Film ist ein seltsames Medium. Wenn er passiert - auf der Leinwand,
auf dem Schirm - scheint sich alles zu bewegen. Moving Images. Eine subtile
Täuschung, denn nur durch die schnelle intermittierende Abfolge von
ruhenden Elementen wird in unseren Köpfen und Herzen der Eindruck
von Bewegung erzeugt. Die Zuschauer hingegen sind völlig ruhiggestellt
vor der Schnittstelle zwischen realer und imaginarer Welt.
Was wirklich in ständiger Bewegung sich befindet beim Filmemachen
ist hingegen der Produktionsprozeß, ist der Filmemacher, sind die
Schauspieler, die Statisten, die Kamera- und Tonleute ... "Passion"
- Leiden und Leidenschaft treiben sie in den besten Fallen voran auf der
Suche nach Bildern vom Paradies oder der Hölle, die sie anderen nahebringen
wollen. Nur beim Schnitt, in der Postproduktion, in der Montage wird der
Film in aller Regel wieder ausgesessen.
Alfred Banze hat sich für sein neuestes Projekt die Fiktion
von einer Bewegung vorgenommen. Als Thor Heyerdahl nach dem Ende des Zweiten
Weltkriegs mit seinem Floß KON-TIKI das große Wasser zwischen
Equador und den Tuomotuinseln uberquerte, wollte er damit beweisen, daß
die Polynesier mit solchen archaischen Schwimmgeraten von Südamerika
aus den Pazifik besiedelt hatten. Die Wissenschaft belehrte ihn spater
eines besseren. Gleichwohl bewies der Norweger etwas sehr Wertvolles: nämlich,
daß seine Einbildungskraft nicht bodenlos war. Die Geschichte hätte
sich so abspielen konnen.
Der Film, der nun als eine Realisierungs-Variante des KON-TIKI-Projekts
Alfred Banzes entstanden ist, schöpft aus diesen beiden Quellen seine
Kraft: aus der Bewegung und aus dem phantastischen Raum zwischen Fiktion
und Realitat.
Wie ein post-kolonialer Nomade reiste Banze auf der Suche nach dem
Paradies von Südostasien in den Pazifik und vollzog damit quasi die
Bewegung der realen Geschichte nach. Im Gepäck hatte er die neuzeitlichen
Artefakte und Heilsversprechungen, Medienaufnahme- und Abspielgerate, Videobänder,
Filme, Texte, Musikinstrumente. In schier unglaublichen Vorführungen,
Konzerten, Projektionen und Performances prasentierte er im Alleingang
die Blicke und Töne seiner, der westlichen Welt auf das Paradies,
ließ sie mit den vor Ort gefundenen kulturellen Gesten und Ausdrucksformen
kollidieren und sammelte zugleich die Ansichten von Eingeborenen und anderen
Nomaden auf der Suche nach dem Paradies über Gott, über die Ursprunge,
über das, was die Welt zusammenhalt und auseinanderdriften läßt.
BODHISHATTVA, das grosse Gefährt, ist dabei durchaus auch im
materialästhetischen Sinne zu verstehen. Denn viele der Verbindungen
zwischen den heterogenen Welten entstanden tatsächlich auf der Reise
und an den verschiedenen Orten: durch den Körper des agierenden Künstlers,
durch die Präsenz seiner Medientechnik, durch die Konstruktion und
Mischung verschiedener Bildschichten und Klangräume vor Ort. Die Reise,
die Fahrt als Arbeit an der Montage. Moving images and sounds im direktesten
Sinne durch die Interaktion des Künstlers mit den Wirklichkeiten,
die er auf-suchte und vor-fand.
Das Paradies - ein Mythos, der in Glücksfällen durch die
zufällige Natur, durch die gelebte Wirklichkeit, durch die Augen einer
Person, durch die Gestik, die Musik und die Sprache hindurch aufscheint.
Kein Zustand, eher eine permanente Bewegung, ein Schweben, eine energetische
Nervosität zwischen Heterogenem.