Marignalien zu stehenden Bildern


spanische Übersetzung veröffentlicht in:
Juan Gabler. Ausstellungskatalog. Santiago de Chile,1997
Copyright by Stefan Heidenreich


Im Vergleich mit historischen Formationen von Künsten weist unsere Gegenwart eine Leerstelle auf: das Bild. Das klingt paradox angesichts einer Flut von Bildern. Egal ob auf Straßen, in Zeitschriften, ob über Fernseher oder Computer oder in den Kinos, überall treffen wir auf Unmengen von Bildern. Dennoch stehen beide Feststellungen berechtigt nebeneinander. Die Leerstelle Bild und die Bilderflut gehören zusammen. Öffentliche Bilder fungieren als Trägermedien. Sie rundieren andere Nachrichten, wie Hintergrundmusik. Egal ob es sich um Bilder in der Werbung, im Kino oder in Videoclips handelt, ihre Funktion ähnelt sich. Was wir sehen, untermalt etwas anderes. Filme erzählen Geschichten, Werbung verkündet Namen, Videoclips untermalen Musik. Bilder dienen dazu, eine Atmosphäre zu erzeugen, auf der Waren, Namen, Klänge oder Geschichten gleiten.
Es geht hier weniger um eine Kritik dieses Verhältnisses, als vielmehr um die Fragen, was die diskursive Stelle von Bildern vorher war, warum sie verloren ging und ob Bilder überhaupt eine andere Stelle einnehmen können. Die folgenden kurzen Bemerkungen sind Anfänge von Antworten, die im einzelnen genauer durchdacht und begründet werden müssen.

1
Das Betrachten von stehenden Bildern ist eine eigentümliche Wahrnehmungstechnik. Die Fixierung der Augen auf einen Rahmen, die Kontrolle des Blicks, die Aufmerksamkeit auf etwas Ruhendes erscheint heute überholt. Kontemplation als Disziplinierung der Sinne wurde, nicht zum ersten Mal, am Ende des 18. Jahrhunderts propagiert: man hatte leise zu lesen, sich still in Bilder zu versenken, im Sitzen dem Konzert zu lauschen. Hier wurde Kunst zu dem "Geistigen", als das sie uns viel zu oft noch immer entgegentritt. Die Lage hat sich von Grund auf geändert. Beim Fernsehen wird geredet, zur Musik getanzt, beim Lesen Radio gehört. Klassische Kunst-Techniken sinnlicher Fixierung werden von einem Grundrauschen der "Welt" übertönt. Gemälde, die die fremde Tätigkeit des Betrachtens erzwingen, sind verschloßen in den Tempeln des letzten Jahrhunderts, den Museen und ihren Lagern. Außerhalb eines geschlossenen Kreises von Kunst-Institutionen gibt es für solche Bilder weder einen Bedarf noch eine Verwendung.

2
"Kunst" ist ein heute Label, dem sich alles und nichts zuordnen läßt, ein Begriff, der nurmehr institutionelle, keine inhaltlichen Differenzen mehr zuläßt. Jeder Versuch den Begrif Kunst selbst mit einer Differenz zu befrachten, etwa mit Aussagen wie "das ist Kunst" oder "das ist keine Kunst" gibt sich der Lächerlichkeit preis. Kunst kann alles sein. Innnerhalb der entgrenzten Praxis "Kunst" sind Kompetenzen tendeziell hinderlich, schränken sie doch die sogenannte "künstlerischen Freiheit" ein. Die Kompetenz zur Herstellung von Bildern, die für Kunst einmal zentral war, fällt genauso unter dieses Gebot wie alle anderen Kompetenzen. Man kann die Befreiung der Kunst vom Bild an einer Kette historischer Notwendigkeiten verfolgen. Im Jahr 1839 stellt der Physiker Arago vor der Pariser Akademie den photochemischen Prozeß und dessen Anwendungen vor. Kurz darauf haben Maler wie Ingres oder Menzel ihre Gemälde nach Fotografien gemalt. Ein positiver Bezug von Kunst auf technische Medien setzte sich nicht durch. Anstatt mit Kameras zu arbeiten, wurden Künstler selbst zu Kameras. Malerei entstand im Kurzschluß von Auge und Pinsel. Die Anfänge der Entwicklung gehen auf die Schule von Barbizon zurück, die seit den 20ern des letzten Jahrhunderts mit der "pleinair"-Malerei Ölgemälde unmittelbar vom Motiv absah. Ab den 40ern erweist sich eine solche Praxis als vorteilhaft, da sie Fotografie als Instanz optischer Vermittlung ausschließt. Von hier aus läuft eine gerade Linie über die Kurzbelichtungen in Öl der Impressionisten, die verrauschten Fehlfarbenabzüge des Expressionismus' und die halluzinierten Geometrien der Kubisten bis zur Abstraktion als bloßer Spur des befreiten Pinsels.
Die Geschichte des Künstlers als Augen-Pinsel hat in der vollendeten Abstraktion einen Schlußpunkt. Das schwarze Quadrat von Malewitsch stellt als bloße Kunst des Farbauftrags eine unüberbrückbare, weil chemische, Differenz zum Foto sicher. Ist dieser Endpunkt an Abstraktion einmal durchschritten, gibt es kein Motiv mehr, sondern nur noch den Kurzschluß von Malern auf Malereien. Seither pinseln Pinsel nurmehr nach, was andere Pinsel schon gepinselt haben.
Daß ihm ein Ruhm des Künstlers als junger Pinsel nicht genügen würde, muß Duchamp wohl geahnt haben, als er sich von der Reproduktion Marey'scher Fotografien 1 ab und dem Recycling von irgendetwas anderem schon fertigen zuwandte. Seitdem Kunst den Bildern und der Fotografie durch diese Hintertür entwischt ist, hat sich eine Schere geöffnet - einer Kunst ohne Bilder stehen Bilder ohne Kunst gegenüber. Den Institutionen der Kunst hat die Produktion in der Nachfolge Duchamps gute Dienste geleistet. Seit per Definitionem alles in Galerien und Museen Kunst ist, können die Institutionen nicht mehr leer werden. Dem kommt eine, mittlerweile schon wieder überholte, Praxis entgegen, die sich der puren Füllung von Räumen widmet - nichts anderes sagt der Name "Installation". Der weiteren Zweitverwertung fremder Diskurse im geschlossenen Kunstbetrieb ist keine Grenze gesetzt, wie ein kurzer Blick auf die Programme der "besseren", "neueren" und "wichtigeren" Galerien und Institutionen zeigt. Daß die in den 90ern propagierte "Kontext-Kunst" die Schließung des Systems überwinden wird, erscheint mehr als fraglich.
Malerei ist bei alldem keineswegs abgeschafft, schon weil im mit kultureller Verspätung sozialisierten Bürgertum ein enormer Bedarf an flachen, gerahmtem nach Großvaters Art mit Ölfarben verfertigtem kulturell repräsentativem Kapital besteht. Eine Nachfrage, die eine bestimmte soziale Schicht konservieren soll, fordert nicht eben zu Weiterentwicklung heraus. So kann Malerei in Ignoranz aller neuen Bildmedien die regredierte Form von Selbstwiederholung durchspielen, wie sie noch immer den repräsentativen Teil der Wände im allgemeinen ausfüllt.
Angesichts dieses Defizits wird es nötig, zwischen Bildern und Malerei zu unterscheiden. Malerei hat aufgehört, Bilder zu machen, in dem Maß, wie sie sich von den Kompetenzen zeitgenössischer Bildproduktion zurückgezogen hat. Wenn also ein Gerhard Richter ein Foto nachmalt, und darin ist er gewiß nicht der erste, so erscheint das zwar avancierter als ein Baselitz, der einen Baselitz, der einen Ensor nachmalt, aber noch immer jenem "Nach" unterstellt, das der technologisch zurückgebliebenen Paxis Malerei ein für alle Mal anhaftet. Um dagegen eine Produktion von Bildern überhaupt denken zu können, muß man heute den Begriff und das Feld der Kunst überspringen.

3
Unsere zeitgenössischen Bilderwelten werden in Hollywood, in Werbestudios und an Videoschnittplätzen erfunden. Eine bildliche "ars inveniendi" ist damit über das universelle Tauschmedium "Geld" an ein ökonomisch vermitteltes diskursives Geflecht gekoppelt, das Effektivität belohnt. Maximaler Effekt heißt maximale Ausnutzung eines technologisch gesetzten Spielraums von Differenzen. Regeln von Wahrnehmung unterliegen dem technischen Dispostiv der Bildapparate. Nicht daß damit festgelegt wäre, was als schön oder nicht-schön zu gelten hätte, sondern lediglich, in welchem Rahmen sich bildnerische Differenzen abspielen. Versuche, einen Begriff des "Schönen" oder eine Žsthetik von technischen Bedingungen aus zu formulieren, treffen auf grundlegende Schwierigkeiten: Max Bense etwa hatte versucht "Schönheit" zu berechnen und so etwas wie ein absolut schönes Verhältnis oder eine absolut schöne Form, wie sie dann nur zwangsläufig wäre, herzuleiten. 2 Allein verlaufen Künste im Gegensatz zur Mathematik zeitabhängig und inkonsistent. Deshalb ist a=a=a schlicht wahr und 'a rose is a rose is a rose' provoziert alle anderen Urteile als das der Wahrheit. Eher scheint es so, als ob bei der Arbeit mit technischen Medien die ästhetischen Leitbegriffe die Fronten gewechselt haben.
In technischen Medien hat Schönheit oder Wahrheit einen ganz präzisen Sinn. Wahrheit heißt einfach šbereinstimmung von Input und Output, Schönheit tritt auf, wenn die Informationsdichte die Wahrnehmungsdichte übersteigt. Demnach wäre digital übertragenes Satellitenfernsehen zwar wahr, aber nichtsdestoweniger kaum schön, da Fernsehen schon vom Standard her, egal ob NTSC oder PAL, häßlich ist. HiFi wäre eine frühe Norm von Wahrheit und Schönheit. Als Signet von Schönheit steht "DDD" auf digitalen Tonträgern, wo "A" wie Analog nur noch eine häßliche Lüge benennt. Mit Heidegger könnte man das Verhältnis philosophisch formulieren: wo Künste sich der Technik und damit dem Gestell unterstellen, stehen sie schon immer in einer spezifischen Weise des Entbergens und der Wahrheit. 3 Anders gesagt: Schönheit und Wahrheit sind technische Probleme, lösbar von Ingenieuren. Künstler, als Spezialisten der Vermittlung zwischen Technologien und Wahrnehmungen, sind zuständig für die Wirkung. Nehmen wir also zur Vereinfachung an, Technologien seien wahr und schön, Künste seien effizient.
Zur Zeit des russischen Bürgerkriegs, 1919, gingen der Frontfilmer Kuleschov in russische Vorstadtkinos, um eine Rezept für massenwirksame Filmpropaganda zu finden. Sein Ergebnis war: "1. Foreign films appeal more than Russian ones. 2. Of the foreign films, all the American ones and detective stories appeal most." 4 Von dieser simplen Diagnose aus entwickelten Kuleschov und seine heute berühmteren Schüler, Eisenstein und Pudovkin, ihre Theorien der Montage. Das hat wenig mit Schönheit, aber um so mehr mit Effizienz zu tun. Die simple Devise Kuleschovs hieß: Von Hollywood lernen! Leider ist es so gekommen, daß Hollywood noch immer am besten von Hollywood gelernt hat. Noch immer kann man sich in jedem Vorstadtkino davon überzeugen.

4
Maximaler Effekt heißt maximale Ausnutzung eines technologisch gesetzten Spielraums von Differenzen. Bei der wiederholten Lektüre habe ich den Verdacht, daß diese Aussage zu einem Fehlschluß führen kann. Maschinen lesen Bilder und andere Maschinen schreiben Bilder und wieder andere addieren, subtrahieren und multiplizieren Bilder. Als Mengen von Zahlen, die Bilder im Computer sind, stehen sie allen rechnerischen Zugriffen des Mediums offen. Der technologische Spielraum ist der einer avancierten Mathematik und einer Unzahl von Rechenoperationen.
Einige Boten mathematischer Schönheit haben wir schon gesehen: das fraktale (Mandelbrot-) Apfelmännchen, die Simulationen ungebauter Architektur, Filmsequenzen mit berechneten Akteuren wie in Terminator II oder Jurassic Park. Auch wenn die Menge mathematischer Operationen ganz abgesehen von ihrer absoluten Wahrheit eine gewisse Schönheit gewähren, also einer technischen Ästhetik genügen, so bleibt doch ihr Effekt absolut unkalkulierbar. Daß die Wirkung einer Nachricht eine den technischen Prozeß überschreitende Kategorie ist, war schon am Anfang der Informationstheorie klar. 5
Damit will ich nicht sagen, daß es erforderlich wäre, zu einer Metaphysik der digitalen Daten überzugehen. Es zeigt sich nur, daß eine maximale Ausnutzung eines technischen Spielraums von Differenzen wenig hilft, da maximale Effekte davon nicht abhängen. Wirkungen spielen in einem sich ständig verschiebenden Feld von Differenzen, das von Umgebungen, Zeiten, Moden und Vergangenheiten abhängt und also selbst dem Rauschen von Welt unterliegt. Eine Technologie der Bilder kann nichts begründen, aber sie reicht weit in das Spiel von Differenzen hinein, auf dessen Boden wirkungsvolle Ereignisse entstehen. Solche Ereignisse können nicht konstruiert, nicht dekonstruiert, nicht philosophiert werden. Sie sind unvorhersehbar, mit sich selbst gleichzeitig.




1 vgl. Marey 1830/1904:La photographie du mouvement. Centre Georges Pompidou, Paris, 1977. S.103f.
2 vgl. Max Bense: Aesthetica. Einführung in eine neue Aesthetik. Baden-Baden, 2.erw. Aufl. 1982. bes. S.262 u. S.373
3 vgl. Martin Heidegger: Der Ursprung des Kunstwerks.1935/36 bes. Abschnitt III, und: Die Technik und die Kehre (1962)
4 Lev Kuleshov: Americanitis. in: Kuleshov on film. Ed. Ronald Levaco. University of Califormia Press. Berkeley. 1974. p.127
5 c.f. C.E.Shannon, Weaver, W.: The Mathematical Theory of Communication. The University of Illinois Press, Urbana, 1964, p.31 

zurück zum index