Voss, Odyssee, Kunst, Archive


Diskussionsbeitrag zu einer Sitzung der Arbeitsgruppe "Bilder / Archive"



Copyright by Stefan Heidenreich




In der vorletzten Sitzung wurde ein Bild gezeigt, das von der Morgensonne leuchtend rot beschienene Wolken zeigte, die über eine Bergkuppe zogen. Der Kommentar zu diesen Bildern sagte, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt: sie sind computergeneriert und in ihrer "Natürlichkeit" faszinierend. Das Dia war beschriftet mit dem Namen R.F.Voss. Von dem vermeintlichen Künstler mit Namen Voss war nichts weiter bekannt, um so mehr von dem Wissenschaftler Richard F. Voss.
Die Sitzungen der Arbeitsgruppe hatten bislang gemeinsam, daß immer wieder ein Konflikt zur Sprache kam, der sich zwischen Medientheorie und Kunstgeschichte situieren läßt, zwischen einer historisch fundierten Rede über Bilder und einer, vielleicht nicht weniger historischen, Theorie von Technologien und Kanälen. Zwischen beiden Disziplinen hat sich eine ganz gegenwärtige Leerstelle aufgetan, die in einem weiteren Sinn inhaltlich dafür verantwortlich ist, daß sich unsere Gruppe unter dem Titel "Bilder / Archive" überhaupt versammelt.
Das Bild, einer der Hauptgegenstände der Disziplin Kunstgeschichte, wird zusehends technologisch hergestellt und fällt von daher auch in den Zugriff der Medientheorie. Das zweite Thema "Archiv" tritt aus einem doppelten Anlaß zum Thema Bild hinzu. Zum einen entscheidet sich am Archiv, welche Bilder überhaupt adressierbar sind, gespeichert werden und damit in die Formation sowohl des Wissens als auch der Geschichte eintreten. Zum anderen steht das Archiv auch für die Sorge unserer Wissenschaften um die Historie. Was bedeutet für Wissenschaften, die sich mehr und mehr der Historie widmen, die Frage wie sich ihre Untersuchungsgegenstände in in Archive eintragen ?
Es stellen sich von hier aus zwei Grundfragen: Was kann eine Wissenschaft über Bilder aussagen ? Welches Wissen können Bilder abbilden ? Die erste Frage ist eng an den Bildbegriff gekoppelt, die zweite ebenso eng an den Begriff des Archivs. Beide Fragen stehen in einer miteinander verknüpften historischen und technologischen Dimension. Welcher Bildbegriff ist in der Lage, eine Historie der Bilder an ihre Technologie anzuschließen ? Welche Art der Historie wird in einem Archiv oder einer Datenbank einer bestimmten technischen Struktur ausgelöst ?

Was läßt sich über ein Bild aussagen ? Der Fall Voss ist hier beispielhaft. Es gibt zwei Redeweisen, die einander zwar nicht ausschließen, aber nur über einen geeigneten Bildbegriff miteinander zu koppeln wären. Zweifelsohne wäre es möglich, das Bild von Voss gemäß den Methoden der Kunstwissenschaft noch genauer zu charakterisieren. Es wäre eine Rede über Landschaft, Wolken, Abhandensein der Figur, vielleicht über Farbgebung, dann auch über den Ausstellungszusammenhang, Textquellen1, den Betrachter und seinen gesellschaftlichen Ort. Es gibt eine zweite Rede über dasselbe Bild, deren nicht programmierten Teil ich durch einen glücklichen Zufall gefunden habe. Es handelt sich um den Aufsatz "Random Fractal Forgeries"
von Richard F.Voss.2 Sein Wissen über Wolken beruht zuallererst auf einem Algorithmus und dessen Möglichkeiten. "It is however possible to generate fractals with a topological dimension 3 whose scaling irregularities raise the fractal dimension to 3 Was bei allen interdisziplinären Fehlanschlüssen festzuhalten bleibt, ist die Tatsache, daß Programmierer es immerhin anstreben, im Bereich der Kunstgeschichte anzudocken, während Kunstgeschichtler auf die gegenläufige Referenz zu verzichten scheinen. Hier liegt eine diskursive Lücke zwischen kultureller Praxis und Programmierung, die es zu schließen gilt. Eine Wissenschaft über Bilder im Zeitalter ihrer Digitalisierung hätte über beide Diskurse zu verfügen. Das setzt einen Bildbegriff voraus, der zu beiden Seiten anschlußfähig ist.
Der Bildbegriff sollte nicht als Wesensbestimmung, sondern als Rede- oder Textübereinkunft verstanden werden. Von einer medialen Logik her wäre er dort zu situieren, wo Daten und wahrnehmbare Signale ineinander verwandelt werden. Zwei technische Geräte sind hierfür zuständig: der Scanner als Input-D/A-Wandler und die Videokarte nebst Bildschirm als Output- D/A-Wandler. Was als Bild dort anliegt ist auf der einen Seite ein visueller Eindruck, auf der anderen Seite ein Datenformat [Bild] = F(x,y) als zweidimensionales Punktfeld über den Koordinaten x,y mit der Farbe F.
Selbst wenn wir vor also nach wie vor "beim Anblick der Dangolsheimer Madonna verschmauchen", das heißt: weiteres Reden sich hier fürs erste erübrigt, bleibt es die Aufgabe einer Wissenschaft, Kommunikation mit Speicheranschluß (Wissen) zu ermöglichen. Sollen in dieser Wissenschaft irgendwelche Aussagen über digitale Bilder getroffen werden, so kann das Format [Bild] nicht ohne Verluste übergangen werden.
Man könnte daran denken, die Erkenntnisse der Kunstgeschichte ganz einfach als Algorithmus neu zu formulieren. Insofern Kunstgeschichte sich auf eine Textverarbeitung mit Bildanhang konzentiert, fügt ein Begriff vom digitalen Bild der Wissenschaft wenig hinzu. Man müßte bis ins letzte Jahrhundert zurückgehen, um formalisierbare Eigenschaften in einer Wissenschaft von Bildern zu finden. Es wäre etwa möglich, Wölfflins Kategorien der geschlossenen und offenen Form mit Hilfe der Autokorrelationsfunktion zu beschreiben. Welche Erkenntnis liegt aber vor, wenn man diese Kategorie im Rechner nachvollzogen hat ? Eine, die etwas über die Fähigkeiten von Rechnern aussagt, aber keine auf Bilder bezogene. Interessant wird das Medium Computer im Horizont von Wissenschaften erst, wenn nicht alte Erkenntnisse wiederholt werden, sondern gefragt wird, welche Differenzen und welche Wiederholungen sich mit Hilfe von Algorithmen an Bildern erst konstruieren lassen.
Es steht außer Zweifel, daß durch Methoden der Bildanalyse eine Menge von positiven Aussagen über Bilder möglich werden. Ob diese Positivitäten sich mit den Fragen der Kunstgeschichte oder Medientheorie als Bildwissenschaft decken, ist offen. Es gibt folglich zwei Szenarien. Entweder es entsteht im Rahmen von Kunstwissenschaft und Medientheorie Set von Fragen, oder es bildet sich eine unabhängige Wissenschaft der Bilder heraus.

Zum Archiv

Das Archiv als Bedingung von Geschichte und Wissen überhaupt steht nach wie vor als großes Fragezeichen hinter den Diskussionen, die wir geführt haben. Wird das Archiv der Bilder sich so ändern, daß eine neue Wissenschaft in diesem Archiv möglich ist ? Technisch beschrieben ist ein Archiv ein Speichermedium mit überlagerter Adressenstruktur und formatierten Inhalten. Solange das bestimmende Format im Archiv der Text ist, bleibt alles beim Alten. Bilder können dann über eine Zusammenstellung von Begriffen geordnet und an das in Textform verfügbare Wissen angeschlossen werden. Bildarchive wie etwa das von Andre Reifenrath sind hierfür ein Beispiel.
Sobald aber Bilder als solche ins Archiv eingetragen werden und über Suchbilder und Ähnlichkeiten im Archiv aufgefunden werden können, ist die Textform nicht mehr das einzige Basismedium in Archiven. Dann ergeben sich eine Reihe von Fragen.

Kann ein Archiv im Bildformat Wissen über Bilder speichern und hervorbringen ?
Wie groß sind die Unterschiede zu einem Archiv mit Textzugriff ?
Ist eine Wissenschaft auf der Basis eines solchen Archivs denkbar ?
Braucht eine Wissenschaft über (digitale) Bilder digitale Verfahren ?

Das wären Fragen, die in die Zuständigkeit eines Seminars zum Thema Bild / Archive fallen, die zwar bislang nie direkt genug gestellt wurden, aber immer wieder in unsere Diskussionen hineinspielten. Die Arbeit einer Arbeitsgruppe könnte in diesem Sinn durchaus in mehr bestehen, als in der Präsentation einzelner Arbeiten, sondern statt dessen in der Arbeit an einer der gegenwärtigen technischen Entwicklung angemessenen Theorie und Begrifflichkeit.



Das Bild von R.F.Voss als Illustration des 3. Gesangs der Odyssee (Übers. J.H.Voss):
"Jetzt erhub sich die Sonn' aus ihrem strahlenden Teiche
auf zum ehernen Himmel, zu leuchten den ewigen Göttern
und den sterblichen Menschen auf lebenschenkender Erde." ? Und was wäre damit gesagt - heute ?

in: Rae E. Earnshaw (Ed.) : "Fundamental Algorithms for Computer Graphics". Berlin, 1985. S 805-835. Herausgegeben in Zusammenarbeit mit der NATO Scientific Affairs Division. Das als rezeptions"ästhetische" Anmerkung.



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