Margit Rosen
Utopien des computerbasierten Bildes. Künstlerische und wissenschaftliche Konzepte und Projekte der Jahre 1965-1971
Im Jahr 1965 werden in einer Reihe von Kunstausstellungen erstmals Werke präsentiert, die mit Hilfe eines Computers erzeugt worden waren. Erste künstlerische Experimente mit dem Computer als Technologie visueller Produktion können bereits für 1960 belegt werden. Technischer Auslöser dieser Ereignisse war die Ausstattung von Elektronenrechnern mit grafischen Ausgabegeräten. Einigen Künstlern gelang es, sich Zugang zu diesen Rechenanlagen zu erschaffen, mehrheitlich waren es jedoch Ingenieure und Naturwissenschaftler, die das Potential des neuen Mediums erkundeten. Ihre Werke wurden sowohl von Künstlern als auch von Theoretikern und Kuratoren wie Max Bense, Jack Burnham, Pontus Hultén, Abraham A. Moles, Jasia Reichardt, Clarissa Schröder, Maurice Tuchman und Howard Wise in den Kunstkontext geholt.
Ausgehend von den Ausstellungen der Jahre 1965-1971 untersucht die Dissertation aus kunst-, technik und wissenschaftshistorischer Perspektive die Entstehung und Kontextualisierung von Werken, die mit analoger oder digitaler elektronischer Rechentechnologie erzeugt wurden. Das zu analysierende Material umfasst die in den Ausstellungen präsentierten Werke (Grafiken, Skulpturen, Filme, computerkontrollierte kinetische Objekte) , kunsttheoretische Publikationen, kuratorische Konzepte, Werkdokumentationen aus zahlreichen Privatarchiven, Interviews mit den Protagonisten sowie technische und vermarktungsorientierte Veröffentlichungen zu den verwendeten Geräten und Programmiersprachen.
Die Recherchen berücksichtigen das Werk von Marc Adrian, Kurd Alsleben, Otto und Oskar Beckmann, Vladimir Bonacic, Computer Technique Group Japan, Charles Csuri, William A. Fetter, Herbert W. Franke, Hiroshi Kawano, Kenneth C. Knowlton, Gustav Metzger, Leslie Mezei, Frieder Nake, Georg Nees, Michael Noll, Gordon Pask, Duane Palyka, Manfred R. Schroeder, Lillian Schwartz, Stan VanDerBeek, John Whitney u. a.
Das Forschungsvorhaben will aufzeigen, wie die Technologie elektronischer Rechenmaschinen durch naturwissenschaftliche und künstlerische Theorien und Verfahren in ihrer möglichen Anwendung und ihrer symbolischen Besetzung definiert wurde. Gleichzeitig analysiert wie sich Abläufe und Zielsetzungen im jeweiligen wissenschaftlichen und künstlerischen Kontext durch eben diesen Prozess der Integration der Maschine veränderten. Die Analyse der "bescheidenen Hintertür der Prozeduren" (Bruno Latour) erlaubt eine präzise Beschreibung der historischen Definition der Rechentechnologie und ihres künstlerischen, wissenschaftlichen und sozialen Horizonts, statt einer Ontologisierung des Digitalen oder der Rückprojektion aktueller Begriffe der Computerkunst.
Vor dem Hintergrund der Konzepte von Kunst und Technik der Avantgarde des 20. Jahrhunderts sowie den Bedingungen der Automatisierung nach dem Zweiten Weltkrieg untersucht die Arbeit das Verhältnis von Mensch und Maschine im Hinblick auf die schöpferische Kraft und die Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten in künstlerischen und technisch-wissenschaftlichen Zusammenhängen. Die Recherchen berücksichtigen in besonderem Maße die sozial-utopischen Visionen für die industrielle Massengesellschaft, in denen das Verhältnis von Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft sowie die Bedingungen von Kreation und Konsumption mit Hilfe von computergestützter Kunst restrukturiert werden sollten.



