Kulturelle Anschlsse elektronischer Bauteile sind nicht vorhersehbar



Vortrag zum Röhren-Workshop an der KHM, Köln. 5.6. 1997
Copyright by Stefan Heidenreich


Der Elektronenfluß im Vakuum wäre eine Entdeckung gewesen, die auf alle menschlichen Sinne durchgeschlagen hätte. Sie wurde es nicht, weil menschliche Sinne zu Beginn des 20. Jahrhunderts soweit sie auf Hören und Sehen beruhen in technische Kanäle und Speicher eingetragen waren. Infolgedessen konnte die elektronische Bemächtigung der Sinne nicht zu mehr als einer Zweitverwertung der Medien Film und Grammophon werden. Die Drittverwertung der dabei entstandenen Medienverbundsysteme wie Radio oder Fernsehen scheint sich gerade jetzt mit der Digitalisierung unter dem Stichwort "Multimedia" zu vollziehen.
Doch zurück zum Anfang des Jahrhunderts. Der Elektronenfluß im Vakuum, dessen technische Verwirklichung die Röhre benennt, hat zu zwei unterschiedlichen Errungenschaften geführt.
1.) Elektronenstrahlen können frei im Raum verteilt an einer Fläche in Licht verwandelt werden. Das geschieht in der Braun'schen Röhre, wie sie heute noch in jedem Fernseher un den meisten Bildschirmen steckt.
2.) Die bedeutendere Entwicklung war die der Elektronenröhre, in der Strom durch Strom gesteuert werden kann. Die Röhre bringt die Selbstreferenz des Stroms einen entscheidenden Schritt voran. Komplexere Schaltungen sind ohne Röhren kaum denkbar. Zwar gab es vorher schon eine Selbstreferenz von Elektrizität im Bauteil des Relais. Sie war über Magnetismus an Mechanik gebunden. Gegenüber dem Relais bringt die Röhre allerdings zwei entscheidende Vorteile: sie erweiterte die Schaltmöglichkeit vom binären Ein und Aus in das analoge Kontinuum und sie beschleunigte die Schaltgeschwindigkeit ganz erheblich.
Die sinnlichen Signale von Schall und Licht waren damit elektronisch schaltbar geworden. Röhren ermöglichen die Steuerung von Strömen in Zeitbereichen weit unterhalb der niederfrequenten sinnlichen Wahrnehmungsschwellen, sowohl von Ohren als auch von Augen. Es lassen sich zwei unterschiedliche Einsatzwege der Röhre nachzeichnen.
Im sogenannten Bereich der Kultur, der Medien an Sinne koppelt, kommt die Röhrentechnik zwar flächendeckend zum Einsatz, allerdings ohne bedeutende ästhetische Spuren zu hinterlassen. Das hängt in erster Linie damit zusammen, daß dem elektrischen Strom entsprechende Speicher, wie etwa das Magnetband oder die massenweise Verschaltung von FlipFlops erst später stattfinden. Sowohl im akustischen wie auch im optischen Bereich wurden kulturelle Standards, wie etwa die Einheit Film oder die Einheit "Hit" an analogen Speichermedien abgenommen. Daß Einheiten von Kultur oder "Kunst" sich an Adressen von Speichermedien niederschlagen und nicht im technischen Kanal oder dessen Schnittstellen, erklärt sich aus der Notwendigkeit, sogenannte "Inhalte" wiederholt zu adressieren. Erst dann kommt der Prozess zustande, in dem sich kulturelle Regeln und Formen weiter ausdifferenzieren und komplexe und geschlossene (man könnte auch sagen: weil geschlossene) Einheiten bilden. Röhren blieben von bereist bestehenden Speichermedien abhängig. Sie vergrößerten lediglich die Reichweite dieser Speichermedien. Für diesen Effekt stehen Präfixe "Fern" oder "Tele".
Selbstreferenz von Strömen, wie sie die Röhre ermöglichte, wurde für einen anderen Bereich bahnbrechend. Bedingt Kultur immer den Anschluß an menschliche Sinne, so wurde auf diesem anderen Feld der Ausschluß der Sinne geradezu zum Standard. Das exemplarische Feld der Selbstreferenz von Technologien auf Technologien sind Kriege. Beispiel für diese Selbstreferenz aus den beiden Kriegen diese Jahrhunderts sind so zahlreich und selbstverständlich, daß ich darauf nicht weiter einzugehen brauche. Hier gelangte die Röhrentechnologie zu ihrer eigentlichen Entfaltung. Vor diesem Hintergrund wirkt es geradezu zwangsläufig, daß mehr denn je Technologien, die im 20. Jahrhundert kulturell wirksam wurden, Militärentwicklungen waren und ihre kulturelle Verwendung gar nichts anderes als "Mißbrauch von Heeresgerät" sein kann.

Kunst und Kunstwerkeerklären sich eher über ihre Slebstreferenz als durch ein Medium oder eine Technik. Im Gegensatz zur Kriegen, wo eine Technologie immer wieder zum Einsatz kommen kann, solange sie taugt, wird eine Technologie im Feld Kultur nicht wirksam, wenn sie nicht Unterschiede erzeugt. Die Instanz, an der diese Unterschiede weiterlaufen, ist nicht pure technische Selbstreferenz im Kriegsspiel, sondern ein offener Horizont von Anschlüssen, der vielleicht einmal unter dem Titel "Schönheit", heute eher unter Bergiffen wie "Einfluß" oder "Wichtigkeit" diskutiert wird. Die Selbstreferenz, die technische Medien im künstlerischen Einsatz halten, hat somit eine grundlegende Vorschrift, die Medien im Kriegseinsatz gänzlich zuwiderläuft. Wiederholungen wird ausgewichen, Unterschiede bewertet. Gerade weil damit im Medium ein Verhältnis der Folge notwendig ist, wird Speichertechnologie wichtig. Ohne Speicher wären Wiederholungen nicht als solche erkennbar. Daraus erklärt sich, daß die Röhre einen so geringen Effekt auf kulturelle Phänomene gehabt ha. Sie keinen neuen Speicher sondern nur einen neuen Kanal hervorgebracht hat. Ein Kanal ohne Speicher ist nicht imstande, neue kulturelle Formen zu erzeugen. Mit der Übernahme der alten Speicher werden auch die alten Inhalte übernommen.
Man trifft auf eine ähnliche Konstellation bei der Frage nach den Wirkungen des Buchdrucks. Industrielle Produktion von Büchern bringt nicht ein neues Speichermedium hervor, sondern lediglich einen Kanal, der die Übertragugnsrate von Schrift erheblich erhöht. Seine kulturellen Effekte schlagen sich eben nicht in neuen Formen nieder, sondern lassen sich bestenfalls als "Agenten eines Wandels"(vgl. Elizabeth Eisenstein) aufspüren.

Es stellt sich zuletzt die Frage nach den Wirkungen von Medien und der Tragfähigkeit medientheoretischer Erklärungen. Wirkungen von technischen Bauteilen wie etwa der Röhre klrären sich nur aufgrund der medialen Lage, in die sie hineinfallen. Der heute gebräuchlichen Begriff des Mediums scheint genau diese Verhälntisse zu verdecken. Zwar benennt der Begriff Medium eine technologisch bestimmte Summe von Kanälen, Datenträgern und Schnittstellen, aber als Name überdeckt er die technische Basis, die das Medium ausmacht. Eine derart strategische Wendung eines Begriffs ist keineswegs selten. Oft genug stehen Begriffe eben nicht für das, was sich hinter ihnen verbirgt, sondern für etwa, das nicht weiter untersucht werden soll.
Diese Lücke hat zu einer eigenartigen Inflation des Begriffs geführt. Das Wort hat sich erfolgreich in beinahe alle Geisteswissenschaften und künstlerischen Felder eingeschlichen mit seinem faulen Versprechen, bequem über Technologien reden zu können. Es verdeckt damit die genau das, was es sein sollte. Man sagt inzwischen Medium oder Medientheorie, um sich nicht weiter mit den Tiefen der Technik abgeben zu müssen.
Vor diesem Hintergrund stellt ein Workshop über die Röhre eine Chance dar. Und deswegen hat das Thema "Röhre" vorderhand einen so langweiligen Klang. Man spricht damit über etwas, das man mit dem Wort Medium längst erledigt und verdeckt zu haben glaubte. Insofern ergibt sich am Beispiel der Röhre eine Chance, zu bedenken wie sehr sich das Wort Medium im inflationären Gebrauch des letzten Jahrzehnts schon selbst erledigt hat.
Vom einzelnen elektronischen Bauteil gelangt man zu den grundlegenden nachrichtentechnischen Eigenschaften eines Kanals wie sie Shannon in seiner Kommuniationstheorie beschrieben hat. Von hier aus ließe sich nachvollziehen, wie ein Medienverbundsystem tatsächlich zusammenläuft, an welchen Stellen welche Information anfällt und wie sie weitergetragen wird, in andere Kanäle weiterverschickt wird. Demegegenüber scheint das Dilemma der Medientheorie mit McLuhan zu beginnen, der mit der Möglichkeit einsetzt "Medien verstehen" zu können. Dieses Mißverständnis kommt nicht von ungefähr. Er beobachtet und unterteilt die Medien von dem aus, was sie seinen eigenen Worten nach hervorbringen, von ihren Botschaften aus, und nicht etwa von ihrer technologischen Basis. Deshalb wird der Satz "Das Medium ist die Botschaft" zur Tautologie, und dem Buch "Understanding Media" kann es gelingen, alles zu erklären, was anliegt. Nimmt man den Satz "Das Medium ist die Botschaft" ernst, und denkt Medien von ihren Bauteilen wie etwa der Röhre und von technischen Kanälen her (hier scheint nachträglich der dumme deutsche Titel :"die magischen Kanäle" recht zu bekommen), so werden Effekte, Auswirkungen und Zusammenhänge viel unvorhersehbarerer. Dafür ergibt sich die Chance, von der allzu geisteswissenschaftlichen Selbstreferenz stets nachträglicher Theorien und Historien auf Theorien gegenwärtiger oder künftiger Medien zurückzukommen.



zurück zum index