Hans Urlich Reck - Traum/ Vision (Wörterbuch-Artikel)
Quelle/ Erstdruck: Karlheinz Barck u. a. (Hg.), Ästhetische Grundbegri!e, Band 6: Tanz - Zeitalter/ Epoche, (Metzler Verlag), Stuttgart/ Weimar 2005, S. 171 - 201.
Einleitung
Traum und Vision sind epistemologisch und physiologisch, aber auch kultur- und mentalitätsgeschichtlich auf vielfältige Weise miteinander verbunden. Sie lassen sich empirisch und analytisch von benachbarten Kategorien und Phänomenen wie Halluzination, Wahrnehmung, Imagination u. ä. nicht völlig trennen.
Die darin wirkenden klassifikatorischen Differenzierungen gehören zu einer Wissenschaftskultur, die durch ganz unterschiedliche Interessen geprägt ist, jedenfalls aber seit geraumer Zeit unbedingt vom Ende der Epoche der heiligen Träume und Visionen ausgeht.
Die Verschränkung von Traum und Vision im Medium der göttlichen Botschaft war über lange Zeit und über die Schwelle zur Zivilisation hinaus eine verschiedene Kulturen verbindende Konzeption.
Für die Entwicklung einer ästhetischen und auf die Künste bezogenen Reflexion von Traum und Vision ist der Aufbruch aus dem antik-christlichen Modell wesentlich. Hatte die Antike ein zunehmendes Interesse an der sinnhaften Entzifferung der Traumsymbole und einer nicht mehr animistischen Objektivierung der Visionen, so stellt das Christentum den Traum hinter einen selektiven, ausgezeichneten Typus von religiöser, heilsgeschichtlicher Offenbarungsvision zurück. Erst im Ausgang aus dieser antik-mittelalterlichen Welt wurde die ästhetische Dimension von Traum und Vision als eigenständig anerkannt und als eine mögliche poetische Erfahrung und Konstruktion ausgedrückt.
Drei paradigmatische Situationen sind bis heute entscheidend für eine begriffsgeschichtlich bedachte Ästhetik des Traums und der Vision, wobei diese Situationen auch Schwellen eines gewandelten Umgangs mit vielfältigen Kontexten darstellen. Nicht nur die Veränderung der Auffassung von Traum und Vision ist bemerkenswert, sondern auch die Beziehungstypen, die in der Folge zwischen Traum/Vision und den jeweils vorherrschenden Medien für Bild und Poetik hergestellt werden.
Die drei wesentlichen Stationen und Einschnitte bilden (1) die Romantik, in der Traumtätigkeit und Vision generell als Leistungen der Künste oder mindestens in entschiedener Analogie zu ihnen beansprucht worden sind und eine eigentliche ästhetische Fundierung erhalten; (2) die Psychoanalyse, die auf einer Registratur der Artikulationen analog zum Grammophon, auf dem Tableau der Photographie als stabilem und ruhendem Raumbild sowie auf der Hermeneutik von Bild- und Schrift-Sinn beruhte; (3) die technisch reproduzierbaren Bewegt-Bild-Medien, welche die formalen Leistungen des Traums und der Vision mittels semiotischer Verfahren und spezifischer Zeichenverkettungen einerseits, als apparative Manipulationen, Simulationen und Projektionen von Imaginationen und Bildformen andererseits durchsichtig machen.
Weitere Erfindungen im Bereich der Bilder, v. a. hinsichtlich der Intermedialität und der Synthese von Körper, Bild, Imagination und Raum werden - in Gestalt erweiterter virtueller Realitäten und immersiver Environments - ein spezifisches Verhältnis zur Ästhetik des Traums und der Vision finden, das wesentlich durch Denkformen des 20. Jh. vorgeprägt ist.
Die für die Illusion des Subjekts triumphal erscheinende Säkularisierung und Profanierung der Vision in der Traumanalyse findet ihre Fortsetzung in einer technisch-apparativen Einschränkung des traumdeutenden, die Schrift und den Sinn beherrschenden Subjekts.
Umgekehrt erscheinen die physiologischen, anthropologischen und kulturell bedingten Formen des Träumens und der Vision als ein historisch reflektierbarer und deutlich werdender Fundus für das Verstehen aller die Imagination und das Imaginäre bestimmenden Mechanismen und Formbildungen.
Die psychologische Einsicht, daß Träume und Visionen eine herausragende Quelle der Kunst sind, wird heute durch die Umkehrung ergänzt: Kunst ermöglicht Träume und Visionen, soll deren quasi-sakrale Kraft besetzen und den Zerfall des religiösen Banns poetisch ausgleichen.