Anja Dreschke: Tarantism Revisited

KHM
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"Antidotum Tarantulae", Ausschnitt aus / detail of Athanasius Kircher: "Magnes, sive de arte magnetica opus tripartitum" (Coloniae Agrippinae, 1643)

Medialisierungen eines süditalienischen Trancekultes. Vortrag von Anja Dreschke, Fellow an der KHM.

Das medienethnologische Film- und Forschungsprojekt ›Tarantism Revisited‹ untersucht, wie Traditionen und kulturellen Identitäten durch populäre religiöse Praktiken gestaltet und mobilisiert werden und geht der Frage nach wie die ethnografische Bildproduktion auf aktuelle Prozesse der Revitalisierung und der Medialisierung des süditalienischen Tarantismus zurückwirkt, ein kulturelles Phänomen, das von Medizinern im Mittelalter auch als ›Tanzwut‹ oder ›Choreomania‹ bezeichnet wurde. Betroffen waren zumeist Frauen, deren Anfälle und Ekstasen auf den Biss einer Spinne zurückgeführt wurden. Heilung versprach die Pizzica, eine besondere Form der Musiktherapie, bei der die Betroffenen auf bestimmte Melodien, Rhythmen, aber auch auf Farben reagieren und oft tagelang bis zur kompletten Erschöpfung tanzen mussten. In den 1950er und 1960er Jahren entstanden eine Reihe einzigartiger Bild- und Tondokumente, die das Bild des Tarantismus bis in die Gegenwart prägen.

Seit den 1990er Jahren sind Pizzica und Tarantella als Teil der lokalen Folklore Apuliens zu einer wichtigen kulturellen und ökonomischen Ressource geworden: als Touristenspektakel, als immaterielles Kulturerbe, als female empowerment und nicht zuletzt als Strategie zur Bewältigung individueller und kollektiver Krisen.


Anja Dreschke ist Ethnologin, Filmemacherin und Kuratorin und war 2018 Fellow an der KHM. Ihre Forschungsinteressen und Veröffentlichungen liegen im Bereich von Visueller Anthropologie und Medienethnologie, künstlerischer Forschung und der Forschung mit audiovisuellen Medien. Seit einigen Jahren arbeitet sie zu ekstatischen Praktiken und ihren Medialisierungen in Italien und Marokko. ›Tarantism Revisited‹ entsteht in Zusammenarbeit mit der Visuellen Anthropologin Michaela Schäuble (Universität Bern), auf deren Forschungen zum Tarantismus das Projekt basiert und wird vom Schweizer Nationalfonds gefördert. Ein Schwerpunkt des Projektes liegt auf der Verwendung von 360° Video für die Untersuchung und Darstellung ritueller Trance.


Publikationen (Auswahl): Michael Oppitz. Mythische Landschaften, hrsg. mit Barbara von Flüe, Kolumba – Kunstmuseum des Erzbistums Köln, 2018; Reenactments. Medienpraktiken zwischen Wiederholung und kreativer Aneignung, hrsg. mit Raphaela Knipp et al., Bielefeld: transcript, 2016; Trance Mediums and New Media. Spirit Possession in the Age of Technical Reproduction, hrsg. mit Heike Behrend & Martin Zillinger, New York: Fordham University Press, 2015; Die Stämme von Köln, 2011, Dokumentarfilm, 90 Min.

Redaktion — Juliane Kuhn
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