Heiko Schmid
Metaphysische Maschinen
Betrachtet man das westliche, zeitgenössische Science-Fiction-Genre, so fällt auf: Im Gegensatz zu den auf mechanisch und physikalisch nachvollziehbaren „Grundlagen“ basierenden phantasierten Maschinen eines Jules Verne oder eines Herbert Georg Wells, dominieren dort neuartige, von gängigen naturwissenschaftlichen Kenntnissen völlig „enthobene“ Visionen, wie beispielsweise „Cyberspaces“. Von einer Maschine im „klassischen“ mechanisch oder thermodynamischen Sinne kann etwa bei einem so genannte Para- oder Hyperräume durchdringenden Raumschiff nicht mehr gesprochen werden.
Für den deutsch-amerikanischen Kulturhistoriker und Kybernetiker Gotthard Günther manifestieren sich in den zeitgenössischen technologischen Visionen des Science Fiction-Genres moderne „geschichtsmetaphysische Archetypen“ (Günther, Gotthard: Kommentar des Herausgebers. In: Phantastische Geschichten aus der Welt von morgen. Düsseldorf 1952. S. 236). In den aktuellen Maschinenphantasien des Genres, so seine These, offenbart sich eine Abkehr von rationalistisch und positivistisch konstruierten neuzeitlichen Ideologien. Dort entstehen für den Kulturhistoriker „Vorstellungen“ einer sich erst abzeichnenden „modernen Weltkultur“, was ihn methodisch grundlegend von gängigen allein literatur- oder filmwissenschaftlich orientierten Positionen abgrenzt.
Um das Aufkommen von neuartigen Science-Fiction-Maschinenphantasien verständlicher zu machen und damit Günthers Ansätze weiter zu fundieren, sind für mich die Kunstgeschichte und, im Verbund mit dieser, diverse kulturhistorische Theoreme von zentralem Interesse. Beispiele hierfür sind das von dem Kulturhistoriker Lewis Mumford dargestellte „Prinzip“ des sich in Kulturzeugnissen entwickelnden menschlichen „Geistes“, sowie das von den Philosophen Henri Bergson und Gilles Deleuze eingeführte und verwendete Konzept der „Dauer“.
Die sich in den zeitgenössischen technologischen Vorstellungen des Science-Fiction-Genres abzeichnende Abkehr von neuzeitlichen Denkmodellen lässt sich etwa mittels der Terminologie Mumfords, Bergsons oder Deleuzes, als Abkehr von klassischen, in der materiellen „Realität“ der Dinge fundierten Wirklichkeitsbegriffen, hin zu in schöpferischen kulturellen Prozessen entwickelten Realitätskonzepten definieren.
Die modernen „Science-Fiction-Maschinen“, so meine These, „funktionieren“ vergleichbar zu modernen Entwicklungen der Kunst allein in „virtuellen Ideensphären“. Sie „funktionieren“ paraphrasiert mit Lewis Mumford in einer symbolischen „Umwelt“, welche die unmittelbar sinnliche Wirklichkeit nur noch verschwommen widerspiegelt und doch über diese hinausgeht, diese ständig erweitert (vgl. Mumford, Lewis: Mythos der Maschine. Frankfurt am Main 1977. S. 45).
Analog zu modernen Kunstwerken von beispielsweise Jackson Pollock, Joseph Beuys oder Yves Klein handelt es sich, so die These, bei diesen technologischen Phantasien um abstrakte, symbolische Maschinen, in denen sich die menschliche Fähigkeit zur Akkumulation von Wissen und noch wichtiger, zu deren Erweiterung manifestiert. Was parallel in den zeitgenössischen Kunstwerken, sowie den Maschinenphantasien des Science-Fiction-Genres thematisiert wird, ist die Frage nach der menschlichen Zeitlichkeit im Sinne Deleuzes, nach der „Zukunft“ und damit der potentiellen Gestaltbarkeit der menschlichen Wirklichkeit.
Zur Person
geboren 1978 in Konstanz. 2000 bis 2002 Studium der Kunstwissenschaften und Neuere Geschichte an der TU Berlin sowie Medienwissenschaften an der Universität Potsdam. 2002 bis 2006 Studium der Kunstwissenschaft und Medientheorie, Philosophie und Ästhetik sowie Szenografie (Ausstellungsgestaltung) an der Hochschule für Gestaltung (ZKM) Karlsruhe.
Konzeption diverser Ausstellungen, Publikationen und Vorträge zu Themen aus dem Bereich Medienkunst, Technikgeschichte und Science Fiction.



