Roman Kirschner
Materielle Transformationsprozesse. Metamorphosen in der Kunstpraxis?
Wie gehen Künstler mit Material um, das von Informationen in Bewegung versetzt wurde und welches Potential steckt darin für die Neuverhandlung unserer materiellen Wirklichkeit? Denn die Dinge werden zusehends von Undingen verdrängt. Undinge sind Informationen. Sie können sich rasend schnell verbreiten und an mehreren Orten gleichzeitig sein. Die materielle Unterlage der Informationen ist scheinbar austauschbar geworden. Künstler werden zu reinen Semionauten erklärt. Doch Materialien tragen seit jeher Botschaften und Bedeutungen. Und selbst die purste Information benötigt ein Medium, um zu existieren. Der Prozess der Information benötigt das Potential der Materie, sich zu verwandeln. Die Wissenschaften und die Kunst suchen nach dafür brauchbareren Materialien und Prozessen und versuchen den allgemeinen Blickwinkel von (Neu-)Produktion auf (Neu-)Transformation zu verschieben.
Simon Starling hat in seiner künstlerischen Arbeit die Transformation zum obersten Leitprinzip erhoben. Das zeigt sich in seinen Werken Tabernas Desert Run und ShedBoatShed (Turner Prize 2005). In ShedBoatShed verwandelt er eine Holzhütte am Rheinufer in ein Boot, fährt damit nach Basel und verwandelt es dort für seine Ausstellung wieder zurück in die ursprüngliche Hütte.mBoo Chapple möchte uns die Komplexität unserer Lebenswelt, die auf Transformationen aufbaut, zeigen, indem sie Bakterien aus dem Enddarm durch die richtige Nährlösung in den roten Grundstoff für die Herstellung eines Lippenstifts verwandelt. Julien Maire arbeitet in seiner Performance „Model for an Apocalypse“ mit einem seit 10 Jahren entwickelten Slow Motion Material aus Metallgranulat und Klebstoff, das auf seine hochspezifische Weise auf Maires Formgebungsversuche reagiert. Speziell die letzten beiden Beispiele wären ohne dem engen Kontakt mit den Lebens- bzw. Materialwissenschaften und deren Vorarbeit undenkbar. Boo Chapples Arbeit wurde am Tissue Art and Culture Institute der University of Western Australia realisiert. Julien Maires Slow Motion Material erinnert stark an die Leistungen der Granular Media Group der Penn State University, die das Fließverhalten von granularen Feststoffen untersucht und modelliert.
Ausgehend von der primären Forschungsstätte an der Kunsthochschule für Medien in Köln, soll in Zusammenarbeit mit Forschern aus den Lebens- und Materialwissenschaften, der Converging Technologies sowie Künstlern aus verschiedenen Feldern weitere Materialien und Prozesse zusammengetragen werden. Vorhandene Ergebnisse sollen mit Hinblick auf mögliche Abänderungen und begangene Fehler rekonstruiert werden. Algorithmizität, menschliche Wahrnehmungsdimensionen, Entwicklungsgeschichten, imaginatives Potential und ethische, ökologische sowie gesellschaftliche Implikationen stehen im Blickfeld der Untersuchung.
Das Interesse für diese Forschungs- und Denkrichtung stammt aus meiner eigenen künstlerischen Arbeit. Die Ergebnisse sollen für eine breite, kreative Öffentlichkeit aufgearbeitet und im Rahmen einer Datenbank mit begleitender Publikation zur Verfügung gestellt werden.
Zur Person
Roman Kirschner (* 1975 Wien) arbeitet als Künstler in den Bereichen Bildende, Ton- und Digitale Kunst. Seine Recherchen betreibt er ihm Rahmen dieser Doktorarbeit. Er studierte Philosophie, Kunstgeschichte und Audiovisuelle Medien in Wien und Köln. Seine Arbeiten wurden international ausgestellt u.a.: Tokyo Museum of Photography (JP), Yerba Buena Center for the Arts San Francisco (USA), Woodstreet Galleries Pittsburgh (USA), Itaú Cultural Sao Paulo (BR), V2 Rotterdam (NL), Cornerhouse Manchester (UK), Lunds Konsthall (SWE), Akademie der Künste Berlin (DE), Kunsthalle und Künstlerhaus Wien (AT), Arko Art Center Seoul (ROK)



