»15 Minuten« (2): Militanz

In den »15 Minuten«-Gesprächen finden in unregelmäßigen Abständen improvisierte, assoziative und heuristische Gespräche zu verschiendenen Themenstichworten statt. Diesmal geht es um »Militanz«.
In unregelmäßigen Abständen sollen auf Pop Sub Hoch Gegen unter dem Titel »15 Minuten« Gespräche zu verschiedenen Themenstichworten veröffentlicht werden. Das zeitlich begrenzte Format eines 15minütigen Dialogs kann dabei Formen des Improvisierten, Assoziativen und Heuristischen annehmen und widmet sich jeweils Begriffen oder Phänomenen, die im weitesten Sinne unter Bezug auf Subkulturen und/oder Popkulturen beschrieben werden können.

Nach einem Gespräch zum Thema »Punk« im Zuge der ersten »15 Minuten« diskutieren Hans Ulrich Reck und Konstantin Butz während der zweiten »15 Minuten« das Thema »Militanz«:

Konstantin Butz: Was genau bedeutet Militanz? Was verstehen Sie darunter? Hat Militanz immer auch etwas mit Militarismus zu tun? Und ist Militanz eigentlich immer negativ konnotiert?

Hans Ulrich Reck: Um mit letzterem anzufangen: Nein, es muss nicht unbedingt immer negativ konnotiert sein. Militanz bezeichnet als Begriff etwas Kämpferisches. Das muss auch nicht militärisch sein. Das wäre schrecklich. Das würde ich völlig ablehnen. Wenn jemand militant ist, dann meint man zunächst, dass diese Person kompromisslos für eine Sache eintritt. Interessanterweise gibt es übrigens im französischen Sprachgebrauch – häufig bei gewerkschaftlichen Manifestationen – die Rede von »les militants« und das heißt einfach: die Angehörigen oder die Vertreter einer bestimmten Sache. Allerdings sind diejenigen gemeint, die nicht zu Hause sitzen, sondern die auf die Straße gehen. Es ist also mit der Militanz ein Mehraufwand an Handlung verbunden. Es bleibt nicht nur kontemplativ. Aber natürlich meinen wir mit Militanz schon auch etwas Kämpferisches, vielleicht sogar unter Umständen etwas Gewalttätiges. Aber auch das muss nicht per se negativ sein.

Butz: Dort würde sich dann sicher auch gleich die Frage nach der Legitimität von Militanz anschließen. Was für Szenarien sind denkbar, in denen Militanz legitim oder angebracht, wenn nicht sogar notwendig ist?

Reck: Ich merke, dass es ein sehr komplexes und schwieriges Thema für unsere »15 Minuten« ist. Ich versuche trotzdem, möglichst kurz zu antworten. Die Legitimation ist ja eine moralische Berechtigung. Es gibt einen großen Bereich, in dem das über die Jahrhunderte diskutiert worden ist und das ist der sogenannte Tyrannenmord. Ich zähle zu denjenigen, die ihn für legitim halten. Das ist eine Militanz, die ist in sich legitimiert: einen Tyrannen zu töten, unter allen Umständen. Das heißt nicht, dass es politisch klug ist, das zu tun. Das heißt auch nicht unbedingt, dass es geboten ist. Aber es ist allemal legitimiert. Genau so sind viele Nothilfeaktionen von Nicht-Regierungsorganisationen legitim. Zum Beispiel hat eine Organisation wie Greenpeace auch viel Illegales gemacht: die dringen ein, die handeln und verletzen Rechte, die sind militant. Das Meiste von dem was sie tun, halte ich für legitim. Die Legitimität bemisst sich an einer gewissen Nützlichkeit für die Gesamtgesellschaft. Das heißt, eine Militanz orientiert sich an bestimmten Werten und wenn sie tatsächlich ein verstelltes Allgemeinwohl befördert, dann ist sie gerechtfertigt. Nun gibt es aber natürlich auch viel Militanz, die überhaupt nicht an solche Werte gebunden ist, sondern die eine Marginalität manifestiert, etwas Subkulturelles, etwas Verborgenes oder etwas im Sinne eigener Setzungen. Da wird Militanz ambivalent. Sie kann dann extrem interessant sein, aber sie ist nicht übergeordnet legitimiert.

Butz: Wenn ich recht frei zum Thema Militanz assoziiere und das Ganze etwas in Richtung subkultureller Bewegungen weiterdenke, dann fällt mir der Philosoph Paul Virilio ein, der dafür bekannt ist, dass er sehr viel über Geschwindigkeit nachgedacht hat und zwar im Zusammenhang mit Militär, Militärischem und sicherlich auch Militanz. Auch wenn ich diesen Zusammenhang von Geschwindigkeit und Militanz hier nur thesenhaft andeuten kann, finde ich ihn sehr interessant. Vielleicht verbirgt sich im Aspekt der Geschwindigkeit eine besondere Form von Militanz bei Jugendsubkulturen. Frei nach dem Motto: »Live fast, die young!« Also in äußerster Radikalität mit äußerster Militanz für seine Sache, was auch immer das gerade ist, einzustehen: schnell und trotzdem – oder gerade deswegen – radikal und militant leben.

Reck: Das ist ein interessanter Gedanke, dem ich über weite Strecken folgen kann. Militanz in Subkulturen kann durchaus etwas beschreiben, was mit Jugendlichkeit zu tun hat. Das gilt natürlich nicht für alle Subkulturen, aber es ist gewiss ein militanter Ansatz, sich bedingungslos einer Sache zu verschreiben, einer Sache, die am Ende wichtiger ist als das eigene Leben und bei der nicht auf übliche Werte Rücksicht genommen wird. Das hat etwas damit zu tun, ein unbedingtes Ideal bedingungslos zu verfolgen. Auch künstlerische Kompromisslosigkeit kann solche Ausdrucksformen von Militanz haben. Normalerweise ist ja auch ein bestimmtes Agieren gemeint: etwas aufzurütteln, etwas wachzurütteln, etwas zu vertreten, das ansonsten im Mainstream nicht üblich ist. Wenn ich jetzt auch assoziierend einen Gedanken anschließe, der gleich ins Unangenehme zielt, dann habe ich den ungeschützten Verdacht, dass die komplette Konformität der Rockmusik, also der Wechsel von der Sub- und Gegenkultur zum Mainstream, ein Vakuum hinterlässt, in dem keine Militanz mehr möglich ist, weil dort ja nur noch Konsummenschen ihre Lämpchen und Feuerzeuge schwenken. Das ist unerträglich; eine Massenveranstaltung, bei der es um gar nichts mehr geht. Da fragt man sich dann schon, wohin die Radikalisierungspotentiale abwandern. Und wenn ich gleichzeitig diese ekelerregenden Dokumente im Fernsehen sehe, in denen Massenmörder des »Islamischen Staates« gezeigt werden, und dann feststelle, dass die so aussehen, wie früher Popstars ausgesehen haben, und zwar die auffälligeren unter ihnen, dann stutze ich. Man fragt sich, ob es sein könnte, dass die Bedingungslosigkeit von Idealen woanders hingewandert ist, wo sie tatsächlich illegitim ist, gefährlich und pervertiert. In Gesellschaften der permissiven Toleranz, wo es um nichts mehr geht, also um wirklich rein gar nichts, um es provokativ zu sagen, da fehlt ein Potential der Auseinandersetzung und Reibung. Das ist mit ein Grund dafür, dass sich Leute, die sich ansonsten in diesem System gegenkulturell geäußert hätten, fundamentalistisch werden und irgendwohin abwandern. Wenn wir nochmal auf die Punks zurückkommen, über die wir beim letzten »15 Minuten« Gespräch diskutiert haben, da haben wir festgehalten, dass Punks zum Teil die Militanz gegen sich selber gerichtet hatten, um das dann offensiv vorzutragen. Wer mit Bereitschaft zur Selbstverletzung so aggressiv herumläuft, kündigt den Konsens auf, aber kommuniziert wenigstens noch. Da bleibt man noch im Symbolischen gegenüber anderen. Wieder kann man fragen: wo sind diese Potentiale hin?
Meine Ausführungen sind dilettantisch, meint: ungeschützt suchend, und sollen auch so bleiben, sind so gemeint. Das ist ein argumentatives Herumtasten. Ich will auch an die RAF erinnern, die keine Jugendbewegung mehr war, aber sich aus vielem speiste, was damit zu tun hatte. Die Radikalität blieb sehr lang im Symbolischen; gerade Ulrike Meinhofs Texte gegen Unterdrückung und über Bedingungen im Heim und nicht aufgearbeitete NS-Vergangenheit. Das Militante an dieser Subkultur hat sie dann zu einer bewaffneten Gegenkultur gemacht, die aber sehr selektiv war. Die Militanz war zielgerichtet und hatte nie die Dimensionen dessen, was wir heute erleben. Aber es gab den Punkt der Überschreitung und es wurde getötet. Diese Anmaßung, also das Töten, im Namen von was auch immer, ist ein Fundamentalismus. Ich würde dann nicht mehr sagen, dass das militant, sondern dass es terminal, kriminell und mörderisch ist. Diese mörderische, bewaffnete Militanz ist etwas anderes als die Bereitschaft zur Militanz in einem Sinne, der für Subkulturen wichtig ist.

Butz: Was bei der RAF in der Retrospektive besonders interessant ist, ist die Inszenierung und auch Historisierung dieser Gruppierung und ihrer Zeit. Es hat fast eine Art popkultureller Mythologisierung stattgefunden, die bis hin zur ganz bewussten Vermarktung des Phänomens RAF reicht. Dabei wird deutlich, wie wichtig die Rolle von medialen Darstellungen in diesem Kontext ist und dass hier durchaus Strukturen wirken, die man auch in der ›klassischen‹ Subkulturforschung und der Auseinandersetzung mit ›harmloseren‹ Subkulturen immer wieder findet: Es geht um Symbole, Moden, Stilelemente und hierarchisch organisierte Leitfiguren. Man hat bei vielem, was über die RAF medial – zum Beispiel und besonders im Kino – vermittelt wird, den Eindruck, dass vielmehr ein Zeitgeist beschworen wird, als dass eine Auseinandersetzung mit Inhalten und Problematiken stattfindet, die in der Gesellschaft gewirkt haben. Wenn man jetzt diese zugegebenermaßen sehr schräge Parallele zum so genannten »IS« zieht, sieht man, wie wichtig auch dort die mediale Inszenierung ist, wie durchschaubar und fast plump und offensichtlich mit ganz bestimmten Symbolen und Selbstdarstellungen gearbeitet wird. Verspricht dort Militanz vielleicht fast so etwas wie eine Form der ›Coolness‹? Das wäre natürlich im Hinblick auf die Taten eine Verharmlosung, aber es entsteht ja zum Teil schon der Eindruck, dass diese Militanz und das militante Auftreten zumindest sehr wichtig sind für die Bildung einer eigenen und eindeutigen Identität.

Reck: Auch das erforderte weitgreifende Analysen, zu denen ich derzeit nicht nur aus Zeitgründen nicht im Stande bin. Aber da wir das Thema im Gespräch aufgreifen, möchte ich auch etwas dazu sagen. Es mag sein, dass sich durch diese Inszenierung eine ›Coolness‹ einstellt, ich glaube aber, dass ein anderer Effekt sehr viel wichtiger ist. Bei meinen eigenen Berührungen mit militanten Subkulturen über die Jahrzehnte habe ich immer auch beobachtet, dass intern ein unglaublicher Druck existiert. Diese ›Coolness‹, die sich nach außen darstellt, beruht auf rigidesten Einhaltungen von Normen nach innen. Das beinhaltet Gewalt, Herrschaftsverhältnisse und auch auf das Totale hin angelegte interne Kontrollen, recht eigentlich auch hier: Terror. Wer nicht spurt, fliegt raus oder, meistens, noch Schlimmeres. Man darf das nicht romantisieren. Dass es zum Beispiel in Bezug auf die RAF verschiedene Dokumente gibt, die natürlich auch publizistisch historisiert werden und deshalb zugleich in Form von nostalgischen Verklärungen und popkulturellen Mystifikationen zu Tage treten, sehe ich genau in dem Zusammenhang, dass in dieser Gesellschaft Militanz nicht mehr möglich ist. Man fragt nicht mehr nach den Gründen und Implikationen. Es ist eine grundlose Verklärung, die im Grunde gegenüber allen Opfern obszön ist. Und dazu zähle ich jetzt alle. Nicht nur die Opfer im primären Sinne, sondern alle, die mit ihrem Leben bezahlt haben, sei es als direkte Opfer oder sei es als Opfer ihrer eigenen Militanz. Wenn wir vom »Islamischen Staat« reden, ist natürlich klar, dass das eine Gegenkultur ist, die ein ganz eigenes Normsystem hat und eine unglaubliche Militanz entwickelt, aber gleichzeitig auf einer fundamentalistischen Religion beruht und das ist natürlich eine fatale Mischung. Die RAF war nur sektiererisch religiös. Ob der »IS« eine Sekte ist, das ist dann wirklich eine spitzfindige Frage. Aber man fragt sich schon, was sich da abspielt, wenn Sekten zu solcher Gewalt greifen. Wie haben Sie denn zum Beispiel unter diesem Aspekt die Geschichte um Charles Manson rezipiert? Wieso schert eine Gegenkultur aus und wird mörderisch?

Butz: Bei diesen Geschehnissen war ich kein Zeitzeuge und habe das immer mit langem Abstand medial vermittelt rezipiert. Dabei fällt auf, dass Charles Manson popkulturell nicht unbedingt und in erster Linie als verrückter Massenmörder dargestellt wird, sondern eher als eine ›spannende‹ Figur, fast auch wieder als Popstar. Das Wort ›Coolness‹ ist dabei sicher nicht ganz richtig und ich benutze es hier unter Vorbehalt, aber man spürt, dass vieles in eine Figur wie Charles Manson hineinprojiziert wird, das als ›cool‹ gelten könnte. Genau so, wie es für eine gewisse Generation spannend und anziehend – vielleicht eben ›cool‹ – war, dass Andreas Baader gerne Porsche gefahren ist, bleibt von Charles Manson besonders im kulturellen Gedächtnis, dass seine Sekte mit Strandbuggys herumgefahren ist und Kontakt zu vielen Stars und Musikern, wie den Beach Boys hatte. Die abgründige Seite wird dadurch verklärt.

Reck: Genau so, wie die dunkle Seite der Beach Boys verharmlost und ausgeblendet wird. Ich sehe eine Parallele zwischen Charles Manson und dem »Islamischen Staat« und zwar in diesem apokalyptischen Fundamentalismus. Manson hat eine Sekte gegründet, die davon überzeugt war, dass die großen Feinde kommen, die Welt untergeht und dass sie dann zu den Auserwählten gehören, die eine neue Menschheitskeimzelle bilden. Dieses Wahnsystem pathologischer Apokalypse ist allerdings überhaupt nicht cool. Das behaupten zwar vielleicht einige Menschen in einem fehlgeleiteten Sinn so und sehen es als komisch und sexy. Da würde ich aber strikt dagegen argumentieren. ›Cool‹ ist jemand wie Miles Davis. Der hat auch die ›Coolness‹ erfunden, geprägt und vertreten. Man könnte eher sagen, dass ›Coolness‹ bedeutet, bei aller Militanz noch im Symbolischen zu bleiben. Das wäre ›cool‹. Miles Davis hätte genügend Grund gehabt, auch zur Waffe zu greifen. Aber ›cool‹ ist, wer militant bleibt und im Symbolischen kommuniziert. Manson und seine Sekte waren nicht ›cool‹, sondern apokalyptische Fanatiker, zu deren Programm unter Umständen auch die Eliminierung derjenigen gehörte, die nicht diesem Programm der Auserwähltheit und des Fundamentalismus folgten. Damit stehen sie exakt in der Nähe des »Islamischen Staates«.

Butz: Zum Abschluss dieser »15 Minuten« möchte ich zumindest kurz noch einmal auf die Kunst zu sprechen kommen. Inwiefern kann Kunst militant und radikal sein?

Reck: Kunst kann radikal bis ins Extremste sein, aber immer in der Brechung der Militanz an der Stelle, wo sie das Symbolische verlässt. Das ist etwas, was bleibend ist am Lebenswerk von Bazon Brock: Er hat herausgestellt, dass die Kunst eine Kraft der Radikalisierung ist, sie aber im Symbolischen verbleibt. Das ist ihre Aufgabe. Wenn die Kunst das überschreitet, dann wird sie totalitär. Kunst besteht in einer Doppelgestalt, einer Ambivalenz und Ambiguität: Radikalität im Ausprobieren von allem, dies aber stets im Symbolischen belassend, so dass man weiter kommunizieren, weiter handeln und sich selber relativieren kann. Das ist das, was die Künste in ihrer Kernkraft als militant erscheinen lässt, was sie aber von allen Programmatiken unterscheidet, die dann irgendwann wirklich mörderisch, weltvernichtend, weltverneinend und grausam werden. Kunst kann solcher Weise nicht grausam sein, ohne aufzuhören, Kunst zu sein. Deshalb ist die Freiheit der Künste auch das, was Fundamentalisten am meisten ärgert.

Das Gespräch fand am 21.12.2015 an der Kunsthochschule für Medien Köln statt.


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