Hans Ulrich Reck

Hans Ulrich Reck gehört zu den immer seltener anzutreffenden Autoren, die man als im klassischen Sinne gebildet zu bezeichnen hat. Sein enzyklopädisches Wissen, das Epistemologie, Gesellschaftstheorie, Kunstgeschichte und -theorie, Medienphilosophie, Apparate-Theorie, Sprachphilosophie, Wissenschaftsgeschichte, Bild- und Filmtheorie, ästhetische Theorie, Ethnologie, Soziologie und Anthropologie umfaßt, macht es für den Leser mitunter nicht einfach, der Verschränkt- und Verwobenheit der behandelten Erkenntnisgegenstände auf gleichbleibend komplexem Entfaltungsniveau zu folgen. Diese Einbettung der jeweiligen Sujets in kunst-, theorie- und gesellschaftshistorische Rahmungen erlauben es dem Leser, sukzessiv Einsicht zu gewinnen in die Kontexte geschichtlicher Dis- und Kontinuitäten der behandelten Topoi. Ein Navigieren, Interferieren, Modularisieren und Memorieren verlangendes Lesen der Texte Recks verlangt einen souveränen Leser, der nicht mehr nur – was selten genug geworden ist – durch die „Arbeit am Begriff“ intellektuelle Sozialisation erfahren hat, sondern darüber hinaus die erkenntnistheoretische Bedeutung des „Para“, des Ephemeren, der „Spur“ und des „Rests“ für die Aneignung von Welt durch Zeichen und Sprache zu realisieren vermag. Reck gelingt es auf gleichbleibend höchstem Niveau, die Komplexität der „Umwelt“ (des zu Begreifenden), die um ein Vielfaches größer ist als die des „Systems“ (das sprachlich Begriffene), in den Texturen gegenwärtig zu halten, besser: zu prozessieren. Das verlangt vom Leser ein leidenschaftliches Wissenwollen, ein auf Dauer zu stellendes Geöffnetsein ab – und wird „belohnt“ durch eine Freude, gar eine Erotik des Denkens, Entdeckens und Sich-selbst-Überraschens.

Neben vielen Foci seiner wissenschaftlichen Arbeit hat Hans Ulrich Reck eine Theorie der „Kunst durch Medien“ entworfen. Unter anderem an der Kunst des verstorbenen Künstlers Aldo Walker hat Reck dies einsichtig zu machen sucht: „Das Eigentliche der Kunst ist nicht zu übersetzen, es wirkt direkt. Die Bedeutung der Kunst erklärt sich nicht im Schema der Repräsentation. Sie ist auch nicht Utopie oder Antizipation, sondern genuine Wirklichkeit. Kunst kann keinen Wahrheitsanspruch haben, da sie ihre eigene gedankliche Wirklichkeit schafft und unmittelbar zur Geltung bringt. Im Gegensatz zur Konzeptkunst geht Walker davon aus, daß synthetisch Neues ununterbrochen in der Kunst wie in der Welt sich ergibt, die sich nicht gegenüber der Kunst zu rechtfertigen hat und dieser keinen besonderen Erklärungswert im Hinblick auf eine offensichtlich und selbstverständlich gegebene Wirklichkeit zuweisen muß. Walker skizziert die Aufgabe des Künstlers als rhetorische Inszenierung von Schnittstellen zwischen Kunst, Realität und Lebenswelt und richtet sich dezidiert gegen die dem Kunstsystem als vermeintlich autonomer Selbstorganisation eingeschriebenen autoritativen Ideologien der Macht. Kunst ist und bleibt ein Medium und Ereignis der Konstruktionen und Perzeptionen im unauftrennbaren Akt von Sehen und Denken“.
An Recks Texten, Abhandlungen und Essays fasziniert vor allem eine exorbitante Differenziertheit der Gedankeninbeziehungssetzung. Die filigran komplexe Abstraktion Recks bewirkt eindeutig Intensität: Recks Formulierungen sind zum größten Teil der Neuakzentuierung der grundlegenden medialen Leistung der Kunst gewidmet und stehen somit orthogonal zur gängigen kunstwissenschaftlichen Einholung von Kunst und Kunstwerken im akademischen Diskurs. So etwa, wenn er schreibt: „Es scheint wenig anderes übrig zu bleiben, als den Anspruch auf und die Auszeichnung von Kunst überhaupt wegzulassen, zu überwinden, darauf zu verzichten, und zwar ultimativ und umfassend. Kunst bliebe dann ein Organon zur Entwicklung von etwas, ein Werkzeug zur Erzeugung, das einen reinen Mittelstatus hat“.
Recks Starkmachen einer anderen Wirklichkeitsdimensionierung von Kunst ist eindeutig einer anderen Dimensionierung von Gesellschaftsdenken verpflichtet. Hier hat kein Ästhetizismus Platz, um zu transgredieren. Recks Fassung einer singularen Sittlichkeit ist vielmehr eine weitreichende Resurrektion des Denkens nach einer Moral, die nicht mehr ihre Zuverlässigkeit erkauft durch Abstraktion vom Individuum. Um das zu erreichen, muß die in Kunst liegende Sittlichkeit Teil sein einer Sittlichkeit in der Gesellschaft. Die Bedingungen einer solchen Sittlichkeit sind in der Lebenswelt zu finden. Das ist der Grund, warum in Recks Arbeiten der Gebrauch des Konzeptes namens „Lebenswelt“ einen großen Raum einnimmt.
Eine wichtige Unterscheidung Recks ist die zwischen Kunst mit Medien und Kunst durch Medien. Reck: „Was Kunst ist, ist Kunst kraft etwas, das sich immer in irgend einer Weise formt und materialisiert, aber zunächst nichts Spezifisches über die Medien aussagt.“ | „Kunst, die ausdrückt, wofür sie Mittel und Medien wählt, kann als ‚Kunst mit Medien’ definiert werden. Kunst, die spezifisch nur durch die bestimmten Medien realisiert [..] wird, deren Handhabung sich sich methodisch und prozessual in unverwechselbarer Weise und mit besonderen Erkenntnisinteressen und Handlungszielen zuwendet, solche Kunst soll ‚Kunst durch Medien’ genannt werden.“ Diese Unterscheidung läßt sich rezeptionsorientiert so reformulieren: „Das Gelingen [von Kunst] ist aber nicht Ausdruck einer Beurteilung durch Vergleichung der Form, der Komposition, des Gehalts, sondern nur erlebbar im Modus einer überwältigenden Erfahrung. Umgekehrt: Man kann von gelingender Kunst wohl immer dann sprechen, wenn durch als Kunst erzeugte Artefakte eine solche überwältigende Wirkung, Erregung, Emphase, erreicht wird.“
Und: „„Man wird für Kunst setzen dürfen: Eine Welt ist zuwenig, eine einzige Theorie unzureichend [..].“ | „Wie die Welt konstruiert ist, in der man sich aufgrund von Regeln bewegt, besagen eben nicht die Regeln, sondern die Konstruktionsgesetze. Zu merken, wie die Welt wirklich konstruiert ist, bedarf nicht der Regeln, sondern der Verschiebungen [..].“
Reck versucht der Kunst mit einem Denken zu begegnen, das nicht mehr in den kategorialen Zuschreibungsroutinen einer Kunstgeschichte oder einer Medienkunsttheorie sich entfaltet. Wer an diesem Denken lesend Anteil nehmen möchte, hat sich gleichsam von den eingeschliffenen Betrachtungen zur Kunst zu lösen.

Denn: Wenn es nicht ganz falsch ist, Form als Antwort auf den Zwang zum Transponieren und Verfügbarmachen von Problemen anzusehen, dann hat sich der Reck für die Antwort folgenden Problems entschieden: Wie kann ein durch Aussage, Zeichen und Begriff Festgestelltes so in Form gebracht werden, daß das instantan Nichtfestgestellte, das Nichtbezeichnete, das Nichtbegriffene, kurz: das Abwesende, Unsichtbare und Unausgeführte im Radius der Aufmerksamkeit und möglicher Begegnung verbleibt? Recks Textur erhebt den Anspruch, ‚Virtuelles in ein Reales zu transferieren’ – und zwar durch die stete Bereitstellung von Verzweigungs- und Beziehungsmöglichkeiten aller verhandelten Sujets, Begrifflichkeiten und Probleme. Form bedeutet dann, stabile Bedingungen zu schaffen für die Möglichkeit des Bildens von semantischen Überschüssen der Aussagen – durch jederzeit mögliche neue und andere Interferenzen zwischen den Aussage-Aspekten.

Ein weiterer Focus seiner Arbeit ist der Begriff „Kreativität“, dem er eine Monographie besonderen Ausmaßes gewidmet hat.
In allen Aspekten der Performanz, der Semantik und der Interpretation schafft es Reck, die Grundeinsicht aspektuell zu vermitteln, daß Kreativität weder als enigmatische, geheimnisvolle oder asoziale Synthesis zu verstehen noch als direkt ansteuerbare, meß- und vermeßbare Größe zu operationalisieren ist. Kreativität, wie sie Reck weit über die Grenzen ästhetisch-künstlerischer Ortung verhandelt, gehört zu den komplexesten Erscheinungen eines – ontologisch aufzufassenden – „Dazwischen“, das, oszillierend zwischen permeablen und opaken Zuständen, den Grenzverkehr zwischen Latenz und Manifestation, zwischen Implizitem und Explizitem, zwischen proximalen und distalen Entitäten (materieller oder ideeller Wirklichkeit), zwischen „Werden“ und „Sein“ (Prozeß und Realität) skulpturiert, gestaltet, formt – oder auch vernichtet. Kreativität als Vermögen, die bestehenden raumzeitlichen Begrenzungen der Realität so zu verlassen, daß ebendiese Realität nicht mehr als der allumfassende Container für anderes und für Möglichkeiten gilt, sondern sich als eine Möglichkeit unter vielen auf der Seite des Möglich- und Andersseins wiederfindet, setzt voraus, Kreativität erkennenstheoretisch als Hintergrund/im Hintergrund zu situieren – und nicht mehr als Figur vor einem Hintergrund, die als Zeichen, als identifizierbare Entität, als Handlung problemlos anzuspielen wäre. Und doch zeichnet Kreativität aus, daß aus Hintergrund Figur wird, ohne Figur zu sein: daß aus Redundanz/ Abundanz Konkretion/ Abstraktion wird, ohne sich im Konkreten und Abstrakten zu erschöpfen, ohne das Abwesende, das Nicht oder Noch-Nicht zu exkludieren. „Wenn Kreativität“, so Reck, „die Fähigkeit ist, von einem Einzelnen auf ein Nächstgrößeres, situativ und hypothetisch Umgreifendes zu schließen, wenn das eine mit einem daraus nicht determinativ zu entwickelnden Anderen ein Drittes, Neues, Einheitliches, vorläufig Ganzes bildet, dann gibt es dafür keine algorithmisch oder formal festgelegten Verfahren oder Gesetze“ – aber es gibt auch, so ist immer mitzudenken, um keine dualistische Trivialisierung aufkommen zu lassen, kein Raunen, keine Anbetung, kein säkularisiertes Numinoses.
Recks Arbeiten sind frei von jeder Bemühtheit, selbst kreativ, künstlerisch, enigmatisch zu sein oder zu erscheinen – und gerade dadurch wirklich anders als bekannte Darstellungs- und Theorieangebote im Grenzgebiet von Kunst, Gesellschaft, Medien und Geschichte. Sie bilden einen exorbitanten Fundus an Einsichten, Wissen und Verwebungen, der niemals seine Absicht verrät: „Kunst“ in ihren axiomatischen, materiellen und ideellen Attributen erkennend zu begegnen, ohne sie durch Bezeichnung zu besetzen. Dem Leser ist damit die seltene Gelegenheit geboten, einer „guten Unendlichkeit“ beizuwohnen: denn die Texte Recks hören nicht auf, zu werden.

Text Bernd Ternes

Im November 2008 als Rezension von 'Index Kreativität' (Verlag der Buchhandlung Walther König Köln 2008) geschrieben, hier erstmals publiziert