Sesterce d’argent für den besten mittellangen Film 2018

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Beim renommierten Dokumentarfilmfestival in Nyon "Visions du Réel" wurde Ilja Stahl für seinen Abschlussfilm an der KHM "Touching Concrete" (2017, 58 Min.) ausgezeichnet.

Ilja Stahl hat mit seinem in Johannesburg gedrehten Dokumentarfilm über zwei Jugendliche sein Studium an der Kunsthochschule für Medien Köln absolviert. "Touching Concrete" (2017 58 Min.), eine gemeinsame Produktion von Weydemann Bros. GmbH und KHM, feierte seine Urauführung beim Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm 2017 und wurde beim Festival Visions du Réel 2018 nun erstmals international präsentiert. Bei der feierlichen Preisverleihung am 21. April zeichnete die Jury den Film mit dem Preis für den besten mittellangen Film 2018, dotiert mit 10.000 Schweizer Franken, mit folgender Begründung aus: "Ein grosszügiger Film, der seinen Darstellern eine einzigartige und seltene Freiheit lässt. Sie tauschen sich unverblümt und ehrlich über ihre Gedanken und Ängste aus. Sie können ihrer Umgebung nicht entfliehen und müssen die Gewalt akzeptieren, um überleben zu können. Ihr Aufbegehren kommt über den Tanz – ein Tanzen, welches das Leben feiert und in die Zukunft blickt."  

Die neue Festivalleiterin Emilie Bujès hatte insgesamt drei Dokumentarfilme von KHM-Studierenden für das diesjährige Programm ausgewählt. Im Wettbewerb wurde neben "Touching Concrete" auch der Abschlussfilm "The Fear of Dying in Transit" von Ian Purnell uraufgeführt. In die Sektion "Opening Scenes" war der Abschlussfilm von Stefan Ramirez Pérez "Confluence" eingeladen, der beim Filmfestival in Rotterdam in diesem Jahr uraufgeführt wurde.

The Fear of Dying in Transit von Ian Purnell (2018, D/Schweiz, 29 Min.)
Der Film, der bei der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels gedreht wurde – dem längsten Eisenbahntunnel und selbsternannten «sichersten Tunnel der Welt» – spielt in einem Abschnitt, der für Evakuierungsübungen im Notfall und touristische Besichtigungen bestimmt ist. Hier begegnen sich Sicherheitsexperten, eine Therapeutin, die ihren Patienten mit Hypnose beim Überwinden ihrer Tunnelphobie hilft, eine Schauspielerin, die selbst an dieser Phobie leidet, und ein von der Zukunft des unterirdischen Transports überzeugter Unternehmer. Die Einstellungen wechseln von einer Höhlenkulisse zur glatten Perfektion einer Rekonstruktion in 3D und – nach dem Vorbild der Röhren, die der Film erforscht – schlägt die Erzählung verschiedene, komplexe, mitunter unerwartete Wege ein, spielt mit einem ebenso ironischen wie hypnotischen Ton und verschachtelt die Erzählebenen so gut, dass Wirklichkeit und Simulation bisweilen schwer voneinander zu unterscheiden sind. Die Gleichzeitigkeit dieses Orientierungsverlusts und einer plastischen Perfektion, die für absolute Kontrolle steht, macht diesen meisterhaft ausgeführten Film aus, in dem sich Rituale und Phobien als die beiden Facetten unserer Beziehung zum Raum entpuppen. (Céline Guénot)
Vorführtermine: 19. April, 12:30 Uhr, Salle Colombière, 20. April, 14:15 Uhr, Usine à Gaz

Touching Concrete von Ilja Stahl (2017, D/Südafrika, 58 Min.)

Hillbrow, ein von hohen Gebäuden übersätes Quartier Johannesburgs, das Tebogo und Karabo als Spielplatz dient, und dessen Betonlandschaft vom unablässigen Klanggewirr der Strassen widerhallt, ist ein übervölkerter Vorort, wo das Leben nicht viel wert ist. Die beiden Freunde, beide knapp fünfzehn, haben an Schule wenig Interesse, werden von ihren alleinerziehenden Müttern, mit denen sie in Konflikt stehen, weitgehend sich selbst überlassen und verbringen den Sommer damit, der Langeweile so gut wie möglich zu entgehen. Wenn sie sich nicht unter die Banden der Älteren mischen, die in Parkhäusern tanzen oder in die urbane Hölle aufbrechen, scheinen sie vom Dach ihres Hauses aus über die Stadt zu wachen. Wie einer der beiden vor der Kamera spasshalber sagt, sieht man von hier aus «ganz Afrika», im nächsten Atemzug erzählt er, wie am Vortag drei Kinder direkt unten vor dem Haus starben, als sie bei einem Autorennen von Autos erfasst wurden. Mit "Touching Concrete" zeigt Ilja Stahl die gewaltgeprägte Welt von Jugendlichen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als die drohend über ihrer Zukunft hängenden Wolken zum Besten zu halten und der Willkür zu entkommen, in die sie hineingeboren wurden. (Emmanuel Chicon)
Vorführtermine: 19. April, 14:30 Uhr, Salle Colombière, 20. April, 16:15 Uhr, Usine à Gaz


CONFLUENCE von Stefan Ramirez Perez (2017, 21 Min.)
Doris Bizetić zählt zu den berühmtesten serbischen Popstars, und ihre Geschichte ist eng mit der jüngeren Geschichte des Landes verbunden, in dem die Folgen des Krieges noch präsent sind. Confluence bietet einen scharfsinnigen Blick auf die serbische Geschichte und erzählt von den intimen Erfahrungen eines Stars mit den politischen, sozialen und architektonischen Veränderungen der letzten Jahre. Dieses Porträt von Bizetić ist auch ein Porträt Serbiens. (Elena López Riera)
Vorführtermine: 17. April, 14 Uhr, Usine à Gaz

Redaktion — Ute Dilger
Trailer von "Touching Concrete" von Ilja Stahl
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TOUCHING CONCRETE Trailer
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