Tim Otto Roth
Körper. Projektion. Bild - eine vergleichende Untersuchung zu Schattenbildern
Schattenaufnahmen haben nicht zuletzt in Gestalt der Röntgenaufnahmen das moderne Verständnis von Bildlichkeit wesentlich verändert. Verfahrenstechnisch kann man eine Schattenaufnahme als eine Kategorie von Schattenbild beschreiben, bei dem die Schattendarstellung durch die Fixierung eines Schattens mittels eines photochemischen oder photoelektrischen Prozesses erzeugt wird. Das Promotionsvorhaben nimmt erstmals eine theoretische Aufarbeitung der Geschichte von Schattenaufnahmen im besondern und Schattenbildern im allgemeinen vor.
Hierzu ziehe ich Werke von Künstlern und kunsttheoretische Überlegungen heran und vergleiche zwischen Schattenaufnahme und gemaltem Schattenbild. Das Forschungsvorhaben versteht sich dabei als Gegenentwurf zu bisherigen Ansätzen in der Kunstgeschichte, die unter dem Begriff des „Photogramms“ Schattenaufnahmen positiv oder negativ in Beziehung zur Photographie setzen. Die Behandlung der Schattenaufnahme als Verfahren in den Naturwissenschaften, macht deutlich, daß das technische Verfahren einen Bruch mit bisherigen Seh- und Bildherstellungsmethoden darstellt, die insbesondere in Form des Röntgenverfahrens für Umwälzungen in der Medizin (Dommann), der Rechtsgeschichte (Golan) und nicht zuletzt auch in der Kunst (Henderson) gesorgt hat. Die Auseinandersetzung mit den bislang kaum rezipierten Lichtpausverfahren und dem Naturselbstdruck in der Botanik hilft, den Begriff der Schattenaufnahme weiter zu präzisieren und medial zu positionieren.
Das Vorhaben fokussiert die „materielle Kultur“ (Galison) von Schattenbildern und Schattenaufnahmen und zeigt die enge Verbindung zwischen dem Aufkommen neuer technischer Verfahren und der Entwicklung neuer Bildkonzepte auf. Methodisch geht es darum, das Verhältnis von Schatten und Schattenbild zu klären und zwischen Schattenbild und Schatten in Bildern zu unterscheiden. Die Frage ist hier, ob ein phänomenologischer Bildbegriff, wie ihn u.a. Lambert Wiesing entwickelt, nicht um die „Physik des Bildes“, wie sie Belting in seiner Bildanthropologie einfordert, erweitert werden muß. Zentral ist hierbei der Schattenbegriff, der mit der Projektion also einem Übersetzungsprozeß von einem dreidimensionalen Körper in eine flächige Darstellung arbeitet. Entscheidend für den Ansatz ist, daß der Verfahrensschritt der Bildstrukturierung durch die Schattenprojektion von der Fixierung klar unterschieden wird. Diese Akzentverschiebung bringt die Überlegung mit sich, ob die digitale Aufzeichnungstechnik tatsächlich ein nachphotographisches Bild hervorgebracht hat oder ob nicht viel mehr die Schattenaufnahme – als archaische und moderne Bildform zugleich – ein Paradigma für postphotographische Bilder darstellt.
Zur Person
Tim Otto Roth (geb. 1974) studierte 1994-1995 Politik und Philosophie in Tübingen (D) und wechselte zum Studium der Freien Kunst an die Kunsthochschule Kassel (D), 2001 Meisterschüler bei Floris M. Neusüss, Gründung des Forschungsportals www.photogram.org, 2001/2002 Gastdozenturen in Madrid und Valencia (E), 2004 Abschluß in der Theorie der Visuellen Kommunikation, Kunsthochschule Kassel, 2004/05 Lehrauftrag an der Kunsthochschule Kassel, 2006 zusammen mit Peter Weibel Leitung des Symposiums Das Photogramm. Licht, Spur und Schatten am ZKM Karlsruhe, seit 2008 Promotionsstudium an der Kunsthochschule für Medien in Köln.
Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. 2004 Deutscher Lichtkunstpreis, Lüdenscheid und Internationaler Medienkunstpreis, ZKM Karlsruhe. Tim Otto Roth lebt und arbeitet in Oppenau und Köln.
www.photogram.org
www.imachination.net



