, später von Christhardt Burgmann betreute WDR-Reihe, die 1989 begann und 1992 endete, war ein Unikum im deutschen Fernsehen. Ein Magazin ohne Moderator, das zu zentralen Themen, die sich den Titeln der einzelnen Sendungen wie „Das Geheimnis des Rattenkönigs“, „Das Fleisch der Götter“ oder „Der Geist in ein Knochen“ kaum entnehmen lassen, möglichst vielfältige Materialien zusammenklaubt und in aberwitzigen Montagen miteinander verbindet. Da wird von dem Video-Clip einer Heavy-Metall-Band mühelos zu einer Sentenz eines Philosophen geschnitten, folgt auf die Beobachtung einer religiösen Zeremonie der Ausschnitt aus einem Spiel- oder das Fragment eines Animationsfilms.


In der Vielfalt der zehn Ausgaben blieben die Ingredienzien stets dieselben: Fundstücke aus den Archiven des WDR, Entdeckungen im Bereich der Bildenden Kunst und des künstlerischen Films, selbstgedrehte dokumentarische Aufnahmen in Europa und in Asien, von Schmitt selbst geführte Interviews mit geisteswissenschaftlichen Koryphäen der Zeit wie Christina von Braun, Eva Meyer, Jochen Hörisch, Rudolf Kaehr, Friedrich Kittler oder Peter Weibel, schließlich selbstgedrehte oder übernommene Musikclips des Avantgarde-Pop, die den Takt der jeweiligen Ausgabe vorgaben. Feste Bestandteile im Ton waren die Kommentartexte (Co-Autor: der Literaturkritiker Hubert Winkels), die von Christian Brückner gesprochen wurden, während die jeweiligen Einleitungs- und Schlusstexte Egon Hoegen las, der die legendäre Stimme vom „7. Sinn“, der verkehrskundlichen Reihe der ARD war. Hinzu kam als Auftaktmusik das Gitarrenriff von „Pinball Wizzard“ der Who, das signalisierte, dass es hier rasch zur Sache gehen würde.


Vieles, wenn nicht alles wurde steil formuliert – im Kommentar wie von den Geistesgrößen. Manches entpuppte sich im Abstand als wilde Spekulation oder gar als gedanklicher Kurzschluss. Anderes war von Beginn das, was man heute einen Fake nennt. Aber das machte und macht bis heute nichts aus. Denn es ging in „Freistil“ weniger um Wahrheiten als vielmehr um die Irritation dessen, was in den Jahren von 1989 bis 1992 als alltäglich galt. Thomas Schmitt unterminierte in seinen „Mitteilungen aus der Wirklichkeit“ eben das, was wir als Wirklichkeit so ernst nehmen, dass es als selbstverständlich gilt. Das trug der Sendung die Anerkennung einer neuen Medienkritik ein, die sich nicht mehr allein an Inhalten orientierte, sondern die längst die Routinen des Fernsehens selbst kritisch prüfte. Diese Medienkritik fand sich im intellektuellen Spiel von Thomas Schmitt wieder. Anerkennungen wie der Grimme-Preis 1990 für die Ausgabe „Krieg und Fliegen“ – Sprachspiele und Kalauer gab es in seinen Sendungen jede Menge – und hymnische Diskussionen auf der Duisburger Filmwoche waren der Lohn.


Für die Redakteurinnen und Redakteure im WDR war „Freistil“ nicht nur eine intellektuell anregende Produktion, sondern stets auch eine besondere Herausforderung in arbeitstechnischer Hinsicht. Denn Thomas Schmitt, der – wie gesagt – am liebsten nachts arbeitete, schnitt an den einzelnen Ausgaben mitunter bis Stunden vor der Ausstrahlung, so dass immer neue Fassungen ad hoc redaktionell abzunehmen waren. Aber sie taten das gerne und mit Begeisterung. Im heutigen WDR-Fernsehen sucht man solch eine intellektuelle Herausforderung wie diese Begeisterung vergebens. Im gegenwärtigen Programm ist alles überdeutlich, alles zu Ende erklärt und das meiste in Sentenzen gestanzt. Die Wirklichkeit, die Thomas Schmitt unterminierte, ist im Fernsehen längst wieder zubetoniert und als sakrosankt erklärt.


Als die KHM nach Personen suchte, die für ein anderes Fernsehen standen und die jenseits des Mainstreams arbeiteten, kam sie 1995 auf Thomas Schmitt, der auf eine Professur für Fernseh-Essay berufen wurde. In der Hauptsache unterrichtete Thomas Schmitt Dokumentarfilm, weil das Essayistische als Einstieg dann doch eine Überforderung darstellte. Wie kein anderer Lehrender setzte er sich meist selbst an den erst linearen analogen Videoschnittplatz, später an die digitalen Schnittcomputer. Betulichkeit, umständliche Erklärungen, langwierige Einleitungen waren seine Sache nicht. Wenn es ihm zu langweilig wurde, konnte er sein Verdikt schon scharf formulieren. Aber das klärte Verhältnisse und schuf eine Vertrauensbasis, auf der viele wichtige Arbeiten entstanden von Studentinnen und Studenten wie Bettina Braun, Laurentia Genske, Jürgen Brügger/Jörg Haaßengier, Miriam Gossing/Lina Sieckmann, Constanze Klaue, Elke Lehrenkrauss, Claudia List, Katharina Pethke, Jasin Challah, Julius Dommer, Robin Humboldt, Hannes Lang, Oliver Schwabe und viele andere mehr. Bündnispartner in der Lehre fand er neben den Kolleginnen und Kollegen der Fächergruppe Fernsehen/Film bei Künstlern wie Jürgen Klauke und Marcel Odenbach oder Kunst- und Medienwissenschaftlern wie Siegfried Zielinski.


Thomas, der körperlich durchaus einen robusten Eindruck machte und gelegentlich auch derb zu formulieren verstand, war sensibler, als es sein Äußeres und sein Auftreten vermittelten. Er war zum Beispiel ein Genießer, der sich von einer besonders zubereiteten Mahlzeit oder einem besonderen Wein begeistern konnte. Und der von Bildern, die er selbst aufgenommen hatte oder die er in Filmen von Studentinnen und Studenten entdeckte, geradezu hymnisch schwärmen konnte. Die filmischen Einstellungen durften nur nicht zulange stehen, dann wurde er ungeduldig.


Im Fernsehen wurden seine Arbeiten im Lauf der 2000er-Jahre immer weniger gefragt. Es entstanden aber noch besondere Filme wie „Das Tribunal“, für den Thomas den Prozess gegen Slobodan Milosevic vor dem Internationalen Gerichtshof über längere Zeit beobachtete. Das trug ihm ein, als Quelle in der grundlegenden Studie „Medien der Rechtsprechung“ von Cornelia Vismann genannt zu werden. Zusammen mit Thomas Steinfeld realisierte er im selben Jahr den Film „Eden, Endstation: Die Luftschlösser von Capri“, der Gegenwart und Vergangenheit der mondänen Urlaubsinsel untersuchte und schöne Bilder mit wildesten historischen Assoziationen verband.


Noch zweimal setzte er zu neuen Ausgaben von „Freistil“ an: 2012 gab es im Doppelpack die Folgen „Was die Waschmaschine träumt“ und „Wer hat Angst vor der Schwarzen Frau“, die Kathrin Brinkmann, langjährige Redakteurin von Thomas Schmitt bei Arte, im Thementag „Schwarz/Weiß“ unterbringen konnte. Sechs Jahre später schmuggelte die Arte-Beauftragte des WDR Sabine Rollberg, die seit 2008 nebenberuflich an der KHM lehrte, ein letztes Mal Konterbande von Thomas ins Programm von Arte: „Ein Aal im Kornfeld“, erneut eine Mischung, wie Reinhard Lüke in seiner Kritik der Medienkorrespondenz schrieb, aus „luzidem Filmessay und launiger Revue“. Es geht um Lebewesen der Meere und Flüsse – von einer riesigen Sardine, die vor einer kanarischen Insel ins Netz von Fischern ging, über den Aal als Sexualsymbol bis zum Biber, der vom Konstanzer Konzil im 15. Jahrhundert zum Fisch erklärt wurde, damit man ihn während der Fastenzeit verspeisen durfte.


Thomas Schmitt schied Anfang 2017 altersbedingt aus der KHM aus. Einer ihm angetragenen Abschiedsfeier versagte er sich. Erst als er die Fisch-Revue „Ein Aal im Kornfeld“ kurz vor der Fernsehausstrahlung in der Hochschule zeigen wollte, stimmte er einer solchen Verabschiedung zu. So sahen viele Absolventinnen und Absolventen, Kolleginnen und Kollegen, Freundinnen und Freunde im Sommer 2018 noch einmal eine dieser besonderen filmischen Arbeiten von Thomas. Sie feierten ihn an diesem Abend als Filmemacher und Hochschullehrer gleichermaßen. Immer dann, wenn es in den Reden zu feierlich wurde, intervenierte Thomas mit launigen Worten. Zum Heiligen wollte er, der Radikale im öffentlich-rechtlichen System, nun nicht erklärt werden.


Dietrich Leder, 3. April 2020

Zur Verbesserung der Benutzerfreundlichkeit verwenden wir Cookies.
Durch die Nutzung unserer Webseite stimmen Sie unseren Datenschutzbestimmungen zu und erlauben uns die Verwendung von Cookies.
Bitte warten