Rauschen, filtern, codieren - Stilbildung in Mediensystemen
erschienen in: Das Rauschen. Verlag Die Wolke, Graz, 1995.
Copyright by Stefan Heidenreich
Wenn in
absehbarer Zeit zum letzten Mal ein DJ seine Nadel in die Ritze einer
Schallplatte senkt und auch die Clubs auf dem digitalen Standard des
heimischen Multimedia-Wohnzimmers angekommen sind, dann geht eine etwa
hundertjährige Zwischenzeit zu Ende, wä:hrend der
Musikspeicher nicht Zahlen oder Noten, sondern die analogen Spuren des
Schalls aufbewahrten. Sowohl die Speichersysteme davor,
Notenblätter und Noten, als auch die danach, zum Beispiel CDs,
speichern diskrete Werte, die entweder von Musikern oder von
Digital-Analog-Convertern in Musik zurückverwandelt werden. Mit
dem Unterschied, daß Musiker langsamer sind als Ohren, kein
Pianist bringt es auf 20 Anschläge in der Sekunde, und
D/A-Converter schneller, bei Abtastfrequenzen von 44.100 oder 48.000
Hz. In der Zwischenzeit regierten Technologien, die, weil sie Schall
zwar notieren aber nicht codieren konnten, jedem Rauschen ausgeliefert
waren, gerade so wie jemand, der nur mitschreibt ohne zu lesen, eine
Kontrollfunktion namens Erkenntnis nicht ausüben kann.
Schallplatten, Mikrofone, Tonabnehmer und Verstärker machten das
Rauschen zum Leitbegriff einer Musikepoche. Seitdem verwandelt Musik
Rauschen und Störungen in Stile und "Fanatics", um sich
selbst und ihrer Technologie ein zahlendes Publikum zu sichern. Neue
"ernste" Musik konnte sich solchen Effekten verwehren, indem
sie den diskreten Code der Noten, bei allen Varianten und
Abstraktionen, beibehielt. Eine Rekonstruktion stilistischer
Brüche am technischen Leitbegriff des Rauschens mu- sich
deshalb mit Unterhaltungsmusik bescheiden. Die Aufeinanderfolge von
Medien gehorcht dem bekannten Diktum McLuhans, "da- der
'Inhalt' eines Mediums immer ein anderes Medium ist"
1.
Im
Normalfall handelt es sich bei dieser inhaltlichen Übertragung
nicht um eine eineindeutige Abbildung, sondern es bleibt auf einer
Seite ein Überschuá und auf der anderen eine Lücke. So
lassen sich Notenbilder recht unterschiedlich auf Schallplatte
einspielen, aber eine Schallplatte zurück in Notenlinien zu
verwandeln, ist nur unter Verlusten möglich. Der Fehler in der
Übertragung von einem Medium zum anderen bedeutet,
"daß das empfangene Signal nicht unbedingt dasselbe ist wie
jenes, das vom Sender ausgestrahlt wurde."
2 Diese Differenz wird
in der Informationstheorie durch die Unterscheidung zweier
statistischer Prozesse abgebildet. "Wenn ein statistischer Kanal
von einer Störung gespeist wird, gibt es zwei statistische
Vorgänge: Die Quelle und die Störung."
3 An
Störungen werden Übergangsverhältnisse von einem Medium
zum anderen sichtbar. Das alte Medium schließt das
Nicht-Speicherbare als Fehler aus, das neue Medium produziert den
Überschuá als uncodiertes Signal oder Rauschen. Wenn es die
Fehler eines Pianisten gibt, dann deshalb, weil im Notenblatt nicht
verzeichnet ist, was auf der Schallplatte gespeichert wird. Die
Unterscheidung von Signal und Rauschen ist bekanntermaáen
schwierig
4 und kann jederzeit von einem Code unterlaufen werden, der
auch das Rauschen als Signal versteht. Einen solchen Prozeß des
Verstehenlernens beschreibt Luhmann unter dem Begriff der
"doppelten Kontingenz" als Überführung von Rauschen
in Code oder Sinn. Verkürzt und im Hinblick auf unser Problem
formuliert, besagt doppelte Kontingenz, daá zwei Systeme oder
Personen, die miteinander in Kommunikation treten, auch wenn sie sich
anfangs nicht verstehen, am Ende einen Sinn konstruiert haben werden.
Allein dadurch, daá sie von ihrem jeweiligen Gegenüber
etwas erwarten und ihre Erwartungen intern dem, was der andere von
ihren Handlungen erwarten könnte, anpassen, simulieren sie
Regeln.5
Am Beispiel des Pianisten hieße das: wenn er nur
ausdauernd genug dieselben Fehler macht, denkt er am Ende selbst,
genauso wie alle anderen, es wäre Absicht gewesen. Luhmann geht
bis zu der Behauptung: "ohne 'noise' kein System"
6, worauf
man mit Shannon entgegnen könnte, daá schon bei einer
50%-Rate von Rauschen die Übertragung genausogut wäre,
"als wenn man den Kanal vollständig weglieáe und am
Ort des Empfängers eine Münze würfe."
7 Aber nicht
zuletzt um diese Rate an Rauschen zu unterschreiten und damit das
Vorhandensein eines Kanals überhaupt zu bestätigen,
müssen neue Medien getreu McLuhan die Inhalte der alten abbilden.
Alte Musik, bereichert um einen Störfaktor, der zum Stil
verklärt wird, wird zu neuer Musik. "Der Stil eines
Kunstwerkes ermöglicht es, zu erkennen, was es anderen Kunstwerken
verdankt und was es für weitere, neue Kunstwerke bedeutet."
8
Der Stilbegriff Luhmanns müßte nur durch Wortersetzung auf
Medien umgeschrieben werden, um den Sachverhalt noch treffender zu
beschreiben. Rauschen ist in diesem System gleichermaßen
technische Notwendigkeit und stilistische Voraussetzung. An mehreren
Stellen tritt es ins System ein: es gibt Rauschen sowohl als
Störung wie auch als beabsichtigten Effekt im diskreten und im
kontinuierlichen Kanal. Welches Rauschen stilprägend wird,
hängt von dem Verhältnis zwischen altem Medium, alter
Stilform und neuer Technologie ab. An drei technologischen Brüchen
des Jahrhunderts, der Analogspeicherung, der elektrischen
Verstärkung und der Digitalisierung zeigen sich die
Rückwirkungen von Technologien auf Musik besonders deutlich. Im
einzelnen sind das: die Schallplatte und der Jazz, sowie der Ragtime
auf Piano-Rolls als ein Vorspiel; analogverstärkte
Medienverbundsysteme und die populäre Musik nach 1945, genauer
Rhythm & Blues, Rock 'n'Roll und Beat; die Digitalisierung und
Techno als deren vorläufiges Ergebnis. Die alteuropäische
Notation, die sich mit Zeitwerten der Form 2-n, d.h. Halben, Vierteln,
Achteln etc. bescheiden muáte, wurde nicht erst von den
unbändigen Synkopen des Jazz gesprengt. Den Riß im
diskreten Zeittakt hatte schon vor dem Jazz ein Stil verwirklicht, dem
die Übertretung zum Namen geworden war: Ragtime, ragged time,
zerrissene Zeit. Daß Ragtime überhaupt überliefert
wurde und nicht als eine nicht-notierbare Form von Folklore in
Vergessenheit geriet, verdankte sich der Serienproduktion des Pianolas,
das Zeit analog und nicht mehr getaktet speicherte. Die ersten Pianolas
brachte die amerikanische Aeolian Company Mitte der 90er Jahre nach dem
Entwurf des Ingenieurs E.S.Votey auf den Markt.
9 Das Gerät
verwirklichte in einem ganz direkten Sinn das Postulat McLuhans, da es
als Vorsatz über das Piano gestülpt wurde, also den Inhalt
des alten Mediums schon materiell in sich aufnahm. Anstelle der
manuellen Eingabe von Noten in Klaviertasten übersetzte der
Apparat lochstreifenartige Papierrollen in Anschläge. Die
Speicherung der "zerrissenen Zeit" durch direkte zeitliche
Aufzeichnung der Anschläge eines Pianisten gelang erst 1912
Melville Clarke in Chicago. Gedrückte Tasten hinterlieáen
Bleistiftstriche auf einer vorbeigezogenen Papierrolle, nach der
anschlieáend von Hand Lochstreifenkopien für Player Pianos
geschnitten wurden. Erst von da an waren Notenlängen und
-abstände wirklich adressierbar, da sie sich analog, also durch
direkte mechanische Übertragung selbst aufzeichneten. Die
Papierolle des Pianolas ermöglicht einen flieáenden
Zeitverlauf, vergleichbar den beliebigen Zwischentöne auf dem
Griffbrett der Geige im Unterschied zum Griffbrett der Gitarre, dessen
Bünde Notenhöhen so einteilen wie Taktlinien das
Zeitmaá. Ein Anfang kommerzieller Analogspeicher war damit
gemacht: ein neues Medium speicherte kontinuierliche Zeit statt der
quantisierten des alten Mediums. Das zeitliche Kontinuum zeichnete
zwischen den Notenwerten das Rauschen oder die Fehler auf, die der
Ragtime zum Stil erklärte. Da am Pianola aber Tasten und
Anschläge in binärer Ja/Nein-Logik unverändert blieben,
brachte die Piano-Roll nur die analoge Speicherung von Zeit, ohne die
fixierten Tonhöhen des wohltemperierten Klaviers oder die
Artikulationsvorschriften klassischer Musik anzutasten. Die
Ablösung der Speichertechnik Notation in einem viel umfassenderen
Horizont war längst in Vorbereitung. An der Serienreife von
Edisons Phonograph wurde zwar gearbeitet, aber die Phonographenwalzen
erreichten mit ihrem Gekrächze und mit Laufzeiten um 60 Sekunden
nie einen Standard, der Musiker und Hörer an ein Medium bindet.
Stattdessen setzte sich um die Jahrhundertwende Emil Berliners
Grammophon mit der noch heute gebräuchlichen Schallplatte durch.
Damit stand ein Speichermedium bereit, das auf Codierung verzichtete
und sie ganz den angeschlossenen Subjekten überließ.
"Der Phonograph hört eben nicht wie Ohren, die darauf
dressiert sind, aus Geräuschen immer gleich Stimmen, Wörter,
Töne herauszufiltern; er verzeichnet akustische Ereignisse als
solche."10
Alle musikalischen Eigenschaften, die vom diskreten
Speicher der Notenlinien bisher ausgeschlossen waren, wurden auf einmal
mitnotiert: beliebige Zeiteinheiten und Rhythmen, Verschiebungen in
Amplitude und Frequenz, alle Spielarten von Artikulationen,
Verzierungen, Verschleifungen und Manipulationen am Klang. Der neue
regellose Speicher stand als technische Tabula Rasa bereit, um sich qua
doppelter Kontingenz einen Stil zu bilden. Musik, die im alten Medium
maximal rauschte, konnte als neuer Stil maximale Signifikanz
beanspruchen. Es war der Jazz, der die Freiräume an Rauschen so
weit ausnutzte, daß er durch das neue Speichermedium Grammophon
unvergeálich wurde. Doch die Technologie kann nicht als der
Auslöser des Jazz begriffen werden, da Prozesse doppelter
Kontingenz nicht auf Ursache und Wirkung beruhen, sondern durch
parallele Bewegungen auf zwei Seiten zustande kommen. Die mit der
Schallplatte verknüpfte Geschichte des Jazz entstand nicht umsonst
so, als würde man eine Platte rückwärts abspielen. 1917
wurde in den New Yorker RCA-Victor Studios die erste Aufnahme der
"Original Dixieland Jass Band" gemacht. Die Wurzeln des Jazz
reichen bis ans Ende des 19. Jahrhunderts zurück, aber diese
Wurzeln wurden erst nachträglich ausgegraben: "Ende der
dreiáger Jahre begann eine Bewegung in der Jazzkritik und unter
Plattensammlern, die nach den Anfängen des Jazz fragte. (...)
Begeisterte Amateure entdeckten Bunk Johnson als Farmarbeiter in dem
Städtchen New Iberia, kauften ihm ein Gebiß und eine neue
Trompete und brachten ihn nach New Orleans. (...) Obwohl ihm die neuere
New Orleans Musik zunächst wenig lag, war er bald wieder in
groáartiger Form."11
Die alte Musik der Jahrhundertwende
muáte 30 Jahre verspätet eingespielt werden, um eine
Geschichte, deren Speicher nachgereicht wurden, zu simulieren. Gerade
weil Speichermedien selbst die Archive ausmachen, können sie
Geschichte verdrehen. Die stilistischen Merkmale von Jazz lesen sich
wie eine Ausführungvorschrift des Grammophons, so als würden
die Musiker mit ihrer Musik zugleich eine Gebrauchsanweisung
einspielen: "Der Jazz unterscheidet sich von der europäischen
Musik durch drei Grundelemente: 1. durch ein besonderes Verhältnis
zur Zeit, das mit dem Wort "swing" gekennzeichnet wird, 2.
durch eine Spontanität und Vitalität der musikalischen
Produktion, in der Improvisation eine Rolle spielt, 3. durch eine
Tonbildung und Phrasierungsweise, in der sich die Individualität
des spielenden Jazzmusikers spiegelt."
12
Sieht man vom Individuum
ab, um zum Speicher zu kommen, so verbleiben mit der Improvisation, der
Artikulation, den Synkopen und den "blue notes" genau die
Stilmerkmale, die nicht nach den Regeln des Notensystems codiert und
nur durch Zusatzzeichen angedeutet werden können. Die
Übertretung der Grenzen des alten Speichermediums wurde besonders
explizit gefordert, wenn es um Zeit ging. Swing stand als Begriff, wie
auch schon Ragtime, für das, was sich von keiner Note
zerstückeln lieá, "denn das, was erklingt, swingt und
was Swing ist, läßt sich nicht aufzeichnen. Es
läát sich auch nicht in Worte fassen."
13 Hätte es
sich nicht auf Schellack pressen lassen, so wüßten wir
nichts davon. Weil, abgesehen von den Überresten europäischer
Harmonik, fast alles am Jazz im Medium der Noten nicht codiert werden
kann, stellt Musikvermittlung von Lesen auf Hören, von Papier auf
Schallplatten um: "Das ging nun so vor sich: Wir legten eine
Platte auf - eine von den New Orleans Rhythm Kings natürlich! -
spielten ein paar Töne und jeder suchte sich seine Töne
heraus. Wir muáten unsere Instrumente ganz genau nach dem alten
Grammophon stimmen, dann spielten wir die ersten paar Takte. Dann das
Ganze halt! Noch ein paar Takte von der Platte, jeder suchte sich seine
Töne..." Der Umweg über eine Lektüre, die aus Noten
Musik macht, war überflüssig geworden: "Und als er dann
der gefeierte Star im weltberühmten Orchester von Paul Whiteman
war, in dem man aus Gründen der Show hinter einem
Notenständer zu sitzen hatte, soll Bix sich immer einen Krimi aufs
Pult gelegt haben."
14
Statt der Lesekunst Interpretation, die die
Grammatik des Notenspeichers kontrolliert ausführte, war nun eine
Kunst der Improvisation gefragt, die sich in Schallplattenrillen
stilgemäá eintrug. Im nächsten technologischen
Umschwung, dem der Verstärkertechnologie, implodierten die eben
errungenen Freiheiten des Jazz wieder. Ein unscheinbares Instrument
illustriert den Umschwung: der Besen. Das Schrubben der
Drahthärchen kombinierte ein Maximum an Rauschen und Rhythmik. Als
sich im Jazz der 50er Jahre die Idee eines durchgehenden
kontinuierlichen rhythmischen Gewebes durchgesetzt hatte, erfüllte
es ein klangliches und stilistisches Ideal. Der diskrete Schlag des
Taktes war aufgelöst in ein rauschendes, schwingendes Muster. Doch
die Lage schlug um, nach dem zweiten Weltkrieg setzte sich ein neues
Prinzip durch : Rauschen verboten ! Der Beat brachte klare
Verhältnisse im Takt. Stilbildung stellte von der Komplexität
des Rauschens auf die Einfachheit der Redundanz um. Wenn zuvor Rauschen
gegenüber den Regeln des diskreten Codes der Noten positiv
konnotiert war, so kehrte der neue Stil die Richtung um, indem er die
Regelbildung gegenüber den Freiheiten des kontinuierlichen
Spektrums forcierte. Der Besen wurde nicht mehr angerührt, als das
Grammophon seinen stilbildenden Einfluß verlor. Nach dem zweiten
Weltkrieg übernahm ein Medienverbundsystem die akustische
Herrschaft, in dem die Schallplatte nurmehr ein Versatzstück war:
elektrische Verstärkung verschaltete den Mund und die Hand des
Musikers unmittelbar mit dem Hörerohr. Radios, Verstärker und
Mikrofone bildeten das neue Soundsystem. Im neuen Medium, das Rauschen
nicht eins zu eins abbildete, sondern eins zu x, entstanden
Signifikanten nicht mehr aus Rauschen, sondern durch die
entgegengesetzte Operation: Filtern. Denn eine Schaltung mit
Röhren oder Transistoren, in denen eine anliegende Spannung immer
eine andere, gröáere steuert, läuft wie alle
Analogschaltungen nie ganz störungsfrei und ist deshalb
gegenüber Rauschen empfindlich. Dieselbe Technik, die Rauschen
zwangsläufig erzeugte, machte es auch möglich, Rauschverluste
zu messen. Damit wurde Rauschen schaltungstechnisch zum Systemfeind,
auch und gerade weil es von nun an meábar und erfaßbar
war wie nie zuvor. Wer Signifikanten bilden wollte, mußte ab
jetzt Rauschen vermeiden und filtern. Am Anfang wurde alles gefiltert,
was man sich vorstellen konnte - bis nur noch Rudimente einer
alteuropäischen Harmonik übrigblieben und ein Instrument, das
beim blosen Über-die-Saiten-Scheppern eben diese Rudimente schon
hervorbringt, die Gitarre; dazu ein Rhythmus als sturer Beat ohne die
handwerklichen Finessen des Jazz, und Texte, die sich mit
Minimalwortschatz in einem fort über ein und dieselbe Sache
auslieáen. "Rhythm & Blues" hieß anfangs
der neue Stil. Er führte damit genau die komplexen musikalischen
Errungenschaften, die er liquidierte, im Namen. Die Stilkontrolle war
unerbittlich: "Bei unserer allerersten Plattenaufnahme kam es zu
so einem ad-libitum-Gitarrensolo, und ich fing an und spielte was mit
ziemlich starkem Jazz-Feeling. Kaum hatte ich die ersten vier Takte
runter, da hörten alle auf. Haley meinte, er würde nicht eine
einzige Platte verkaufen, wenn ich so weitspielen würde. Ich
sollte mal schön bei Dur-Tonleitern bleiben."
15 Dem Resultat
wurde dieselbe Unerbittlichkeit bescheinigt, selbst von Produzenten:
"Wenn man dem Rock n' Roll irgendetwas vorwerfen kann, dann
daá er aus Monotonie eine Tugend macht."
16 Mit diesem
Minimalkonzept eroberte Amerika den ther. Die beiden ersten
groáen Hits besingen das Erfolgsrezept: "One, two, three
oclock , four o'clock - rock" - eine Hymne auf die permanente
Belagerung der Sende- und Hörerzeiten, die mehr oder weniger
zwangsläufig die Erfüllung des Gebots "Love me
tender" in Form steigender Verkaufszahlen nach sich zog. Da aber
kontinuierliche Rauschquellen nur einen relativen Entropiewert haben,
während beim diskreten Kanal der Grad der Entropie absolut ist,
17
mußte sich auch die Musik nach 1945 ihr diskretes Absolutum
verschaffen, um die im kontinuierlichen Kanal herausgefilterten
Unterschiede überhaupt miteinander vergleichen zu können: die
Hit-Parade. Am Rauschen im diskreten Kanal der "Top
40"-Plazierungen wurde fortan Musik bewertet. Während es im
kontinuierlichen akustischen Kanal um Rauschminderung ging, also
bestenfalls High Fidelity, kürte der diskrete ökonomische
Kanal die Spitzenleistungen: Top-Stars. Lediglich an einer Stelle im
System kommt es zu einem nicht ganz unerwarteten direkten Kontakt von
kontinuierlichem und diskreten Kanal, nämlich dort, wo sich Klang
und Name sowieso verbrüdern: in der Stimme des Stars. Auf
daß sich der Name des Klangs besser einprägte, wurde der
Stimme die größte Freiheit inmitten der
rauschunterdrückten Umgebung zugestanden: "Das Pressen der
Stimme, das angespannte Drücken in die hohe und tiefe Lage, das
Schreien, Brüllen oder Grölen, der entspannte Sprechgesang
oder der unangestrengt-natürliche Stimmgebrauch, aber auch das
Hauchen, das heisere Verhalten der Stimme bis hin zum gutturalen Laut,
dem Stöhnen, Grunzen, Schnalzen, Wimmern - kurz: die ganze Skala
emotionaler Lautäuáerung wird dafür genutzt.
Voraussetzung ist die Verstärkung der Singstimme durch Mikrophone
und Lautsprecher, denn anders wäre selbst der kraftvollste Schrei
wenige Meter vor der Bühne kaum noch hörbar."
18 Neue
Technologien setzten sich zwar überall standardmäáig
durch, konnten aber im diskreten Kanal "Hit-Parade" kaum
signifikante Ereignisse hervorrufen, weil jenseits aller Akustik
ökonomische Interessen Hörer- und Verkaufszahlen
kontrollierten. So brachte zum Beispiel das neue System des
Overdubbing, mit dem 1951 Les Paul die Frage "How high the
Moon" untermalte, zwar einen Nummer Eins-Hit, er muáte sich
aber im Lauf des Jahres dem Titel "Too young" geschlagen
geben, mit dem sich der altbackene Caruso-Imitator Mario Lanza am
längsten an der Spitze der Hitparade hielt. Musikgeschichte
populärer Musik, die die musikalischen Effekte von Technologien
untersuchen wollte, müßte die diskreten Daten der
Hitparaden unterlaufen, um jenseits der Stars Musik technisch und
akustisch zu rekonstruieren.
19 Das Ende des Leitbegriffs Rauschen
fällt mit dem Versiegen des kontinuierlichen Kanals und mit der
digitalen Gleichschaltung zusammen, wie sie das Signet DDD, dreifach
digital, heute auf beinahe jeder CD anpreist. In einem diskreten Kanal,
der alles Rauschen widerstandlos codiert, kann im Rauschen keine
Strategie liegen, um Unterschiede oder Stile zu produzieren. Der
Begriff Rauschen taugt nur noch dazu, analoge Reminiszenzen im
digitalen Musikbetrieb zu rekonstruieren. Die Rückkehr der Musik
zum diskreten oder digitalen Medienverbund war fällig, sobald
universale diskrete Maschinen Datenverarbeitungsraten erreicht hatten,
die die höchste hörbare Frequenz um das Doppelte
überstiegen. Denn erst dann kann jeder Wellenberg und jedes
Wellental der höchsten Frequenz rekonstruiert werden.
20 In den
70er Jahren entwarfen Firmen wie Fairlight und Yamaha digitale
Sythesizer. 1981 entwickelte die Firma Emu-Systems in San Diego den
ersten Sampler für breitere Käuferschichten und 1983 wurde
eine Schnittstelle namens MIDI erfolgreich eingeführt, die mit der
Übertragungsrate von 31.250 Baud (Bit/sec) nicht Schall, sondern
nur Kontrollnachrichten von Impulsgebern an Instrumente
übermittelte und damit eine Hierarchie von Noten und Klängen
wieder einführte, die digitale Musikproduktion zurück auf den
Standard des Pianolas versetzte. Im selben Jahr brachten Sony und
Philips die CD auf den Markt, und machten das digitale Soundsystem
komplett, das heute die Szene beherrscht. Bis zu welchem Grad diese
neue Konfiguration digitaler Medien Strategien der Rauschverminderung
im kontinuierlichen oder der Rauscherzeugung im diskreten Kanal
umwälzt, wird erst in den neunziger Jahren deutlich. Die
MIDI-Schnittstelle setzte sich nicht zuletzt wegen ihrer Einfachheit
durch. Sie macht aus Sounds wieder Noten, indem sie die
alteuropäische 12-stufige Tonleiter über knapp 11 Oktaven als
Ziffern von 0 bis 127 codierte und Dynamik statt der 7 Stufen vom
pianissimo zum fortissimo ebenfalls in Werten von 0 bis 127 wiedergibt.
Mit Hilfe dieses Taschenspielertricks wird Handarbeit von Musikern an
Instrumenten zum Anachronismus und Komponisten erstehen als Designer
wieder auf. Mit dem Unterschied, daá die neuen Komponisten ihre
Grundlagen nicht mehr kennen müssen, da sie per Sequenzerprogramm
schon immer der Musiktheorie aufsitzen, die die MIDI-Schnittstelle
ihnen vorschreibt. Das universale diskrete Medienverbundsystem der
Musik ist seither in zwei säuberlich voneinander geschiedene
Felder aufgesplittet: jenseits und diesseits des Sequencers. Jenseits
des Sequencers liegen die Sounds, die aufgehört haben, in
menschlichen Ohren zu rauschen, seit sie mit Sampling-Frequenzen von
44,1 KHz oder mehr zerhackt werden. Wenn hier noch etwas zu rauschen
vorgibt, dann sind es Erinnerungen an Speichertechniken, die einst
Wellen und keine Zahlen übermittelten. Für derartige
Reminiszenzen ist gesorgt, da auch das derzeit neueste neue Medium das
Gebot McLuhans erfüllt: von sämtlichen Klängen eines
Orchesters bis zu den Sounds der neuesten Synthesizer liegen alle
bekannten Geräusche umgehend digitalisiert auf CD vor, um in den
Sampler eingespeist zu werden. Diesseits der MIDI-Norm, das
heiát auf Seiten eines Users, dem der Zugang zu Instrumenten
oder Schaltungen vom Hochpa-filter der MIDI-Schnittstelle
verwehrt wird, darf dagegen wieder ein Rauschen eingesetzt werden,
dessen Name "Mensch" ist.
21 Sequenzerprogramme bieten
"Humanize"- Optionen an, die Töne nach
Zufallsalgorithmen vom gesetzten Zeitpunkt abweichen lassen, um
rhythmische Starrheiten zu verrauschen.
22 Eine noch menschlichere
Variante, Menschen als Störungen ins System einzufügen, hat
sich mit der Übernahme des technologisch anachronistischen
Plattenspielers im Handbetrieb des DJs erhalten. 1967 hatte DJ Kool
Herc aus Jamaica als erster begonnen, Schallplatten nicht nur
vorwärts sondern auch rückwärts unterm Tonabnehmer zu
bewegen und damit ein Hitsystem zu untergraben, das auf Tonspuren von
Singles als unverrückbaren Einheiten beruhte. Mittlerweile erweist
sich diese Geste als letzte Stütze des Menschen in der Funktion
"Star", denn industriell hergestellte Sounds machen mit den
Stimmen von Sängern und dem Handwerk von Instrumentalisten auch
eine Hitparade überflüssig, die deren Namen aufreiht. Da ein
Studiomix ohne Stimmen und Instrumente nicht einmal mehr im
Playback-Verfahren von Menschen simuliert werden kann, bleibt als deren
einzige Stelle im System das Manipulieren von Speichermedien selbst.
Die DJs, die diese Aufgabe an zwei Turntables erfüllen, bilden das
Gegenstück zum digitalen Humanize-Faktor. Doch der Höhepunkt
des Rauschfaktors Mensch scheint überschritten, denn die gern als
"Gehämmere" bezeichnete Monotonie des Techno zeigt, wie
wenig auf die Humanize-Option zurückgegriffen wird, und das
DJ-Pult wird mehr und mehr von der sogenannten live-PA ersetzt, bei der
Sounds und Tracks direkt am Computer zusammengebaut werden. Wie es vom
Status quo aus weitergeht, bleibt Spekulation, aber es ist
offensichtlich, daß der Plattenspieler ein bestenfalls
behelfsmäßiges Instrument zum Einschleifen der
Störquelle Mensch darstellt und daß eines Tages alle
Instrumente im Computer aufgehen könnten, womit sich ein Interface
wie MIDI erübrigen würde. Stilbildung durch doppelte
Kontingenz, die bei wechselseitigem Nicht-Wissen Rauschen verarbeiten
konnte, gehört zur Epoche der Analogspeicher. In Digitalmedien,
die Daten wie auch Programme verschriften, steuert ein Diskurs
schriftlicher Regeln, wie er zur Zeit des Notenpapiers schon einmal als
Theorie und Wissen Musik reglementierte, stilistische
Differenzierungen. Welche Oberflächenkonfiguration sich dann der
Musik annimmt, bleibt abzuwarten oder zu programmieren.
1
Marshall McLuhan: Die magischen Kanäle,
Düsseldorf 1968, S.14
2 Claude E. Shannon: Die mathematische
Theorie der Kommunikation, - in: C. E. Shannon, W. Weaver:
Mathematische Grundlagen der Informationstheorie, München 1976,
S.77
3 a.a.O. S. 78.
4
vgl. Friedrich Kittler: Signal-Rausch-Abstand, -
in: ders., Draculas Vermächtnis. Technische Schriften, Leipzig
1993, S. 164 f.
5
vgl Niklas Luhmann: Soziale Systeme, Ffm. 1986, S.
148-153
6 a.a.O. S. 166
7 Shannon a.a.O. S.79
8
Niklas Luhman: Das
Kunstwerk und die Selbstreproduktion der Kunst, - in: Hans Ulrich
Gumbrecht (Hg.): Stil: Geschichten und Funktionen eines
kulturwissenschaftlichen Diskurselements. Ffm. 1986, S. 632
9 vgl.
Michael Montgomery et al.: Ragtime on Piano Rolls, - in: J. E. Hasse
(ed.) Ragtime. It's History, Composers and Music, Houndmills 1985, S.
91
10
Friedrich Kittler: Film Grammophon Typewriter, Berlin 1986, S. 39
f.
11
Joachim Ernst Berendt (Hg.): Die Story des Jazz, Reinbek 1988, S.
34 f.
12 a. a. O. S. 7
13
Joachim-Ernst Berendt: Das Jazz-Buch.
Überarbeitet und fortgeführt vonGünther Huesmann, Ffm.
1989, S. 255
14
Werner Burckhardt: Chicago, - in: J.E. Berendt (Hg.):
Die Story des Jazz. a.a.O. S. 69
15
Alexander Schmitz: Das
Gitarrenbuch, Ffm. 1982, S. 191
16
Mitch Miller zitiert nach: Arnold
Shaw: Die Story des Rock n' Roll, Reinbek 1978, S. 167
17 vgl. C. E.
Shannon: a.a.O. S. 103
18
Peter Wicke: Die Anatomie des Rock, Leipzig
1987, S. 135
19
vgl. z. B. den Aufsatz von R. F. Voss in diesem Buch
20
Das sogenannte Nyquist-Theorem, vgl. H. Nyquist: Certain factors
affecting telegraph speed, The Bell System Technichal Journal, New
York, vol.3, April 1924, S. 324
21
vgl. das Kapitel "Humanisierung
von Sequenzen" in: Peter Gorges/Alex Merck: Keyboard MIDI Home
Recording, München 1989, S. 287 f.
22 vgl. etwa beim Programm
"Creator" von Steinberg die Option "Humanize"
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