Mischa Kuball
Platon´s mirror
Videoinstallation, 2009

Hans Ulrich Reck    

WAHRNEHMEN IM SPIEGEL – Ein ungelöstes Problem Platons und eine Antwort durch die Kunst

Platons Denkbild von der Höhle als Bezirk einer unbemerkten Gefangenschaft der Verblendeten hat eine überaus starke Wirkung in der abendländischen Geistesgeschichte entfaltet. Eine nicht unproblematische dazu. Denn die Doppelung oder Aufspaltung der Welt in eine Sphäre des Wahren und eine der Täuschungen ging einher mit der Entfaltung einer eigentlichen Wirklichkeitsverachtung. Dies hat der französische Philosoph Clément Rosset in einer Reihe Maßstäbe setzender Abhandlungen mit großer Insistenz verhandelt. Er weist nach, dass wir keine Duplikate, keine Doubles oder Doppelgänger brauchen, sofern wir das Reale in seinem Reichtum wahrzunehmen vermögen oder dazu bereit sind. Duplikate brauchen wir nur, wenn wir dem Misstrauen, also unserem Verdacht erliegen, wir täuschten uns selber ständig und seien überhaupt oder grundsätzlich nicht imstande, ein Wahres zu erkennen. Durch das Einsetzen von Stellvertretungen, Platzhaltern, 'Doubles', durch das reich entfaltete Spiel der Fiktionen und Täuschungen erzeugen wir gerade nicht den evidenten Bezug eines Wahren auf ein Wirkliches. Es sieht zwar so aus, als ob das zu helfen vermag, indem wir dieses als Norm gesetzte Wahre durch eine Abgrenzung vom Falschen, von den Zerr- oder Trugbildern, den Vorgaukelungen und dem Unwahren abgrenzen. In Tat und Wahrheit aber erzeugen wir in dieser Abspaltung oder Absetzung nur die Realität der Trugbilder, die wir im Namen der Wahrheit gerade bekämpfen wollen. Deshalb hat Friedrich Nietzsche 1889 in einem Exkurs seines Werkes 'Götzendämmerung' unter dem Titel 'Wie die wahre Welt zur Fabel wurde' den Ausgang aus dieser fatalen abendländischen Erkenntnistheorie, die zugleich eine Ontologie des Dualismus ist, von umgekehrter Sicht aus argumentiert. Wenn wir die Geschichte des abendländischen Erkennens auf dem Hintergrund einer systematischen Wirklichkeitsfeindschaft schreiben, dann merken wir, dass wir im Namen der Wahrheit erst die Phantome geschaffen haben, gegen die wir, auf dem wahren und wirklichen Lichtkern des Eigentlichen bestehend, kämpfen wollen.

Wenn wir dem Druck dieser dualistisch spaltenden normativen Wahrheit nicht mehr vertrauen, weil wir sie selber als eine vorlaufende Hypothese desjenigen behandeln, das wir nur als Schein und derzeit noch nicht verstandenen Irrtum behandeln, dann bedürfen wir nicht nur des Scheins, sondern auch der Wahrheit nicht mehr. Siehe, so Nietzsche: 'Mit der wahren Welt haben wir auch die scheinbare abgeschafft'. Nach diesem Ende des Dualismus erst beginnt die Feier des Realen als des Inbegriffs der Fülle des Lebendigen. Nietzsche wird dies als Stunde seines Zarathustra feiern. Darauf braucht man keinen übertriebenen Wert zu legen. Es reicht, wenn man die dionysische Kräftigung des Lichtes als Wahrnehmung des Stofflichen, also die Ästhetik nicht des Erkennens, sondern der leiblichen Physiologie zu ihrem Recht kommen lässt.

An diesem Sachverhalt setzt - auf seine ganz autonome und souveräne Weise – Mischa Kuballs Installation von 'Platon's Mirror' an. Natürlich ist das nicht so zu verstehen, dass der Künstler diese philosophischen Bezüge systematisch aus der Kenntnis der abendländischen Philosophie ableitet, um diese dann auf eine künstlerische Empirie oder Intuition abzubilden bzw. das Werk gar als Ableitung der Ideen einzurichten. Das ist gar nicht möglich und wäre erst recht kein Beitrag zu Platon, der hier nur ein Argument gegen Platon sein kann. Paradoxerweise ist seiner Denunzierung der Kunst als des Ab- oder Zerrbildes von Abbildern von Ideen recht zu geben, weil in der Umkehrung das stoffliche Werk, also das Gewinnen der Gestalt für eine Idee zeigt, dass diese dadurch nicht gespiegelt abgebildet, sondern dynamisch und konstruktiv interpretiert wird. Da nun jede Interpretation immer Einschränkung oder gar 'Negation' ist, ist das Werk nicht Ausdruck einer Idee, sondern Ausprägung eines wahrnehmenden Prozesses. Eben diesen Prozess macht der Künstler zu Gehalt, Form und Stoff zugleich seines Werks.

Indem Kuball mit dem Spiegel-Phänomen affirmativ arbeitet, verlässt er die platonische Dogmatik und den kanonischen Höhlenraum. Denn Spiegel machen, epistemologisch betrachtet, nicht sichtbar, 'geben' nicht 'wieder'. Das ist Ausdruck einer, im übrigen als solche auch gerechtfertigten, gewöhnlichen Auffassung. Da Spiegel immer eigenständige Bilder reflektieren und ent-werfen, sind sie als veritable Apparate des Sehens und nicht als bloße Reproduktionsmedien anzusehen. Deshalb setzt Mischa Kuball die Lichtprojektion in einem abgedunkelten Raum so ein, dass die filmische Aufnahme des eine Bühne bestrahlenden Scheinwerferlichtes mittels optischer Brechung durch eine den Raum unterteilende, vertikale Folie auf die Raumdecke projiziert wird. Die über diese Raumdecke laufenden oder 'wandernden' Lichteffekte, die aus der genannten Brechung des Strahls hervorgehen, verbinden sich auf der gegenüberliegenden Wand mit den Positionen / Bewegungen der Betrachter, ihrer Kontur, den sich dynamisch ergebenden Schattenrissen. Die Betrachter sehen ihre Schatten als Bildelemente in den Lichtquellen, den Turbulenzen, die durch die Projektion auf die Folie entstehen. Es ergibt sich eine stetige, Positionswechsel ermöglichende Einheit von Subjekt und Objekt, Gegenstand und Betrachtung desselben.

Die Beweiskraft der Installation Kuballs besteht diesbezüglich darin, dass er die Paradoxie Platons zeigt, ohne sich in die epistemologischen Fallen des Höhlengleichnisses zu verstricken, das ja mehr vom Unverstandenwerden der wahren Sendboten des göttlichen Erkennens durch die 'doxa', die Meinung der Gewöhnlichsterblichen handelt, also von der problematischen Einschränkung der Ideen durch die Tatsache, dass und insoweit sie empirische Gestalt werden.

Der Betrachter nimmt die Projektion des Lichts als eigenständige Quelle der Wirklichkeitsmodellierung wahr. Und er wird zugleich der dadurch geschaffenen Effekte als einer Inszenierung gewahr, die eben nicht direkt auf Wahrheit verweist, sondern auf deren In-Szene-Setzung, also deren Verfügbarmachung durch ein artifizielles Eigenes. Und er nimmt sich und seine Bewegungen nicht nur an sich selber, aus dem einschränkenden Blick auf Teile seiner selbst wahr, sondern auf der Ebene der Projektionen, die nicht schlichte Abbildungen sind, sondern dynamische und produzierende Handlungen, die sich der Textur des durch die Folie und weitere Projektionen verändernden Lichtes, den aufscheinenden Wellenbewegungen verdanken.

Die Zahl der Menschen, die sich bewegen, belebt die dynamische Funktion der Folie, die sich gemäß den Einwirkungen bewegter Luft bewegt. Platons Spiegel wird hier zu einer Bühne, auf welcher die Wahrnehmung der Wahrnehmung der Wahrnehmung möglich wird. Platon mag der Wahrnehmung grundsätzlich und ausdrücklich ebenso misstraut haben wie den bildenden Künsten, die sich den Erscheinungen verschreiben. Aber nur, indem er die problematische wirklichkeitsverachtende Doppelung einer normativen Wahrheit und die ihr entgegengesetzte Sphäre einer systematischen Täuschung einsetzt, kann er die Unwertigkeit der Kunst gegenüber einer angeblich höheren Erkenntnisleistung der Philosophie behaupten.

Kuballs Deutung des Spiegels als Ermöglichung des wirklichen Sehens und Wahrnehmens weist die Doppelung der Realität zugunsten gesteigerter kritischer Selbstbezüglichkeit zurück. Damit steht er nicht nur in Opposition zu Platons Kunstauffassung, sondern zeigt, dass Platons Kunsthass ein philosophischer Fehler ist. Diese Denunzierung einer Wirklichkeit als 'uneigentlich' ist äußerst unbefriedigend sowohl in ethischer wie in erkenntnistheoretischer Hinsicht.

Es ist deshalb und dagegen genau eine Kunst der Philosophie, nämlich des nachdenkenden Selbstwahrnehmens, welche mit den entfalteten Mitteln der apparativ gestützten Lichtprojektion der platonischen Behauptung einer Philosophie jenseits oder über der Kunst entgegentritt. Nicht durch Behauptung, sondern durch stoffliches In-Szene-Setzen, durch ein Arrangement, in welchem jede Wahrnehmung als eine kognitive wie eine emotionale deutlich wird. Es handelt sich um eine Beobachtung auf dritter Stufe. Geleitet durch denkende Sinne, skeptische Wahrnehmung, die dadurch zugleich befördert werden: Sie entwerfen Sphären, die nicht oppositionell, sondern komplementär verschränkt erscheinen.

Mischa Kuball
Platon´s mirror
Video installation, 2009

Hans Ulrich Reck    
PERCEPTION IN THE MIRROR – One of Plato’s Unsolved Problems and Art’s Answer

Plato’s notion of the cave as a realm of unnoticed captivity of the deluded has had a very strong impact on western intellectual history. Not an unproblematic one, too, because the duplication or division of the world into spheres of truth and deception went hand in hand with the development of an actual contempt for reality. This was debated very insistently by French philosopher Clément Rosset in a series of groundbreaking papers. He proves we need no duplicates, doubles or doppelgangers as long as we are able to perceive reality in all its richness or are prepared to do so. We only need duplicates when we fall prey to distrust, i.e. the suspicion that we are constantly deceiving ourselves and are basically or completely unable to recognise a truth. By using proxies, substitutions and doubles through the richly burgeoning interplay of fictions and deceptions we do not in fact create the evident reference of a truth to a reality. It may appear to help us by setting apart that truth created as a norm from falsity, distortion or hallucinations, pretence and untruth through a delineation of the false. However, in fact and in reality, in this secession or displacement we only create the reality of the hallucinations that we wish to combat in the name of truth. This is why in 1889 Friedrich Nietzsche in an excursus to his work “Twilight of the Idols” entitled “How the True World became a Fable” argues in favour of a departure from this fatal western epistemology which is, at the same time, an ontology of dualism, from an opposite perspective. Writing the history of western perception against a background of systematic hostility to reality we then notice that in the name of truth we have ourselves created the very phantoms that, in our insistence on the true and real enlightened core of the actual, we wish to fight.

When we no longer trust the pressure of this dualistically dividing, normative truth – because we treat it itself as a forerunning hypothesis of that which we only treat as appearance and as a still not yet understood error – then we no longer need not only appearance but also truth. It was Nietzsche who said: “With the true world we have also abolished the apparent one”. It is only after this end of dualism that the celebration of the real as the epitome of the fullness of the living can begin. Nietzsche would celebrate this as the hour of his Zarathustra. One does not need to attach any exaggerated importance to this. It is enough to allow the Dionysian strengthening of light as a perception of the material – i.e. the aesthetic not of recognition but of corporeal physiology – to come into its own here.

It is upon these facts that Mischa Kuball’s installation “Platon’s Mirror” focuses – in its very autonomous and confident manner. Obviously, this is not to be understood as the artist systematically deriving these philosophical references from his acquaintance with western philosophy to then inculcate them onto an artistic empiricism or intuition or to even set up the work as a derivation of the ideas. This is not even possible and would certainly not be any contribution to Plato which here can only be an argument against Plato. Paradoxically, his denunciation of art as a copy or distortion of copies of ideas is to be borne out because in its reversal the material work, i.e. the taking shape of an idea, shows that this idea is not depicted as a mirror image but is dynamically and constructively interpreted. Now as any interpretation is always a limitation or even a “negation”, the work is not the expression of an idea but the characteristic of a perceptional process. It is precisely this process that the artist makes the content, form and substance of his work.

By working affirmatively with the phenomenon of the mirror Kuball departs from Platonic dogma and the canonical space of the cave. For mirrors, in epistemological terms, do not make things visible and do not “reproduce”. This is expression of an opinion which is otherwise also justified and normal as such. As mirrors always reflect and cast out/create independent images they are to be seen as veritable apparatuses of vision and not merely as media of reproduction. This is why Mischa Kuball sets up the light projection in a darkened room in such a way that the film-like stage lighting of the floodlights is projected, by means of an optical refraction caused by a room-dividing vertical foil, onto the ceiling of the room. The light effects running or 'billowing' over this ceiling, created by the mentioned refraction of the beam, combine on the opposite wall with the positions / movements of the observers, their contours,  the dynamically arising silhouettes. The observers see their shadows as pictorial elements in the light sources, in the turbulences that are generated by the projection onto the foil. A unit permitting constant changes in position arises here that combines into one the subject and the object, the object and the observation of that same thing.

In this respect the validity of Kuball’s installation lies in how he demonstrates Plato’s paradox without falling into the epistemological traps of the allegory of the cave, which is more about the misinterpretation of the true emissaries of divine realisation by the “doxa”, the opinion of mere mortals, i.e. about the problematic limitation of the ideas by the fact and to the extent that they become empiric in shape.

The observer perceives the projection of light as an independent source of the modelling of reality. And, at the same time, he becomes aware of the effects thus created as a staging – yet a staging that does not refer directly to truth but to a mise-en-scène of the truth, i.e. truth made available by its artificial self. And he does not only perceive himself and his movements through his own self, from the restricting perspective of parts of himself, but on the level of projections that are not simple depictions but dynamic and producing actions, resulting from those changes in the texture of the light caused by the foil and further projections, from the appearing wave motions.

The number of people who move animates the dynamic function of the foil that moves according to the impact of the air moved. Plato’s Mirror here becomes a stage upon which the perception of the perception of the perception becomes possible. Plato may have basically and expressly distrusted perception as much as he did the fine arts which are devoted to appearances. However, only by deploying the problematic, “reality-scorning” duplication of a normative truth and its antithetical sphere of systematic deception can he claim the invalidity of art in relation to the purportedly greater realisational performance of philosophy.

Kuball’s take on the mirror as a capacitor of real seeing and perception rejects the duplication of reality in favour of increased critical self-referentiality. Here he is not only in opposition to Plato’s view of art but also shows Plato’s hatred of art to be a philosophical error. This denunciation of reality as “inauthentic” is extremely unsatisfactory both in ethical and epistemological terms.

Because and also in spite of this it is precisely an art of philosophy – namely that of reflective self-perception – which with the developed means of apparative light projections confronts the Platonic claim of a philosophy beyond or above art. Not through the claim but through material mises-en-scène, by an arrangement in which every perception becomes clear as both a cognitive and emotional one. This is a third-hand observation. Directed by thinking minds and sceptical perception that are promoted by it at the same time: they conceive spheres that appear to dovetail not in an oppositional but a complementary fashion.