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Einführung und
Übersicht zu Entwürfen, Praxen, Philosophien der
bildenden Künste im 20. Jahrhundert.
In diversen Wellen verliefen die entscheidenden Erschütterungen.
Und zwar nach innen wie nach außen, von den Künsten
her und auf diese zu.
Die selbstgewählte Marginalisierung und Relativierung
der bisherigen Kunst, glorifiziert in der Malerei bis zum
späten 19. Jahrhundert, ermöglichte nicht allein
eine Besonderung der Figur vom Künstler, sondern markiert
die entscheidenden, selbstreflexiven Revolutionen der bildenden
Künste in deren Abwendung von einer alt gewordenen,
akademischen Kunst und den Ritualen der etablierten sozialen
Bestätigung: Kunst als eigentliche Technik einer Demoralisierung
der ästhetischen Erwartungen der Gesellschaft.
Es vollzog sich die entschiedene Ausweitung der Fragestellungen
experimenteller Kunst zunächst als Abwendung von Darstellungsdoktrinen,
als eine Öffnung für Bildprozesse aller Art, später
als utopischer Gegenentwurf gegen eine verachtete Welt,
mitsamt einer wachsenden Ritualisierung dieser Ablehnung,
sowie als Aufnahme massenwirksamer technischer Artefakte
und 'neuer' Apparate in einen ausgeweiteten Kunstprozeß.
Die Expansion des Avantgardismus kann über die Vielfalt
und Agilität einer Modellierung devianten Materials
und die gezielte Umwendung massenkultureller Codes ebensowenig
hinwegtäuschen wie über eine heute übrigens
wieder traditionalistisch zerstückelte Einheit alter
und neuer, handwerklicher und technischer, mimetisch wie
apparativ basierter und grundierter Künste. Zusammen
mit den Praxen und Experimenten, Entwürfen und Konzeptionen,
Manifesten und Deklamierungen einer sich nahezu täglich
mittels neu entworfener Sprachen entfaltenden künstlerischen
Dialektik von Kontinuität und Bruch werden bedeutende
Kunstphilosophien des 20. Jahrhunderts wenigstens in Ansätzen
und bezogen auf die Entstehungsumstände spezifischer
künstlerischer Praxen erörtert.
Zur Sprache kommen werden - in einem projektiv (allzu) weit
ausgreifenden Panorama - beispielsweise: die großen
Utopien des russischen und westeuropäischen Konstruktivismus;
der Diskurs des Primitivismus (Relativierung, Primitivierung,
Affektivierung, Ethnisierung, Exzentrisierung, Anti-Zivilisierung);
die Suche nach expressiver Ursprünglichkeit der Künste;
das imaginäre Bildmuseum der Welt (minimal art, Kandinsky,
Malraux u. a.); die politische Instrumentalisierung und
die auf Dauer gestellte künstlerische Revolte; der
Bruch nach dem 2. Weltkrieg; die große, antihumanistische
Abstraktion; Existenzialismus und Situationismus; die radikalisierte
Auflösung des Werks in der Konzeptkunst; die anhaltenden
Paradoxien der Pop Art; Duchamp als Trauma und Markierung;
die Bildmontagen und expansiven Entwürfe eines zeitspezifischen
Realismus von John Heartfield, George Grosz, Bruce Nauman;
die apparativ gestützte kinemato(video)graphische Verarbeitung
der Kunstgeschichte und Malerei bei Godard, die apparative
Poetik der Videographie bei Nam June Paik und anderen; das
Thema der kinetischen und Maschinenkunst; die Wendung zu
Informationstheorie und Kybernetik; das konfliktreiche Verhältnis
von Massenkommunikation und Künsten; das Extremtraining
eines re-kombinierten Körpers in der Performance-Kunst
(u. a. bei Valie Export); Revokationen und Re-Ritualisierungen
des Mythischen (Beuys, Kounellis u. a.); die Grundzüge
der Kunstphilosophien von Benjamin, Bloch, Malraux, Baudrillard,
Lyotard, Adorno, Luhmann.
Prof. Dr. Hans Ulrich
Reck
9. Januar 2005
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