veröffentlicht (leider unter dem verkorksten Titel "Material und Klang"
oder so ähnlich)in:
Positionen: Beiträge zur neuen Musik, Februar 1997, Berlin
Copyright by Stefan Heidenreich

Ein Musikinstrument verschaltet Finger und Ohren. Als Schnittstelle
koppelt es zwei Regelkreise. Der menschliche läuft zwischen Ohren
und Körperbewegungen. Der technische, also das Instrument,
zwischen Material und Klang. An den beiden Schnittstellen kommt Zeit
ins Spiel. Bewegungen manipulieren Material. Ohren hören
Klänge. Daß der Plattenspieler unter diesen Begriff von
Musikinstrument fällt, steht außer Zweifel. Er zeichnet sich
allerdings gegenüber fast allen vor ihm gebräuchlichen
Instrumenten durch eine wesentliche Änderung aus. Bewegungen
erzeugen nicht mehr einzelne Töne, sondern beeinflußen schon
gespeicherte Musik. Die Beschreibung des Instruments orientiert sich an
seinen technischen Gegebenheiten. Sie bezieht sich im folgenden auf das
derzeit allgemein gebräuchliche Modell "
Technics SL 1200 / 1210
". Auf eine Geschichte des Instruments soll weitgehend
verzichtet werden. Statt dessen geht es darum, systematisch die Stelle
und den Gebrauch des Instruments in der Gegenwart zu beschreiben.
Historie träte nur dort hinzu, wo über die technischen
hinausgehende Einschränkungen aus ihr resultieren. Es sei denn,
man würde eine historische Disposition der Technologie annehmen.
Das wäre zu diskutieren. Wir gehen, um beginnen zu können,
davon aus, daß der Plattenspieler vom Himmel gefallen ist.
Der
Plattenspieler alleine macht, wenn er angeschaltet ist, keinen Ton. Er
hat eine Input- und eine Output-Schnittstelle und will an beiden
bedient sein. Der Input ist 220 Volt und ein Speichermedium, die
Schallplatte. Output sind zwei Phonobuchsen, an denen ein schwaches
Signal anliegt. Um es hörbar zu machen, muß es
verstärkt werden. Es mag naiv erscheinen, bei solchen
Selbstverständlichkeiten anzusetzen, aber sie sind wesentlich. Die
Schallplatte speichert akustische Signale analog über den ganzen
hörbaren Frequenzbereich. Das linear gespeicherte Signal, die
Rille, wird in der Zeit abgelesen, vorverstärkt und liegt am
Ausgang an. Das ist grob gesehen die technische Funktion eines
Plattenspielers. Sein Gebrauch als Instrument hängt von zwei
Faktoren ab, die den beiden Schnittstellen zum Menschen entsprechen,
der Bewegung und dem Gehör. Welche klanglichen Manipulationen
erlaubt das Gerät ? Wie ist es handhabbar ?
Die Schallplatte wird
aufgelegt. Der Plattenteller wird über Motor in Drehung versetzt.
Der Tonarm wird über die Schallplatte bewegt und aufgesetzt. Diese
drei Handlungen bestimmen die Input-Schnittstelle zum Menschen. Die
Kunst des DJ's, des Solisten am Plattenspieler, besteht aus nichts
anderem als einer sehr variablen Ausführung dieser drei
Handlungen. Um den Unterschied zwischen dem gewöhnlichen Auflegen
einer Platte und den Handlungen eines DJ's zu klären, soll den
Variationen der drei Handlungen nachgegangen werden. Eine Platte
abzuspielen ist normalerweise nichts besonderes. Bis auf die Auswahl
der Platte kann nichts falsch gemacht werden. Der Rest wurde
folgerichtig bei vielen Geräten durch die Startautomatik ersetzt.
Für Instrumentalisten sind die Variationsmöglichkeiten am
Apparat offen. Man könnte die Schallplatte am Tonarm reiben, die
Nadel mit dem Daumennagel kratzen oder auf dem Plattenteller trommeln.
Viele Handlungen am Apparat bringen Geräusche hervor. Wir wollen
uns in Folge auf die Handhabung beschränken, die insoweit dem
technischen Standard folgt, als sie am Speicher ein Signal abnimmt und
ausschließlich das Ausgangssignal am Output verwertet. Diese
Praxis hat sich kulturell formiert. Sie soll im Horizont ihrer
technischen Möglichkeiten beschrieben werden.
Die Möglichkeit
auszuwählen beginnt beim Speichermedium Schallplatte. Die
Adressierung des Speichers läuft in zwei Dimensionen. Einzelne
Platten können auf der einen oder der anderen Seite abgespielt
werden. Dieser ersten Entscheidung folgt eine Handbewegung, die eine
Stelle auf der Platte auswählt. Eigentlich können beliebige
Punkte der Rille angesteuert werden, aber ist es unmöglich, jeden
von ihnen von vorneherein mit einem Musikereignis zu verbinden. Die
zweite Adressierung ist unscharf. Technisch formuliert steht einem
diskreten Speicherzugriff mit der Genauigkeit einer
Schallplattenlänge ein unscharf adressierbarer Zugriff in der
Tonspur gegenüber. Oberhalb einer Schallplattenlänge dauert
der Zugriff länger, günstigstenfalls z. B. bei Jeff Mills mit
Handlanger 5 Sekunden. Wenn der Plattenkoffer schlecht sortiert ist,
kann ziemlich viel Zeit vergehen, bis die Schallplatte gefunden ist.
Innerhalb einer Schallplatte kann sehr schnell jede Stelle unscharf
adressiert werden, exakt dagegen nur über akustische
Rückkopplung, was vergleichsweise viel Zeit in Anspruch nimmt. Die
Platte liegt auf dem Teller, der Teller dreht sich, der Tonabnehmer
kurvt in der Rille. Wir hören Musik. Jede Handlung, die nun
ausgeführt wird, ist hörbar, jedenfalls solange der
Tonabnehmer aufliegt. Praktisch alles, was bei laufender
Übertragung einsetzt, beeinflußt die Geschwindigkeit der
Wiedergabe. Variationen zielen damit immer auf Zeit- und
Frequenzbereich zugleich. Beide können im analogen Speicher nicht
mehr entkoppelt werden. Hierin unterscheidet sich der Plattenspieler
von den gängigen Instrumenten, die im Frequenzbereich variabel
sind, also an verschiedene Bewegungen zumeist verschiedene Töne
knüpfen. Deswegen müssen viele Frequenzinstrumente kunstvoll,
aber ständig im Zeitbereich koordiniert werden. Orchester
benötigen Dirigenten unter anderem als laufende Taktgeber im
Zeitbereich. Eine Schallplatte braucht keinen Taktgeber, aber einen DJ,
der Geschwindigkeiten, wie zum Beispiel zwei Beats, einander angleicht.
Er agiert immer gleichzeitig im Zeit- und Frequenzbereich. Er kann
nicht anders. Das ist ein wesentlicher Grund, warum die elaborierte
Harmonik alteuropäischer Musik auf wenige Muster implodiert ist,
die zudem eher Zeit als Frequenz strukturieren. Stattdessen ergibt sich
auf dem Feld der Rhythmik eine breites Feld von Differenzierungen. Die
Namen von Musikstücken sagen es. So wenig es eine Symphonie in 130
bpm gibt, sowenig einen Techno-Track in D-Dur. Der gewöhnlich von
DJs eingesetzte Plattenspieler unterscheidet sich von normalen
hauptsächlich durch eine erweiterte Kontrollmöglichkeit und
Präzision der Geschwindigkeit. In der Bedienungsanleitung werden
die Unterschiede unter dem Stichwort "Vorzüge"
abgehandelt. "Vollständig quarzgesteuerte, durchgehend
regelbare Drehzahl - Feineinstellung über einen Bereich von ca. +
8 % ... Hohes Drehmoment für schnellen Start .. Elektronisches
Bremssystem bringt den Plattenspieler schnell zum Stillstand ... Die
Stroboskoplampe wird durch einen Quarz-Oszillator gesteuert ."1
Die Geschwindigkeit kann sowohl zeitstabil als auch zeitvariabel
verändert werden. Für den ersten Fall ist der Schieberegler
(9) zuständig. Er variiert die Drehzahl um 8% nach oben oder nach
unten. Das Stroboskop und die Punkte am Plattenteller (5) erlauben es,
die Geschwindigkeit zu kontrollieren. Die zeitvariable Beeinflussung
der Drehzahl läuft nicht über Regler, sondern über
direkte Berührung der Platte oder Plattentellers. In diesem
Eingriff, besonders dem Bremsen, Anhalten und Vorwärts- oder
Rückwärtsdrehen der Platte lag die Urszene des DJ's. Die
Geste steht für den Eingriff in den technischen Standard, für
die Entscheidung, den Plattenspieler nicht mehr nur als
Abspielgerät, sondern als Instrument zu gebrauchen. Wurde in den
Anfängen noch sehr oft und direkt mit diesem Zugriff gearbeitet,
so beschränkt sich heute der Einsatz der Hand weitgehend auf eine
akustisch verborgene Justierung des Grundbeats oder die exakte Suche
nach einer Stelle auf der Schallplatte.
Was von allen diesen
Manipulationen beim Ohr ankommt, entscheidet sich nicht am
Plattenspieler. Der Plattenspieler gibt keinen hörbaren Schall
aus. Zwischen Schallplatte und Schall stehen zumindest noch
Verstärker und Lautsprecher. Wo elektrische Signale einmal
unterwegs sind, kann alles zwischengeschaltet werden, was Elektronik
ist. Das Mischpult erwies sich als wesentlich für das zur Zeit
genutzte Trio von Geräten. Ein Mixer verbindet zwei
Schallplattenspieler. Da jeweils ein DJ an der Verschaltung von zwei
Schallplattenspielern und einem Mischpult arbeitet, könnte man
auch das ganze kleine Medienverbundsystem als ein einziges Instrument
bezeichnen. Der Mixer kontrolliert, ob und in welcher Stärke das
Signal welches Plattenspielers hörbar wird. Damit ist ein
Zeitvorteil verbunden. Was der DJ hört, hört der Zuhörer
nicht unbedingt. Es kann aber zu einem beliebigen späteren
Zeitpunkt eingesetzt werden. Praktisch genug, daß diesen zwei
zeitversetzten Kanälen zwei Ohren entgegenkommen. Deshalb sieht
man DJs nicht selten mit eigenartig verkrampfter Kopfhaltung in eine
Seite ihres Stereo-Kopfhörers hineinlauschen. Der Mixer wird in
diesem Aufbau zur idealen Ergänzung der Speichertechnik. Durch
diesen Zeitvorteil läßt der für Solisten übliche
Zeitdruck auf DJs nach. Er kann dann um so präziser, nämlich
nicht unter den Ohren des Publikums, sondern "in Ruhe"
arbeiten. Während ein Stück läuft, wird das nächste
zurechtgelegt. Effekt dieser Schaltung ist auch, daß Pausen
wegfallen. Solange Speichermedien nicht manipuliert und gemischt werden
durften, waren nach dem Abspielen einer Speichereinheit Pausen
technisch notwendig. Erst mit dem Mischpult ist ein reibungsloser
Zugriff auf alle analog gespeicherte Musik möglich.
Welche Art von
Musik gemacht wird, läßt sich von technischen Bedingungen
ausgehend nur negativ beschreiben. Technik eröffnet einen Horizont
von Differenzmöglichkeiten, in dem sich kulturelle Praktiken
einnisten. Nicht zuletzt deshalb zeichnet sich Kulturtechnik immer
wieder durch den sogenannten Mißbrauch von Geräten aus. Sie
nistet sich an Stellen ein, die Ingenieure beim Entwurf eines
Gerätes weder vorhersehen noch verhindern können. Die
Produktion gespeicherter Musik wird vom Plattenspielers nur indirekt
beeinflußt. Seit allerdings Schallplatten beinahe
ausschließlich für diese Art der Weiterverwertung
hergestellt werden, ist vieles von dem, was auf Vinyl gepreßt
wird, nicht dafür gedacht, ungemischt gehört zu werden. Der
Vorwurf der musikalischen Idiotie an Techno und ähnliche Musik
rührt allzuoft aus der Unkenntnis über die Notwendigkeit,
Schallplatten zu interpretieren. Faßt man die technischen
Beschränkungen der Musikstile ins Auge, so rücken die Wirkung
der Kopplung von Frequenz- und Zeitbereich in den Vordergrund. Harmonik
fällt aus oder bildet bestenfalls feste Strukturen im Zeitbereich.
Schon eine Diskussion über Tonalität ist unter den
technischen Randbedingungen sinnlos. Statt dessen werden
frequenzunabhängige Differenzen sehr viel wichtiger. Die Differenz
der Klänge ersetzt die der Töne. Die Standardisierung der
Klänge, wie sie etwa die Besetzung des Orchesters vorgibt, ist
vollkommen aufgebrochen. Es können beliebige Klänge
gespeichert werden und ein Großteil der Stildifferenzierungen
läuft über den Gebrauch bestimmter Klänge. Im
Zeitbereich wird gleichzeitig eingeschränkt und erweitert. Der
Leitrhythmus ist vollkommen auf einen 4/4-Takt standardisiert, der als
allgemeines Koordinationsmuster dient. Wo Musikspeicher nicht mehr
über Augen wie das Notenpapier, sondern über Ohren, wie bei
der Schallplatte, laufen, sind Taktstriche erstens unverzichtbar, da
sonst Orientierungslosigkeit in der Partitur herrscht, und müssen
diese Taktstriche zweitens hörbar sein, da man sie in der
Plattenrille nicht sehen kann. Was innerhalb des festen Taktes
geschieht, bleibt dagegen vollkommen offen. Auf diesem Feld ergibt sich
neben der des Klangs die zweite bestimmende Ausdifferenzierung von
Stilen.
Trotz seiner vielfältigen Einsatzmöglichkeiten und
seinem geradezu revolutionären Einfluß auf die
Musikentwicklung des letzten Jahrzehnts steht der Plattenspieler vor
einer ungewissen Zukunft. Warum gibt es ihn überhaupt noch, da
doch längst die digitale Nachfolgetechnologie in alle Kinder- und
Wohnzimmer eingezogen ist ? Als analoges Speichermedium von Musik hat
die Schallplatte ausgedient. Sie verdankt ihr Weiterleben einzig und
allein dem Plattenspieler als Instrument. Die Erklärung dafür
kann nicht nur im Instrument gesucht werden, sondern sie hat ihren
Grund in einer komplexen technischen Lage. Diese Lage hat mit
Geschichte im Sinn von Trägheit zu tun. Ein System, das sich
einmal eingespielt hat, wird nicht sofort ersetzt, wenn es ein
technisch besseres gibt. Spätestens seit technische Medien
Wahrnehmungsschwellen unterlaufen, können Verbesserungen der
Klangtreue kein Durchsetzungskriterum mehr sein. High-Fidelity markiert
schon ein Ende, alles dahinter ist Fiktion, "High End". Weil
Klangverbesserung zu vernachlässigen ist, setzen sich technisch
avanciertere digitale Klangquellen als Instrumente nicht durch. Was bei
Instrumenten zählt, ist die Handhabbarkeit. Es gibt noch kein
digitales Instrument, das der Hand einen vergleichbaren Zugriff bietet
wie der Plattenspieler. Diese Situation erscheint um so absurder, als
praktisch alle gespeicherte Musik bereits auf dem digitalen Standard
produziert, gemastert und abgemischt wird. Zu der Knappheit der
Handhabung tritt eine Knappheit an der Schnittstelle. Digitale
Produktionsinstrumente werden seit 1983 über die
MIDI-Schnittstelle koordiniert. Der MIDI-Standard erlaubt zwar, alle
möglichen elektronischen Instrumente zu takten, aber bereits bei
seiner Normierung im Jahr 1983 stellte er einen Kompromiß auf
niedrigem technischem Standard dar. Die Kanalbreite ist auf 31250
Bit/Sekunde beschränkt. Eine einzelne MIDI-Nachricht setzt sich
aus drei Komponenten (Kanal- Ton - Stärke) à 8 Bit
zusammen. Ein Ton kostet mit Ein- und Aussschalten zwei derartige
Ereignisse. Über MIDI sind also etwa 600 Töne pro Sekunde
codierbar. Eine 20stimmige Orchesterpartitur erreicht bei einer
Zeitgenauigkeit von 32 pro Sekunde eine Kanalbreite von 320
Tonereignissen pro Sekunde, auch wenn diese nie voll ausgenutzt wird.
Die MIDI-Schnittstelle bewegt sich damit in der
Größenordnung klassischer Sequenzierungstechniken. Sie ist
folglich auf Interpretation genauso angewiesen, wie die Notation auf
Notenpapier. Es gibt etliche Stellen, die unter dem Regime von MIDI
produzierte Musik interpretieren, so etwa der Sounddesigner oder
Toningenieur am Mischpult. Die einzige Stelle, an der sie in Echtzeit
manipuliert wird, ist aber der Plattenspieler. Zweifellos ist der
MIDI-Standard nicht der einzige Grund für den Fortbestand des
Plattenspielers als Instrument, aber es ist unschwer vorherzusagen,
daß mit der Durchsetzung einer differenziert handhabbaren
digitalen Schnittstelle die Tage des Plattenspielers gezählt sein
dürften.