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13.09.2003
Vortrag beim 7. Philosophicum in Lech, Östereich
Das Los des Lebens
Von unserer Zeit als einer bildsaturierten zu sprechen, ist mehr als redundant. Zu inflationär sind die Schlagworte vom Medienzeitalter, vom Zeitalter der Bilderwelten, vom Fernsehen als Fenster zur Welt, von der medialen Wirklichkeit als einer zweiten, gebraucht worden. Heute, in Kohabitation mit Big Brother, Taxi Orange, Deutschland sucht seine Superstars, Starmania, mit täglichen Talkshow-Marathons und Reality-Dokus, versagt vielfach die kritische Distanz und die Einsicht, dass wir selbst auch nicht (ganz) außerhalb sind, hat sich ahnungsvoll in unser Denken eingenistet. Doch warum mündet jede Rede über die Medien und unsere Gesellschaft in entweder moralisches Gejammer oder exaltierte Euphorik? Was macht jeden Standpunkt immer gleich verdächtig und so leicht angreifbar? Ein bekannter Künstler schrieb mir vor einiger Zeit nach dem Besuch einer Ausstellung: „Teilnahmeberechtigung. Bald gibt es nichts mehr, wo man nicht sitzen, liegen, schlafen oder loungen oder gar anderes tun kann. Der Witz: die Leute tuns. Auch hier: ein Wandel von der Kopf- zur Handarbeit. Jede Abstraktionsleistung ist perdu. Wird nicht mehr gebraucht. Was sich nicht im Realen beweist,...forget it!“ Für dieses Unbehagen sind wir als Theoretiker, Dekonstrukteure, Medienkritiker und Mediennutzer durchaus mitverantwortlich, und dies nicht nur im moralischen Sinne, sondern vor allem als Ko-Konstrukteure dieser Spektakel-Gesellschaft. Denn spätestens seit den Theorien des Post-Strukturalismus haben wir gelernt und auch mitvertreten, dass es kein Außerhalb gibt, auch nicht eines, das einen kritischen Blick auf alles und jeden wirft, wir haben selbst artikuliert, dass ein Außen nur ein Behelf ist, ein Behelf zur Maskierung des niemals sich schließenden Gesellschaftsganzen. Das heißt, wir haben uns in das Symbolische System, und daher auch in das mediale, eingeschleust. Das ist eine von vielen konsequenten Erfahrungen von Endlichkeit. Die Kritik an den Medien ist unendlich endlich, wir kommen aus ihr und den Medien nicht heraus, wir sind immer schon Teil davon. Und erschrocken oder verwundert müssen wir erkennen, dass unsere Rede sich nicht von der anderer unterscheidet, dass wir uns genauso darstellen, beschreiben, erfahren, usw., wie die anderen, die dies vor laufender Kamera tun. Das Schlimmste an all den medialen Events ist ihre unerträgliche Wahrheit - über uns – als Mensch. Einzigartig im Sog des Gleichen Beobachten Sie einmal eine zeitlang die Menschen, die an ihnen vorbeilaufen oder neben Ihnen in der Straßenbahn sitzen. Dabei sticht vor allem eines ins Auge: das Gleiche überall. Ob Tatoos in gleicher Farbe, als gleiches Muster, an derselben Stelle oder der bauchfreie Nabel, bei alt und jung, dick und dünn oder die bis zum Hintern herunterhängenden Hosen der jungen Männer. In »Der Zeit« hat die Schriftstellerin Julia Schoch dazu folgendes geschrieben: „Der heutige Tätowierte gleicht dem Mann, der sich zu einer Verabredung mit einer Unbekannten wie besprochen eine Rose ins Knopfloch und eine Zeitung unter den Arm steckt und der, auf der Kaffeehausterrasse angekommen, sieht, dass alle dort anwesenden Männer Rosen und Zeitungen tragen. Trotz dieser Vergeblichkeit bleiben Tattoos dauernde Aufforderungen, sie betteln für ihre Träger: Lies mich, wirf ein Auge auf mich, hebe mich heraus, erkenne wenigstens das Signal, dass ich entziffert werden will! Aber mallorquinische und ibizenkische Strände beweisen: Je weniger an tatsächlichem Ereignis da ist, desto mehr müssen Erfahrung oder Identität vorgetäuscht werden. Demnach ist das heutige Tattoo auch das selbst beigebrachte Zeichen einer Handlungs- und Sprachlosigkeit. Das Zeichen soll übernehmen, wozu sein Träger selbst nicht mehr in der Lage ist. Dies hat nicht nur mit einer Unfähigkeit des Trägers, sondern auch mit Nötigungen dieser Gesellschaft zu tun. Als Grundmodell heutiger Ich-Entwürfe wird der Rebell weder gefürchtet noch geduldet, sondern geschätzt und verlangt. Doch man ahnt, dass ein Aufbegehren nach alten Mustern nicht zu haben ist, weil es kein Außen mehr gibt. Weitergedacht hieße das: Massenhafte Tätowierungen sind Selbststigmatisierungen und eine herbeigewünschte Individualität desjenigen, dem die Erfahrung des Ausbrechens aus einer »Umzäunung« und der Revolte fehlt. Diese Erfahrung kann deshalb mithilfe eines symbolischen Aktes nur noch zitiert anstatt gelebt werden. Die kurzzeitige Dramatik, der Schmerz beim Anschaffen einer Tätowierung, bleibt dabei die prägende Erfahrung. Je freier wir sind, desto größer scheint die Sehnsucht nach Schmerz. Die künstliche Tätowierqual entspricht dem Wunsch nach echt-existenziellem Schmerz, der den Menschen normalerweise das ersehnte Gewicht des eigenen Vorhandenseins spüren lässt.“ Eine Gesellschaft, die sich brüstet, allen alles zu ermöglichen, die keine (Scham-)grenzen mehr akzeptiert, die mit bauchfrei und halbnackt den Körper endgültig erotikfrei gemacht hat, produziert – für viele vielleicht überraschend – eine enorme Homogenität: Alle sind gleich! Natürlich will niemand gleich sein, aber alle wollen normal, supernormal sein, das heißt, bestens ein- und angepasst. Kinder werden im frühesten Alter zur Kosmetik geschleppt, um auf ihre Haut aufpassen zu lernen, Männer rasieren sich ihren bis noch vor kurzem als männlich geltenden Haarwuchs am ganzen Körper. Kein Schmerz zuviel, kein Preis zu hoch, keine Ahnung zu ernst, die besagt, dass dies alles nicht von Dauer ist und letztendlich das Glück nur bedingt erhöht. Jedes Update des Körpers zieht eine immer intensiver werdende Restaurationsarbeit nach sich bzw. verlangt permanente Nachkorrekturen, mitunter auch operative. Wir sind für uns in einem Ausmaß verantwortlich geworden, das andere Gesellschaften in dieser Form noch nicht kennen oder gekannt haben. Zuständig für alles, auch für das Unsichtbare, Unkontrollierbare, Ungewusste und Nichtbeeinflussbare, für unsere genetische Zusammensetzung genauso wie für den Phänotyp, der wir geworden sind. Dadurch sind wir aber auch ausgelieferter denn je. Wir haben niemanden mehr, der oder die ober uns sich befindet, der/die uns diese Verantwortung abnimmt: keinen Gott, keine Kirche, keinen Staat, keine Lehrer, keine Familie, keine Politik, keine Theorie. Der Glaube, dass wir in jemandes Händen sicher ruhen, der/die uns nicht nur beschützt, sondern auch Orientierungshilfe bietet, ist den meisten ziemlich dramatisch abhanden gekommen bzw. für die jüngeren Generationen sowieso nie wirklich existent gewesen. Nur Fundamentalisten, ob politreligiöse oder ernährungsökologische, sind imstande, sich über das entleerte Dasein dieser Welt zu retten, um die Nichtgläubigen entsprechend zu bemitleiden. Was uns geblieben ist, und wir können dies oft nur mehr in perversen Dimensionen erkennen (Stichwort: Organhandel), ist unser Körper. Ein Körper, der sich verändert, der ein Eigenleben hat, Krankheiten produziert, Fähigkeiten aufgibt, der jedoch unser Ein und Alles ist, in den investiert werden muss, physisch und psychisch. Dessen Nomenklatur ständig neu geschrieben und dessen Formenverlauf immer festgezurrter wird. Möge doch niemand allen Ernstes behaupten, bauchfrei wäre eine Spur von größerer Freiheit! Nichts zeigt deutlicher Foucaults Rede von der produktiven Macht, die nicht verbietet, sondern verführt und lockt, und damit den einzelnen immer weiter in ein Gefängnis seiner selbst führt. Ohne bauchfrei kann ich meinen Bauch verstecken, der Zwang zur Bauchfreiheit zwingt jeden Bauch heraus, auch den dicken oder schwangeren. Inzwischen mehren sich die warnenden Stimmen, die versuchen, die Menschen von schönheits- und jugendwahnsinnigen Operationen abzuhalten: Nicht jede Busenvergrößerung ist unproblematisch, im Gegenteil, viele Operationen misslingen, der Busen dann zwar größer, aber entstellt. Die Narben, die unweigerlich entstehen, will niemand sehen, sie werden in der Vorstellung, im Wunschbild, einfach gelöscht, in der Realität sind sie jedoch da, unerbittlich. Die Frage, die sich also aufdrängt: wem jagen wir nach, welchem Menschen, einem schönen Menschen? Einem gesunden? Einem idealen? Welchen Bildern jagen wir nach? Medienbildern? Spiegelbildern? Fantasie-Bildern? Die Bilder sind, um dies gleich vorweg klar zu machen, nie wirklich trennbar. Sie sind immer schon öffentliche, private, erinnerte. Sie sind immer aber auch Wunschbilder, phantasmatische Bilder, die nie existiert haben, die wir aber immer schon irgendwie »gesehen, gewußt und erinnert« haben. Wenn wir die jungen Menschen, die Stars werden wollen, beobachten, wie sie ihre Vorbilder nachahmen, wie sie uns, das Publikum, die Jury, versuchen zu verführen, um akzeptiert und geliebt zu werden, dann blitzt mitunter eine Kraft durch, die weder mit der Bühne, dem Publikum, weder mit dem Fernsehen noch mit Ruhm zu tun hat. Da gibt es ein Moment der Liebe, der Selbstliebe, das sich Bahn macht. Und dann die Freude, wenn das eigene Bild auf die Begeisterung der anderen stößt, die Enttäuschung, wenn man gesagt bekommt, man sei, in Wirklichkeit, steif, rundlich, hätte keine Stimme, kein Temperament, kein Charisma. Medien-Funktionen: Protect me from what I want (Jenny Holzer) Medien haben das Verhältnis privat-öffentlich grundlegend mitverändert. Ich sage absischtlich mitverändert, denn es ist schlichtweg falsch, den Medien alle Veränderungskraft in unserer Gesellschaft zuzuschreiben, was immer wieder unzulässigerweise getan wird. Vielmehr ist die Frage berechtigt, was die Massenmedien - wie Fernsehen und Internet - denn eigentlich verändert haben? Es handelt sich bei den Medien ja nicht um Naturgewalten, die über unsere Gesellschaft wie der Lavastrom eines Vulkans hereingebrochen sind, sondern sie sind Institutionen, deren ökonomisch-politische Rahmenbedingungen die Basis kultureller Produktion und Distribution gewährleisten (sollen). Dass sie damit mächtige und machtvolle Verwalter imaginärer Potentialitäten und deren symbolischen Manifestationen sind, liegt im Grundzug der Kultur, Gesellschaft durch Sublimierung erst zu ermöglichen. Sigmund Freud hat in seiner Schrift über das „Unbehagen in der Kultur“ aus dem Jahre 1930 diesen Gedankengang dargelegt und gemeint, dass die Künste, die Musik, die Literatur aufgestaute sexuelle Libido seien, doch dass dieser Stau gleichzeitig notwendig sei für die Entwicklung von Gesellschaft überhaupt. Das heißt, die Existenz von Kultur baut sich immer auf einer obszönen Unterseite, auf einer Exklusion im Sinne einer Ur-Verdrängung, auf. Dieser Gedanke lässt sich nun nicht allzu schwer auf den Apparat der Medien übertragen. Auch wenn Freud vor allem den Künstler im Auge hatte, der mit seinem Schaffen seiner möglichen neurotischen Impulse Herr werden kann (angesichts jüngster Künstler-Skandale möchte man daran allerdings eher zweifeln), ist das passive Genießen künstlerisch-ästhetischer Werke und Werte in diesem Sublimierungsgedanken mit enthalten. Das heißt, wir als Betrachter von künstlerischen Werken leisten ähnliche Sublimierungsarbeit wie die Künstler.......Nun werden manche jedoch Schwierigkeiten haben, die Medienanstalten – wie Sat1, RTL oder das Internet - als Verlängerungen künstlerischen Schaffens zu akzeptieren. Es gibt jedoch vergleichbare Strukturen bzw. die Trennung zwischen Kunst und Populärkultur ist eine, die ausgehandelt werden muss, die immer wieder aufs Neue von einer Gesellschaft festgelegt wird. Medien können in zweifacher Weise betrachtet werden: Zum einen haben sie so etwas wie eine »Schutzfunktion« übernommen bzw. wurde ihnen diese überantwortet. Eine Schutzfunktion, wie sie einstmals kirchliche und politische Institutionen ausgeübt haben. Andererseits bieten sie eine Plattform in noch nie da gewesener Varietät für ein «stellvertretendes Handeln« und dessen Genuss. Dieses „stellvertretendes Handeln“, das von Robert Pfaller und dann von Slavoj Zizek als Interpassivität bezeichnet wurde und vom "canned laughter" (vom Dosengelächter) bis zum "griechischen Chor" das Phänomen des delegierten Genießens umfasst , lässt sich bei den Medien einigermaßen leicht nachvollziehen: Im Big Brother Container wohnen sie für uns, wir können diesen unerträglich langweiligen Container-Alltag genussvoll vor unseren Augen vorbeiziehen lassen. In den täglichen Nachrichten sterben und kämpfen sie für uns, in den Spielfilmen und Soaps leiden, streiten und begehren sie für uns. Die Funktion des Schutzwalls nun, wie ich sie verstehe, ist an das delegierte Handeln zwar angekoppelt, geht in diesem jedoch nicht auf, sondern zeigt deutlicher eine Seite, die dem menschlichen Wesen als einem symbolischen und damit begehrenden zutiefst eigen ist: Nämlich geschützt werden zu müssen vor dem eigenen Begehren, vor dem eigenen Genießen im Sinne der jouissance . Sigmund Freud hat mit seiner Konzeption des Lustprinzips und dessen Koppelung mit dem Todestrieb vor Augen gehabt. Die Lust trägt in sich die Tendenz zur Auflösung, damit zum Tod des Subjekts – zu Ende gedacht. Die Medien sind eine gerahmte Bühne. Allerdings keine karthatische, wie dies die Medienpädagogen so gern hätten, auf denen wir unseren Zorn und Ärger, unsere Emotionen, ausleben, um dann sanft und friedlich den Alltagswahnsinn zu erleiden, sondern – im Zeitalter der Castingshows und chatrooms besonders leicht einsichtig – ein Rahmen für unsere phantasmatischen Inszenierungen. Das delegierte Handeln, von dem ich vorhin sprach, würde ich deshalb auch nur punktuell am Werke sehen und stattdessen die performative Dimension stärker in den Vordergrund rücken wollen. Das Performative als die Dimension, die dem handelnden Subjekt in seinem Tun notwendigerweise vor-geht und damit immer auch entgeht. Die Verzahnung von Medien und Phantasien (und damit meine ich nicht Tagträume, sondern unbewusste Wünsche) ist natürlich kein neues Thema. Vielmehr wurden den Medien- und Bilderwelten immer schon ein enormes Potential diesbezüglich zugesprochen – in positiver und negativer Weise. Die Frankfurter Schule, mit ihren Altvätern Adorno und Horkheimer, hat zunächst in den USA sitzend den manipulativen Charakter der Medien scharfsichtig und –züngig analysiert. Später waren es dann Habermas und Enzensberger, die aus der Kultur- die Bewusstseinsindustrie werden ließen, die sie als die bestimmende Kraft in unserer Gesellschaft – negativerweise – sahen. Doch auch wenn Adorno und Horkheimer von einem nicht-manipulierten Bewusstsein bzw. einem medienreinen Geist ausgehen mussten, erwies sich ihr authentisches Bewusstsein zunehmend als Fiktion seiner selbst. Nachdem die Frankfurter dann über Jahre hinweg etwas aufs Abstellgleis gestellt worden waren und die neuen Medienpäpste Jean Baudrillard und Paul Virillio hießen, wird heute wieder genauer bei Adorno nachgeschlagen und mit Erstaunen festgestellt, dass weder er noch Horkheimer nur negativ auf die Kulturindustrie zu sprechen waren. Vielmehr wird ihre differenzierte Analyse der Medienverzahnungen fokussiert, um die aktuelle Entwicklung von Reality TV, Casting Shows und Aktivfernsehen in den Griff zu bekommen. Diese markieren einen vorläufigen Höhepunkt einer sich immer aggressiver und gleichzeitig selbstverständlicher gebärdenden Penetration und medialen Aufbereitung des Alltäglichen, Gewöhnlichen und Intimen. Nur eine Seite ist bei der Frankfurter Schule interessanterweise seltsam unschuldig geblieben, nämlich die Seite der Zuschauer, der Medien(be)nutzer. Gerade diese sind es jedoch, denen heute nicht nur Aktivität, sondern mehr oder weniger geheime Mittäterschaft zugesprochen wird. Ende der 60er Jahre waren es die Vertreter der Cultural Studies (in London und später dann in Birmingham), die den Begriff des »active audience« in Umlauf setzten. Dieses aktive Publikum war zwar körperlich ein couch potatoe, intellektuell jedoch mit einer erstaunlichen Lesefähigkeit ausgestattet. Medientexte werden encodiert, von den Programmachern, und dekodiert von uns, den Zuschauern. Mindestens drei Leseweisen sind es, die das Fernseh-Publikum in die Lage versetzt, jedes Programm so zu lesen, dass für den einzelnen „sinnvoll“ ist. . Entweder man liest mit dem Strom oder gegen diesen, oder aber man bildet einen Kompromiss. Dies ist verkürzt und ironisch zusammengefasst das Sender-Empfänger-Modell in seiner neuen Fassung als Lesemodell von Stuart Hall. Anfang der 90er Jahre hat Mimi White, USamerikanische Fernsehforscherin, dieses als therapeutische Einrichtung bezeichnet. Dafür hatte sie jedoch nicht etwa TV-therapeutische Sitzungen à la Lämmle Live oder Damians nächtliche Anrufsendung im Radio vor Augen. Vielmehr sah sie in der Struktur des Fernsehens diejenige der therapeutischen wiederholt beziehungsweise weise Fernsehen per se ein therapeutische Grundmuster auf. Denn die therapeutische Seite muss unbedingt als die andere Seite der Spektakel-Gesellschafts-Medaille gesehen werden: Heerscharen von Psycho-Therapeuten arbeiten mit ihren Klienten daran, dass diese sich ernst nehmen und nur das tun, was sie wirklich wollen und ihnen gut tut. Therapeutische Institutionen sind nicht nur immer schon Mitläufer hegemonialer gesellschaftlicher Strukturen, sie sind vor allem auch an der Aufrechterhaltung des Status quo rechtschaffen beteiligt. Damit ist keine Kritik am Leiden des einzelnen und seiner psychotherapeutischen Hilfesuche artikuliert, sondern lediglich die gegenseitige Bedingtheit von individuellem Leiden und gesellschaftlichem „Genuss“ artikuliert. Vom Verlust des metaphysischen Sinns (Adorno) und seiner Rehabilitierung im Faktisch-Oberflächlichen Das bisher Gesagte sollte nun nicht als weitere Variante einer kulturpessimistischen Medienkritik missverstanden, sondern als eine Sichtweise interpretiert werden, die das »Wesen des Humanen« ernst nehmen möchte. Als ein Wesen nämlich, das sich durch zwei ineinander verschachtelte Dimensionen auszeichnet und sich dadurch von anderen Wesen, wie den Tieren oder Maschinen, absetzt: die Dimension der Sprache und Sexualität. Wenn jemand spricht, wird es hell, heißt es bei Jacques Lacan, der damit das Sprechen zwar kommunizieren lässt, es jedoch von diesem gleichzeitig strikt trennt und die Sprache nicht als Informationsträgerin, sondern als Medium, in dem sich vor allem ein Liebesanspruch artikuliert, benennt. Von Beginn an ist die Sprache in dieser Sehweise Artikulation mehr denn Kommunikation, sie artikuliert einen Anspruch an das Begehren des Anderen. Hierher gehört auch Roland Barthes´ »Diskurs der Liebe«, worin dieser den Körper und dessen Erschaffung in und durch die Sprache aufzeichnet: Erst in der Vereinigung wird das Ich als Ich konstituiert und vernichtet sich in der Trennung: „ohne dich bin ich nicht mehr ich“. In einer Zeit allerdings, die dem Einzelnen nicht nur alles zu erlauben vorgibt, sondern ihn geradezu zwingt, alles zu sein und alles zu haben - und dies auch alles zu genießen , ist die Abnutzung, auch die der Wahrnehmung des Du´s als ichkonstituierendes, entsprechend schnell. Anstelle eines befreiten Jagens nach Glücksmomenten macht sich Langeweile und Müdigkeit breit, sich auf jemanden oder etwas einzulassen. Paul Verhaege hat in seinem Buch „Love in a time of loneliness" auf dieses Paradoxon hingewiesen und auf die Gegenstrategien aufmerksam gemacht, die bereits überall am Werke seien, dieses Alles-Sein und Alles-Haben einzudämmen. Eine hysterische Suche nach neuen Verboten, nach neuen Führern, neuen Regeln und Ritualen zeige sich ganz unverhohlen. In einer Welt, die schonungslos ihre Sinn-losigkeit offenbart, sind Medienenvironments deshalb nicht nur die billigste, sondern auch unauffälligste Option, sich „Sinn-haftigkeit“ auszuborgen, als Fassade überzustülpen, kurz: »Teil eines Bildes zu sein«. »Part eines Bildes zu sein« ist sowohl wörtlich als auch psychisch-mental zu verstehen. Denn um sich als ein Ich-sagendes Subjekt zu situieren, das auf sich zu verweisen vermag, ist dieses Im-Bild-Sein vonnöten. Jacques Lacan hat dies so umschrieben: Nachahmung oder Mimesis bedeute schlicht und einfach ein Versagen der Grenzen zwischen Innen und Außen. Das Subjekt liebe nicht sein Spiegel-Bild oder sei in dieses verliebt, sondern es liebt mehr als dieses Bild, ein Bild hinter dem Bild. Diese Denkfigur entstammt Roger Caillois´ Untersuchungen zum Verhalten der Insekten, die sich ihrer Umgebung dadurch anpassen, dass sie Farbe entsprechend ihrer Umgebung verändern, um in dieser völlig zu verschwinden. Diese Camouflage wird üblicherweise damit erklärt, dass die Tiere sich als Schutz vor ihren Angreifern verfärben, um von diesen übersehen zu werden. Caillois hat dieses Verhalten jedoch völlig anders interpretiert. Er behauptete nämlich, es würde sich nicht um Selbstschutz oder Flucht vor den Angreifern handeln, sondern um das “Bestreben, Teil eines Bildes” zu werden. Denn während die Tierjagd vom Geruchssinn dominiert ist, ereigne sich Mimikry (Mimesis) im Feld des Sehens. Es sei ein Versagen, die Grenze zwischen Innen und Außen aufrechtzuerhalten, die Grenze zwischen der eigenen Gestalt und dem Hintergrund, der Umgebung. Der Körper verdopple sich und werde von dem ihn umgebenden Raum geschluckt. Dieses Drama oder genauer den Ort dieses Dramas hat die USamerikanische Filmtheoretikerin Joan Copjec als einen zwischen einem „unbewussten Sein und einer bewussten Ähnlichkeit“ bestimmt. Übertragen auf die medialen Bilder bedeutet dies, dass die Zuseher nicht die Bilder als ihresgleichen fehl deuten und besetzen, sondern diese bieten einen Rahmen, Teil eines Bildes zu werden, in das Bild – wenn auch als Fleck, wie dies Lacan benennt - einzutauchen. Und die Stars, die großen und kleinen, vor der Kamera, führen uns dieses Drama vor Augen – zwischen einem unbewussten Agieren oder besser Aufgeführt-Werden und dem Glück der augenblicklichen Ähnlichkeit. Die Umschiffung des Todes in der Rede des Posthumanismus Eine der Protagonistinnen des Cyber-Diskurses, Donna Haraway, Professorin am berühmten Department of Consciousness an der University of California in Santa Cruz, hat anfangs der 80er Jahre die Figur einer (weiblich konzipierten) Cyborg als Denkoption in den Wissenschaftsdiskurs eingeführt. Damit hat sie sich allerdings auch von einem Denken des Humanen verabschiedet, dessen Aufgabe und die hieraus resultierenden Konsequenzen sich erst heute allmählich zu zeigen beginnen. Bis zu diesem Zeitpunkt war dem menschlichen Subjekt, wenngleich zwischen kybernetischem Organismus und Sprachtier oszillierend, immer noch eine „quasi-transzendentale“ Dimension zugesprochen worden. Dieses Quasi-Transzendentale verweist auf ein Moment der Selbst-Bezüglichkeit des Humanen. Ein Selbst, das jedoch nicht als reines Selbst in Erscheinung tritt, sondern immer durch die Sprache vermittelt, vermittelnd. Die Cyber-Theoretiker haben im Rekurs auf die beiden französischen Philosophen, Gilles Deleuze und Félix Guattari, und deren Immanenzphilosophie ein posthumanes Denken des Menschen legitimiert. Eine Legitimation, die meines Erachtens jedoch vor allem aus einem Missverstehen resultiert. Denn Deleuze und Guattari haben dem Subjekt nie seine symbolische Dimension entzogen, genauso wenig wie Baruch Spinoza, der am Beginn der Immanenzphilosophie stand. In »Ein Manifest für Cyborgs« hat Haraway eine scharfe Trennung zwischen der Moderne und der Postmoderne vorgenommen. Das Unbewusste, mit und durch die Sprache generiert, schlägt sie dabei der Moderne zu, jener Zeit, in der mit Kontrolle, Bestrafung, mit dem Geständnis und der Beichte die Subjekte zugerichtet worden sind. In der Postmoderne funktioniert die Anpassung und Einordnung subtiler, Normalisierungs- und Naturalisierungsstrategien haben die alten Methoden verdrängt und eine Institution wie die Psychoanalyse z. B. überflüssig gemacht. Ähnlich argumentiert auch N. Katherine Hayles in ihrem Band »How we became Posthuman« fünfzehn Jahre später, wenn sie das posthumane Zeitalter als eines beschreibt, in dem Kontrolle und Unterwerfung nicht mehr notwendig sind, sondern ein betont positiver Umgang mit sich selbst und dem eigenen Körper charakteristisch ist. (Über diesen bauch-freien Umgang habe ich eingangs ja bereits einiges angemerkt.) Das heißt, beide Autorinnen betrachten die Postmoderne als befreite Zeit insofern, als sie die metaphysischen Altlasten und transzendenten Tiefläufe ad acta gelegt hat. Die beiden „maschinischen“ Philosophen , Deleuze und Guattari, haben in den letzten Jahren vor allem im Medien- und Cyberfeld Fuß gefasst. Insbesondere ihre Begriffe „etwas anderes werden“ (Tier werden, weiblich werden), „der organlose Körper“ und die „De- bzw. Re-Territorialisierung“ erfahren in der Netzkultur nicht etwa nur eine metaphorische Übernahme, sondern werden als wörtliche Umsetzungen inszeniert. Während die poststrukturalistischen Kollegen wie Lacan, Foucault, Althusser, u.a.m. zum modernen Eisen geworfen werden, wird der Immanenzphilosophie von Deleuze/Guattari zugetraut, der neuen oder anderen Natur des Posthumanen Rechnung tragen zu können. Die MIT-Forscherin Sherry Turkle schreibt z. B. in ihrem Buch »Leben im Netz« (1999, Original 1995) euphorisch: „So begegne ich den Ideen von Lacan, Foucault, Deleuze and Guattari, zwanzig Jahre nachdem ich erstmals mit ihnen Bekanntschaft gemacht habe, erneut in meinem neuen Leben am Bildschirm. Doch diesmal sind die gallischen Abstraktionen viel konkreter. In meinen rechnervermittelnden Welten ist das Selbst, das durch die netzvermittelnden Interaktionen konstituiert wird, multipel und in ständigem Wandel begriffen; es wird von der Sprache erzeugt und transformiert; der Geschlechtsverkehr ist ein Austausch von Signifikanten und Bedeutung eher ein Produkt von Navigieren und Improvisieren als von rationaler Analyse. In der maschinengenerierten Welt der MUDs begegne ich Figuren, die mir eine neue Beziehung zu meiner eigenen Identität eröffnen.“ Auch wenn Deleuze und Guattari das Transzendente als Metaphysisches ablehnten, um der abendländischen Dichotomie von Geist und Materie eine deutliche Absage zu erteilen, so enthält ihr Subjekt oder besser ihr Begriff des Subjekts ein Moment, das den neuen Empirikern einer Cyber-Medien-Welt entgeht: Dieser Begriff verweist nämlich auf einen a-humanen Part, der genauerer Betrachtung durchaus unbewusste Züge trägt. Dies ist nun aber genau das Missverständnis, welchem Haraway und andere aufsitzen, indem sie diesen a-humanen Part als Metaphysik verwerfen, um ihre Cyborg(s) als unsere zukünftigen Inkorporationen ausschließlich auf der Oberfläche des Körpers anzusiedeln. Nicht, dass dies unbedingt originell wäre, denn schon Freud hat das Ich als Haut-Ich bezeichnet und seinen Ort an der Oberfläche festgemacht. Doch die Cyber-Theoretiker – und vor ihnen die Kybernetik und Informationstheorie – bestehen darauf, ohne Tiefgang/ohne Unbewusstes auszukommen. So ist der Satz von John Searle, einem der Mitbegründer der Sprechakttheorie, zu verstehen, dass es in unserem neuen Jahrhundert nur mehr um das Bewusstsein und dessen Bau- und Funktionsplan gehen werde. Daher auch all die Versuche, Gene ausfindig zu machen, die verantwortlich sein sollen für menschliche Praxen, Wünsche und Phantasien, wie sexuelle Leidenschaft, Liebeskummer usw. Auch der bereits zitierten Hayles ist die Psychoanalyse ein besonderer Dorn im Auge, da sie an modernen und damit unzulässigen Paradigmen sich festklammere. So spreche nämlich Lacan, wie Sie hierzu ausführt, von flottierenden Signifikanten, während unsere digitale Welt nur mehr aus „flickering signifiers“ bestehen würde. Während die flottierenden Signifikanten ihren Wert aus ihrem differenten Sein (aus ihrer differenten Position) beziehen (im Sinne der Sprachtheorie de Saussure´s) und sich damit in das berühmte „Fort-Da-Spiel“ von Freud einfügen lassen, würden die „flickering signifiers“ nicht mehr mit Präsenz und Absenz spielen und hieraus ihre Gewichtigkeit erhalten, sondern vielmehr mit „pattern/randomness“, die der Bewegung der Mutation unterworfen sind. Was die Kastration für die Moderne, die Ära des possessiven Individualismus, war, sei für das posthumane Zeitalter die Mutation und deren Basisfunktion der „computation“. So müsse man für das posthumane Zeitalter dem Fort-Da-Spiel Freuds David Cronenbergs Film »Die Fliege« zur Seite stellen, um die radikale Differenz zwischen gestern und heute wahrzunehmen. Als nämlich dem Cronenbergschen Protagonisten im Prozess seiner Verwandlung zur Fliege sein Penis abfällt, erfährt sich dieser nicht (mehr) als kastriert, sondern als posthumanes Wesen. Das Freitag-Prinzip Sigmund Freud hat die Dimension des Unbewussten, Lacan das Reale - beide als konstitutiv für die symbolische und imaginäre Ordnung - erfunden. Beide Begriffe verweisen auf eine Grenze, die notwendigerweise als Voraus-setzung für das Bewusstsein und für die symbolische Ordnung steht. Diese Grenze, deren Verlauf das Humane vom Non-Humanen scheidet, lässt sich in den unterschiedlichsten Entwürfen des Gesellschaftlichen sowie des Subjekts finden. So lässt sich der Begriff der différance, der ursprüngliche Aufschub , wie in Jacques Derrida eingeführt hat, durchaus – ontogenetisch – als Fortsetzung und Verschiebung des Freudschen Unbewussten benennen. Das Lacansche Reale hingegen wäre die phylogenetische Grenze, wie sie Ernesto Laclau, vor einem dekonstruktivistischen Marxismus-Hintergrund, mit seinem Begriff des Antagonismus bezeichnet hat. Alle Begriffe – das Unbewusste, das Reale, die différance und der Antagonismus – bezeichnen kein positiv Seiendes, kein Signifikat, sondern verweisen in radikaler Weise auf die Nachträglichkeit desselben. Anstelle einer weiteren Begriffsklärung im folgenden die Geschichte von Robinson Crusoe in der späteren Fassung von Michel Tournier. Eine Geschichte, die die Differenz zwischen einem a-humanen Kern, der als Konstitutiv des Humanen gedacht werden muss, und der posthumanen Rede demonstrieren soll. Angelpunkt ist das Zuspätkommen von Freitag für Robinson. Dieses bildet allerdings erst in der Version von Michel Tournier, der Daniel Defoes Geschichte aus dem Jahre 1719 wieder aufgegriffen hat, den Fokus und gibt der Geschichte damit eine „existenzphilosophische Tiefe“. Denn trotz der Parallellen, die Tourniers Roman »Freitag« mit seiner Vorlage hat, gibt es eine entscheidende Änderung. Im Unterschied zu Defoe nämlich unternimmt Tournier den Versuch, das Menschsein von Robinson unter nicht-mehr-menschlichen Gegebenheiten darzustellen bzw. den allmählichen Verfall dieses Menschseins als einen Prozess fortschreitender Dekomposition zu beschreiben, als einen metamorphotischen Prozess, in dem der Unterschied zwischen der menschlichen Natur und anderer Naturen mit der Löschung der sexuellen Differenz, besser mit Robinsons Sexualität, zu verschwinden beginnt. Nach Robinsons Versuchen, mit einem Baumstamm Geschlechtsverkehr zu haben, der ihn nicht befriedigt, mit der Ankunft Freitags, die für Robinson eben zu spät kommt, wird er, in seinen eigenen Worten, zur “Braut des Himmels” seiner Insel Esperanza. „Friday (...) he came too late, when my sexuality had already become elemental and was directed toward Speranza...... My love affair with Speranza was still largely human in its nature; I fecundated her soil as though I were lying with a wife. [now, however, Robinson´s love is entirely elemental, and he says:] My sky-love floods me with a vital energy which endows me with strength during an entire day and night. If this is to be translate into human language, I must consider myself feminine and the bride of the sky. But that kind of anthropomorphism is meaningless. The truth is that at the height to which Friday and I have soared, difference of sex is left behind.“ Robinson hört immer mehr auf, sich als Mann zu fühlen, er wird zur Frau und dann zu einem Naturwesen, gleich den Tieren und Pflanzen auf seiner Insel Esperanza. Es war natürlich naheliegend, diese Metamorphose des Robinson im Sinne von Deleuze/Guattari als „becoming-other“, als etwas-anderes-werden, zu interpretieren und dabei auf die Fluchtlinien, die berühmten »lines of flight«, die die beiden Philosophen als dem Subjekt zugehörend, jedoch nicht auf dieses abzielend, definiert haben, zu verweisen. Diese Fluchtlinien bilden jenen a-humanen Part und sind der Effekt unterschiedlicher Unterwerfungsmodalitäten, denen die Individuen einer Gesellschaft ausgesetzt sind. Eine dieser Strategien zielt auf feste Strukturen, Entitäten, wie den Staat und die Nation, die Familie und das Paar, ab, die andere entwischt dieser ersten und arbeitet an der Auflösung der eben genannten Fixationen. Das ist der Blick, den Deleuze/Guattari auf das Subjekt werfen, welches sich zwischen molaren und molekularen Struktur bewegt, zwischen einem Lust- und einem Realitätsprinzip, wie man auch altmodischer sagen könnte. Der Blick auf das gesellschaftlich Ganze und die Einrichtung des Einzelnen kann nun aber mit Ernesto Laclaus Begriff des „Antagonismus“ geklärt werden. Laclau begreift das Gesamt der gesellschaftlichen Verhältnisse im Sinne Derridas als offenes System, in dem die Bedeutungen fließen. Das heißt, Identitäten funktionieren über die Achsen Antagonismus und Ausschluss. Sie stellen sich durch die andauernde Festlegung diskursiver Knotenpunkte, die die differentielle Realität zur Ruhe kommen lassen, her und ermöglichen dadurch eine temporäre, partielle Fixierung. Die Frage, die sich also aufdrängt, und die in einem übergeordneten Verhältnis zu unserem Ausgangsthema steht, lautet deshalb: Wie wird das Humane – über die Sprache und den sexuierten Körper - in einer sich als posthuman begreifenden Gesellschaft gedacht, wahrgenommen, zu- und eingerichtet? Dabei können die Menschen oder ihre Körper nicht als natürliche Ausgangsbasis genommen werden. Vielmehr muss darauf geachtet werden, wie sich die Rede vom Leben des Menschen, Michel Foucault hätte gesagt, der Diskurs des Humanen, immer weiter in Richtung animalitas und den Gesetzen der Maschinen und der Natur hinbewegt. Vor dem Hintergrund des Gemeinsamen und Ähnlichen (wie dem genetischen Code, Funktionsmechanismen, chemische und phsyikalische Prozesse) werden die Grenzen zwischen Tier/Mensch/Maschine neu definiert, Wissenschaftszweige abgeschafft oder in andere Kontexte eingelassen, medizinische Forschung unterstützt, die bis vor kurzem noch unvorstellbar gewesen ist, Themen im Fernsehen und Tages-Zeitungen angesprochen, deren Tenor uns subtil in ein anderes Denken einleiten soll. Die Verkehrung von intim-öffentlich, von nackt und prüde, von Geschwätzigkeit und Inhalt, von Werten, Normen und Alltagsritualen haben alle ein Anliegen, ohne es natürlich zu wissen oder intentional zu verfolgen. Die Aufweichung einer zentralen Grenze wird angestrebt: die Überwindung der Barriere bewusst-unbewusst, die Aberkennung der Differenz zwischen Signifikant und Signifikat, die Polysemie der Sprache auf ihre Eindeutigkeit eingeengt und die affektive Dimension auf Gehirnsegmente aufgeteilt. Faktizität, Eindeutigkeit, Mach- und Messbarkeit sind die Parameter, die zwar nicht völlig unbekannt sind, dennoch in ihrer Unhinterfragtheit eine neue Gewichtung erhalten. Damit geht der Verlust einer ethischen Grenze mit einher, die, wie der italienische Philosoph, Giorgio Agamben deutlich gemacht hat, noch nie eine statische gewesen ist. Es kann also nicht darum gehen, intelligentere Tiere oder bessere Cyborgs aus uns zu machen, sondern das spezifische Moment des Humanen als ein Begehren anzuerkennen, das zutiefst an die Entfremdung in und durch die Sprache – mit ihrer Etablierung der realen, imaginären und symbolischen Ordnung - geknüpft ist. In zahlreichen Cyborg-Geschichten und -Filmen – denken Sie etwa an die Replicants in dem Ridley Scotts Film „Blade Runner“ (1982) oder an Jod, den Cyborg in dem Roman „The Body of Glass“ (1991) von Marge Piercy, geht es um die zentrale Frage der Grenzziehung zwischen Maschine und Mensch. Bisweilen geht es bis an die Grenze der Ununterscheidbarkeit bzw. glauben die Menschen, im Aufeinandertreffen mit der Maschine, nicht (mehr) zu wissen, was es heißt, ein Mensch zu sein. Den Menschen erscheint die Vorstellung, perfekt wie eine Maschine zu sein, absolut erstrebenswert zu sein, den Cyborgs oder Replicants ist ihre geschichtslose Endlichkeit ein Trauma. Während die Menschen vergessen, verdrängen, sich falsch erinnern und je älter sie werden, wieder in die Zeit ihrer Kindheit zurückzugehen scheinen, treten die Maschinen jedoch auf der Stelle, weder eine Erinnerung nach Früher noch eine Bewegung nach Morgen ist ihnen möglich. Außerdem gibt es eine Reihe spezieller Augenblicke, wodurch sich das Wesen des Humanen zeigt, und die keine Maschine bis heute beherrscht bzw. einfach hat: vergessen, lachen, weinen, lieben, erinnern, blicken und berühren – das ganze Arsenal menschlicher Mimik, Gesten und Gaben. All diese Momente verweisen auf etwas ursprünglich Körperliches, das im Prozess des Werdens sich abgetrennt hat und dabei eine neue Dimension entstehen hat lassen, die diese Ab-trennung (Abnabelung) voraussetzt: das Begehren und die Liebe. Die Grenzziehung erfolgt durch die Sprache, wodurch nicht nur der Tod der Dinge eingeleitet, sondern auch die Trennung von der ursprünglichen Einheit mit der(m) Mutter(-körper) erfolgt. Dieser zweite Schock, nach dem ersten der Geburt, entlässt das Individuum zunächst in die Dyade des Ich + Du, um diese dann durch das Eintreten des Anderen in die Artikulation der sexuellen Differenz münden zu lassen. Ich möchte an dieser Stelle kurz nochmals zu den Medien zurückkehren und zwar zu einer Bezeichnung, die mit ihnen indirekt zu tun hat. Der Situationist, Guy Debord, hat 1967 „Die Gesellschaft des Spektakels“ veröffentlicht und darin das Spektakel als tautologische Bewegung definiert, eine Bewegung, die für die Medien nicht untypisch ist: „Der zutiefst tautologische Charakter des Spektakels geht aus der bloßen Tatsache hervor, dass seine Mittel zugleich Zweck sind. Es ist die Sonne, die über dem Reich der modernen Passivität nie untergeht. Es deckt die ganze Oberfläche der Welt und badet sich endlos in seinem eigenen Ruhm.“ Dabei ist das Spektakel nicht gleichzusetzen mit den Bildern oder den Medienbildern. Nach Giorgio Agamben ist das Spektakel „die Enteignung und Entfremdung menschlicher Geselligkeit selber. (...) Das Spektakel ist das Kapital in einem solchen Grad der Akkumulation, dass es zum Bild wird“. In einer Gesellschaft des Spektakels artikuliert sich also ein Entfremdungszustand, der zutiefst über die Sprache verläuft. Dahingehend, dass zwischen Spektakel und Sprache keine Differenz mehr auszumachen ist. In den Worten Agambens: Im Spektakel „trete uns unsere eigene sprachliche Natur verkehrt entgegen“. Wenn die Sprache entleert worden ist, wenn sich ihre Artikulationsdimension durch die Spektakel-isierung unserer Gesellschaft verflüchtigt, dann implodieren die Parameter des Humanen: Der Anspruch (an den Anderen) wird in dieser Gesellschaft konsequent mit Bedürfnis verwechselt und mit fast food und fun gefüttert. „Denn während in den überkommenen Ordnungen die Entstellung des kommunikativen Wesens des Menschen immer darauf hinauslief, es zu einer Voraussetzung zu machen, die das Allgemeine begründen sollte, ist es in der Gesellschaft des Spektakels die Mitteilbarkeit, das Gattungswesen (d.h. die Sprache) selber, der ein abgeschiedener, nach eigenen Gesetzen funktionierender Bereich zugewiesen wird. Es ist die Mitteilbarkeit selber, die die Mitteilung verhindert; die Menschen werden durch das getrennt, was sie vereint. Journalisten und Mediokraten sind die neuen Priester dieser Entfremdung der sprachlichen Natur des Menschen.“ Die im Fernsehen und im Internet agierenden Aktivisten – Superstars, Fetischisten, Perverse, Machos, Emanzen, Single-moms, Mörder, Nymphomanen, Nekrophile – offenbaren die Leere der Sprache. Eine Leere, die dadurch entsteht, dass dem Subjekt seine Tiefen entzogen worden ist bzw. unsere Gesellschaft auf allen Registern daran arbeitet, diese Tiefen mit der fundamentalen Binsenweisheit - „was erscheint ist gut, was gut ist, das erscheint“ , zu stopfen. Nicht ganz falsch hat deshalb Slavoj Zizek für unsere Zeit eine Informationsanorexie diagnostiziert, die mit der Überfülle zu tun hat, mit der unser angebliches Bedürfnis nach immer Neuem gestillt wird. Signifikant sind also in unserer Gesellschaft des Überflusses die deutlichen Zeichen von Verweigerung, Verneinung und Abwehr. Stichwort: Mager- und Fressucht, Neurothermitis, Autismus. Aber RTL macht unbeirrt weiter: Unter dem Motto »ALLES ist möglich« sind Leute aufgefordert, sich zu melden, wenn sie einen zu kleinen Busen haben oder eine krumme Nase oder Ohren, die ihnen nicht passen. Rufen Sie an, wir machen alles möglich! In: Konrad Paul Liessmann (Hg.): Ruhm, Tod und Unsterblichkeit. Über den Umgang mit der Endlichkeit, Wien: Paul Zsolnay Verlag 2004, S. 199-223.
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