Claudia Reiche
Das 'Visible Human Project' - Ein medizinischer Bildkörper als digitale Szene und geschlechtlicher Raum
Zentralen Untersuchungsgegenstand bildet ein Großprojekt medizinischer Visualisierung des menschlichen Körpers vom Ende des 20. Jahrhunderts: das Visible Human Project der National Library of Medicine (US). Schnittbildanatomien männlicher und weiblicher Körper wurden insbesondere ausgehend von digitalen Farbfotografien von seriellen Schnitten durch gefrorene Präparate erzeugt. Die jeweiligen Datensätze stehen weltweit zur Verfügung und dienen zur Entwicklung neuer 3-dimensionaler Abbildungstypen im digitalen Medium: von anatomischen Atlanten zur virtuellen Leichenpräparation und Operationsplanung, Operationssimulatoren, simulierten physiologischen Abläufen bis hin zum Einsatz der Daten für Special Effects im Film.
Ein neuer Typus dreidimensionale Darstellung eines interaktiv navigierbaren Körpers im (pseudo)virtuellen Raum firmiert als ‚neuer Mensch’ – bildtechnischer ‚Cyborg’ – , in Darstellungen, die von US-militärischen Kontexten zu deutschen Science-Magazinen bis hin zur Popkultur reichen. Veränderungen nicht nur im materiellen Bild vom Menschen (picture), sondern auch im Verhältnis zum Menschenbild (image) untersucht die Dissertation: Die medientechnologische Neuheit des Projekts entspricht dabei, so die These, auf mehreren Ebenen jedoch keineswegs neuen Inhalten. Die sich im Forschungsfeld ergebenden Relationen zwischen bildgebenden Medien, Menschenbild und Geschlechtlichkeit des Subjekts werden – unter besonderer Berücksichtigung der Verbilderung des Weiblichen (Körpers) und desjenigen ‚Schnitts’ analysiert, der in Jacques Lacans Darstellung den Kastrationskomplex wie die Realität des Subjets konstituiert.
‚Schnitte’ setzt auch das Verfahren: medientheoretisch am Schnittpunkt vom analogen zum digital prozessierten Bildkörper, diskursanalytisch an den Überschneidungen zwischen medizinischen, informatischen und humanwissenschaftlichen Körperrepräsentationen, epistemologisch an den Schnittstellen naturwissenschaftlicher, populärkultureller und künstlerischer Bild- und Wissensinszenierungen.



