Plattenspieler - ein instrumentenkundlicher Beitrag


veröffentlicht (leider unter dem verkorksten Titel "Material und Klang" oder so ähnlich)in:
Positionen: Beiträge zur neuen Musik, Februar 1997, Berlin
Copyright by Stefan Heidenreich




Ein Musikinstrument verschaltet Finger und Ohren. Als Schnittstelle koppelt es zwei Regelkreise. Der menschliche läuft zwischen Ohren und Körperbewegungen. Der technische, also das Instrument, zwischen Material und Klang. An den beiden Schnittstellen kommt Zeit ins Spiel. Bewegungen manipulieren Material. Ohren hören Klänge. Daß der Plattenspieler unter diesen Begriff von Musikinstrument fällt, steht außer Zweifel. Er zeichnet sich allerdings gegenüber fast allen vor ihm gebräuchlichen Instrumenten durch eine wesentliche Änderung aus. Bewegungen erzeugen nicht mehr einzelne Töne, sondern beeinflußen schon gespeicherte Musik. Die Beschreibung des Instruments orientiert sich an seinen technischen Gegebenheiten. Sie bezieht sich im folgenden auf das derzeit allgemein gebräuchliche Modell " Technics SL 1200 / 1210 ". Auf eine Geschichte des Instruments soll weitgehend verzichtet werden. Statt dessen geht es darum, systematisch die Stelle und den Gebrauch des Instruments in der Gegenwart zu beschreiben. Historie träte nur dort hinzu, wo über die technischen hinausgehende Einschränkungen aus ihr resultieren. Es sei denn, man würde eine historische Disposition der Technologie annehmen. Das wäre zu diskutieren. Wir gehen, um beginnen zu können, davon aus, daß der Plattenspieler vom Himmel gefallen ist.
Der Plattenspieler alleine macht, wenn er angeschaltet ist, keinen Ton. Er hat eine Input- und eine Output-Schnittstelle und will an beiden bedient sein. Der Input ist 220 Volt und ein Speichermedium, die Schallplatte. Output sind zwei Phonobuchsen, an denen ein schwaches Signal anliegt. Um es hörbar zu machen, muß es verstärkt werden. Es mag naiv erscheinen, bei solchen Selbstverständlichkeiten anzusetzen, aber sie sind wesentlich. Die Schallplatte speichert akustische Signale analog über den ganzen hörbaren Frequenzbereich. Das linear gespeicherte Signal, die Rille, wird in der Zeit abgelesen, vorverstärkt und liegt am Ausgang an. Das ist grob gesehen die technische Funktion eines Plattenspielers. Sein Gebrauch als Instrument hängt von zwei Faktoren ab, die den beiden Schnittstellen zum Menschen entsprechen, der Bewegung und dem Gehör. Welche klanglichen Manipulationen erlaubt das Gerät ? Wie ist es handhabbar ?
Die Schallplatte wird aufgelegt. Der Plattenteller wird über Motor in Drehung versetzt. Der Tonarm wird über die Schallplatte bewegt und aufgesetzt. Diese drei Handlungen bestimmen die Input-Schnittstelle zum Menschen. Die Kunst des DJ's, des Solisten am Plattenspieler, besteht aus nichts anderem als einer sehr variablen Ausführung dieser drei Handlungen. Um den Unterschied zwischen dem gewöhnlichen Auflegen einer Platte und den Handlungen eines DJ's zu klären, soll den Variationen der drei Handlungen nachgegangen werden. Eine Platte abzuspielen ist normalerweise nichts besonderes. Bis auf die Auswahl der Platte kann nichts falsch gemacht werden. Der Rest wurde folgerichtig bei vielen Geräten durch die Startautomatik ersetzt. Für Instrumentalisten sind die Variationsmöglichkeiten am Apparat offen. Man könnte die Schallplatte am Tonarm reiben, die Nadel mit dem Daumennagel kratzen oder auf dem Plattenteller trommeln. Viele Handlungen am Apparat bringen Geräusche hervor. Wir wollen uns in Folge auf die Handhabung beschränken, die insoweit dem technischen Standard folgt, als sie am Speicher ein Signal abnimmt und ausschließlich das Ausgangssignal am Output verwertet. Diese Praxis hat sich kulturell formiert. Sie soll im Horizont ihrer technischen Möglichkeiten beschrieben werden.
Die Möglichkeit auszuwählen beginnt beim Speichermedium Schallplatte. Die Adressierung des Speichers läuft in zwei Dimensionen. Einzelne Platten können auf der einen oder der anderen Seite abgespielt werden. Dieser ersten Entscheidung folgt eine Handbewegung, die eine Stelle auf der Platte auswählt. Eigentlich können beliebige Punkte der Rille angesteuert werden, aber ist es unmöglich, jeden von ihnen von vorneherein mit einem Musikereignis zu verbinden. Die zweite Adressierung ist unscharf. Technisch formuliert steht einem diskreten Speicherzugriff mit der Genauigkeit einer Schallplattenlänge ein unscharf adressierbarer Zugriff in der Tonspur gegenüber. Oberhalb einer Schallplattenlänge dauert der Zugriff länger, günstigstenfalls z. B. bei Jeff Mills mit Handlanger 5 Sekunden. Wenn der Plattenkoffer schlecht sortiert ist, kann ziemlich viel Zeit vergehen, bis die Schallplatte gefunden ist. Innerhalb einer Schallplatte kann sehr schnell jede Stelle unscharf adressiert werden, exakt dagegen nur über akustische Rückkopplung, was vergleichsweise viel Zeit in Anspruch nimmt. Die Platte liegt auf dem Teller, der Teller dreht sich, der Tonabnehmer kurvt in der Rille. Wir hören Musik. Jede Handlung, die nun ausgeführt wird, ist hörbar, jedenfalls solange der Tonabnehmer aufliegt. Praktisch alles, was bei laufender Übertragung einsetzt, beeinflußt die Geschwindigkeit der Wiedergabe. Variationen zielen damit immer auf Zeit- und Frequenzbereich zugleich. Beide können im analogen Speicher nicht mehr entkoppelt werden. Hierin unterscheidet sich der Plattenspieler von den gängigen Instrumenten, die im Frequenzbereich variabel sind, also an verschiedene Bewegungen zumeist verschiedene Töne knüpfen. Deswegen müssen viele Frequenzinstrumente kunstvoll, aber ständig im Zeitbereich koordiniert werden. Orchester benötigen Dirigenten unter anderem als laufende Taktgeber im Zeitbereich. Eine Schallplatte braucht keinen Taktgeber, aber einen DJ, der Geschwindigkeiten, wie zum Beispiel zwei Beats, einander angleicht. Er agiert immer gleichzeitig im Zeit- und Frequenzbereich. Er kann nicht anders. Das ist ein wesentlicher Grund, warum die elaborierte Harmonik alteuropäischer Musik auf wenige Muster implodiert ist, die zudem eher Zeit als Frequenz strukturieren. Stattdessen ergibt sich auf dem Feld der Rhythmik eine breites Feld von Differenzierungen. Die Namen von Musikstücken sagen es. So wenig es eine Symphonie in 130 bpm gibt, sowenig einen Techno-Track in D-Dur. Der gewöhnlich von DJs eingesetzte Plattenspieler unterscheidet sich von normalen hauptsächlich durch eine erweiterte Kontrollmöglichkeit und Präzision der Geschwindigkeit. In der Bedienungsanleitung werden die Unterschiede unter dem Stichwort "Vorzüge" abgehandelt. "Vollständig quarzgesteuerte, durchgehend regelbare Drehzahl - Feineinstellung über einen Bereich von ca. + 8 % ... Hohes Drehmoment für schnellen Start .. Elektronisches Bremssystem bringt den Plattenspieler schnell zum Stillstand ... Die Stroboskoplampe wird durch einen Quarz-Oszillator gesteuert ."1 Die Geschwindigkeit kann sowohl zeitstabil als auch zeitvariabel verändert werden. Für den ersten Fall ist der Schieberegler (9) zuständig. Er variiert die Drehzahl um 8% nach oben oder nach unten. Das Stroboskop und die Punkte am Plattenteller (5) erlauben es, die Geschwindigkeit zu kontrollieren. Die zeitvariable Beeinflussung der Drehzahl läuft nicht über Regler, sondern über direkte Berührung der Platte oder Plattentellers. In diesem Eingriff, besonders dem Bremsen, Anhalten und Vorwärts- oder Rückwärtsdrehen der Platte lag die Urszene des DJ's. Die Geste steht für den Eingriff in den technischen Standard, für die Entscheidung, den Plattenspieler nicht mehr nur als Abspielgerät, sondern als Instrument zu gebrauchen. Wurde in den Anfängen noch sehr oft und direkt mit diesem Zugriff gearbeitet, so beschränkt sich heute der Einsatz der Hand weitgehend auf eine akustisch verborgene Justierung des Grundbeats oder die exakte Suche nach einer Stelle auf der Schallplatte.
Was von allen diesen Manipulationen beim Ohr ankommt, entscheidet sich nicht am Plattenspieler. Der Plattenspieler gibt keinen hörbaren Schall aus. Zwischen Schallplatte und Schall stehen zumindest noch Verstärker und Lautsprecher. Wo elektrische Signale einmal unterwegs sind, kann alles zwischengeschaltet werden, was Elektronik ist. Das Mischpult erwies sich als wesentlich für das zur Zeit genutzte Trio von Geräten. Ein Mixer verbindet zwei Schallplattenspieler. Da jeweils ein DJ an der Verschaltung von zwei Schallplattenspielern und einem Mischpult arbeitet, könnte man auch das ganze kleine Medienverbundsystem als ein einziges Instrument bezeichnen. Der Mixer kontrolliert, ob und in welcher Stärke das Signal welches Plattenspielers hörbar wird. Damit ist ein Zeitvorteil verbunden. Was der DJ hört, hört der Zuhörer nicht unbedingt. Es kann aber zu einem beliebigen späteren Zeitpunkt eingesetzt werden. Praktisch genug, daß diesen zwei zeitversetzten Kanälen zwei Ohren entgegenkommen. Deshalb sieht man DJs nicht selten mit eigenartig verkrampfter Kopfhaltung in eine Seite ihres Stereo-Kopfhörers hineinlauschen. Der Mixer wird in diesem Aufbau zur idealen Ergänzung der Speichertechnik. Durch diesen Zeitvorteil läßt der für Solisten übliche Zeitdruck auf DJs nach. Er kann dann um so präziser, nämlich nicht unter den Ohren des Publikums, sondern "in Ruhe" arbeiten. Während ein Stück läuft, wird das nächste zurechtgelegt. Effekt dieser Schaltung ist auch, daß Pausen wegfallen. Solange Speichermedien nicht manipuliert und gemischt werden durften, waren nach dem Abspielen einer Speichereinheit Pausen technisch notwendig. Erst mit dem Mischpult ist ein reibungsloser Zugriff auf alle analog gespeicherte Musik möglich.
Welche Art von Musik gemacht wird, läßt sich von technischen Bedingungen ausgehend nur negativ beschreiben. Technik eröffnet einen Horizont von Differenzmöglichkeiten, in dem sich kulturelle Praktiken einnisten. Nicht zuletzt deshalb zeichnet sich Kulturtechnik immer wieder durch den sogenannten Mißbrauch von Geräten aus. Sie nistet sich an Stellen ein, die Ingenieure beim Entwurf eines Gerätes weder vorhersehen noch verhindern können. Die Produktion gespeicherter Musik wird vom Plattenspielers nur indirekt beeinflußt. Seit allerdings Schallplatten beinahe ausschließlich für diese Art der Weiterverwertung hergestellt werden, ist vieles von dem, was auf Vinyl gepreßt wird, nicht dafür gedacht, ungemischt gehört zu werden. Der Vorwurf der musikalischen Idiotie an Techno und ähnliche Musik rührt allzuoft aus der Unkenntnis über die Notwendigkeit, Schallplatten zu interpretieren. Faßt man die technischen Beschränkungen der Musikstile ins Auge, so rücken die Wirkung der Kopplung von Frequenz- und Zeitbereich in den Vordergrund. Harmonik fällt aus oder bildet bestenfalls feste Strukturen im Zeitbereich. Schon eine Diskussion über Tonalität ist unter den technischen Randbedingungen sinnlos. Statt dessen werden frequenzunabhängige Differenzen sehr viel wichtiger. Die Differenz der Klänge ersetzt die der Töne. Die Standardisierung der Klänge, wie sie etwa die Besetzung des Orchesters vorgibt, ist vollkommen aufgebrochen. Es können beliebige Klänge gespeichert werden und ein Großteil der Stildifferenzierungen läuft über den Gebrauch bestimmter Klänge. Im Zeitbereich wird gleichzeitig eingeschränkt und erweitert. Der Leitrhythmus ist vollkommen auf einen 4/4-Takt standardisiert, der als allgemeines Koordinationsmuster dient. Wo Musikspeicher nicht mehr über Augen wie das Notenpapier, sondern über Ohren, wie bei der Schallplatte, laufen, sind Taktstriche erstens unverzichtbar, da sonst Orientierungslosigkeit in der Partitur herrscht, und müssen diese Taktstriche zweitens hörbar sein, da man sie in der Plattenrille nicht sehen kann. Was innerhalb des festen Taktes geschieht, bleibt dagegen vollkommen offen. Auf diesem Feld ergibt sich neben der des Klangs die zweite bestimmende Ausdifferenzierung von Stilen.
Trotz seiner vielfältigen Einsatzmöglichkeiten und seinem geradezu revolutionären Einfluß auf die Musikentwicklung des letzten Jahrzehnts steht der Plattenspieler vor einer ungewissen Zukunft. Warum gibt es ihn überhaupt noch, da doch längst die digitale Nachfolgetechnologie in alle Kinder- und Wohnzimmer eingezogen ist ? Als analoges Speichermedium von Musik hat die Schallplatte ausgedient. Sie verdankt ihr Weiterleben einzig und allein dem Plattenspieler als Instrument. Die Erklärung dafür kann nicht nur im Instrument gesucht werden, sondern sie hat ihren Grund in einer komplexen technischen Lage. Diese Lage hat mit Geschichte im Sinn von Trägheit zu tun. Ein System, das sich einmal eingespielt hat, wird nicht sofort ersetzt, wenn es ein technisch besseres gibt. Spätestens seit technische Medien Wahrnehmungsschwellen unterlaufen, können Verbesserungen der Klangtreue kein Durchsetzungskriterum mehr sein. High-Fidelity markiert schon ein Ende, alles dahinter ist Fiktion, "High End". Weil Klangverbesserung zu vernachlässigen ist, setzen sich technisch avanciertere digitale Klangquellen als Instrumente nicht durch. Was bei Instrumenten zählt, ist die Handhabbarkeit. Es gibt noch kein digitales Instrument, das der Hand einen vergleichbaren Zugriff bietet wie der Plattenspieler. Diese Situation erscheint um so absurder, als praktisch alle gespeicherte Musik bereits auf dem digitalen Standard produziert, gemastert und abgemischt wird. Zu der Knappheit der Handhabung tritt eine Knappheit an der Schnittstelle. Digitale Produktionsinstrumente werden seit 1983 über die MIDI-Schnittstelle koordiniert. Der MIDI-Standard erlaubt zwar, alle möglichen elektronischen Instrumente zu takten, aber bereits bei seiner Normierung im Jahr 1983 stellte er einen Kompromiß auf niedrigem technischem Standard dar. Die Kanalbreite ist auf 31250 Bit/Sekunde beschränkt. Eine einzelne MIDI-Nachricht setzt sich aus drei Komponenten (Kanal- Ton - Stärke) à 8 Bit zusammen. Ein Ton kostet mit Ein- und Aussschalten zwei derartige Ereignisse. Über MIDI sind also etwa 600 Töne pro Sekunde codierbar. Eine 20stimmige Orchesterpartitur erreicht bei einer Zeitgenauigkeit von 32 pro Sekunde eine Kanalbreite von 320 Tonereignissen pro Sekunde, auch wenn diese nie voll ausgenutzt wird. Die MIDI-Schnittstelle bewegt sich damit in der Größenordnung klassischer Sequenzierungstechniken. Sie ist folglich auf Interpretation genauso angewiesen, wie die Notation auf Notenpapier. Es gibt etliche Stellen, die unter dem Regime von MIDI produzierte Musik interpretieren, so etwa der Sounddesigner oder Toningenieur am Mischpult. Die einzige Stelle, an der sie in Echtzeit manipuliert wird, ist aber der Plattenspieler. Zweifellos ist der MIDI-Standard nicht der einzige Grund für den Fortbestand des Plattenspielers als Instrument, aber es ist unschwer vorherzusagen, daß mit der Durchsetzung einer differenziert handhabbaren digitalen Schnittstelle die Tage des Plattenspielers gezählt sein dürften.


Interview mit DJ Bleed (Sascha Kösch)

DJ Bleed legt seit 1990 auf, zur Zeit Drum&Bass. Er ist im Toaster und im Sexyland in Berlin regelmäßig zu hören. Neben seiner Tätigkeit als DJ arbeitet er redaktionell beim Techno-Magazin "Frontpage" und schreibt Plattenkritiken.

Bleed: Daß ein DJ nichts anderes tut als Platten aufzulegen, wie du schreibst, stimmt nicht ganz. Ich habe schon oft genug auf den Plattenteller oder das Gehäuse geklopft. Das ergibt einen ziemlich unvariablen Basston. Wenn man eine Passage hat, die nicht rhythmusbetont ist, und man möchte gern trotzdem einen Rhythmus haben, ist das die allereinfachste Methode. Aber man macht es selten. Die meisten Sachen macht man selten.
S: Wo lernt man, was man macht ?
B: Beim Ausprobieren. Man kann es auch abgucken, aber das machen nicht so viele.
S: Das heißt man kauft sich den Plattenspieler und fängt an zu üben. Wie kontrolliert man seine Übungen ?
B: Man macht Tapes davon. Und vergleicht es mit dem, was man haben wollte.
S: Welche sind die Anfängerfehler ?
B: Der Hauptfehler ist, das Timing nicht hinzubekommen. Das heißt nicht richtig einpitchen zu können. Einpitchen heißt, die Geschwindigkeit anzugleichen. Man arbeitet nicht nur mit dem Regler (9), sondern auch mit dem Center Spindle (3). Da es extrem schwergängig ist, kann man durch eine große Bewegung einen minimalen Tempounterschied erreichen. Es geht dann darum, zeitversetzte Tracks aneinander ranzuholen. Es wird benutzt, wenn man glaubt, das Tempo stimmt mehr oder weniger. Es stimmt eh nie ganz genau, weil das nicht geht. Manchmal stubst man die Schallplatte auch ein bißchen an. Gerne da, wo nicht die Rillen sind, sonst macht man die Platte unnötig ganz schmutzig. Oder man nimmt den Zeigefinger und legt ihn auf die Strobedots (5) und bremst die Platte ab.
S: Wie kontrolliert man das ?
B: Im Normalfall sind das Sachen, die man nicht über den Kopfhörer macht. Die hört man über Lautsprecher.
S: Das hörst du live mit ?
B: Ja.
S: Wenn ein DJ gut einpitchen kann, kann er dann schon DJ spielen ?
B: Kann er natürlich. Er kann auch DJ spielen, wenn er nicht gut einpitchen kann. Er kann immer DJ spielen, Hauptsache er bekommt die Möglichkeit aufzulegen. Letztlich zählt nicht nur das Einpitchen, sondern auch das Finden einer Abfolge von Stücken oder von Teilen von Stücken. Darüber kann man nicht mehr auf eine technische Art und Weise diskutieren.
S: Worin unterscheidet sich ein guter DJ von einem schlechten ?
B: Durch das, was er auflegt und wie er es auflegt.
S: Was nimmt ein DJ mit, um aufzulegen ?
B: Schallplatten und Kopfhörer.
S: Die Matte nicht ?
B: Selten.
S: Auf wie viele Platten greifst du für einen Abend zurück ?
B: Das ist ganz schwer zu sagen. Es kommt drauf an, wie sehr man sein Set plant. Je weniger man es plant, desto mehr Schallplatten nimmt man mit.
S: Ein Set planen ist dann so etwas wie eine Komposition zu machen ?
B: Im Grund ja. Das machen gerne Leute, die anfangen, weil sie sich dann am sichersten fühlen. Mit Sachen, die sie vorher schon zu Hause geübt haben. Es gibt wirklich Leute, die spielen das gleiche Set fünf Monate hintereinander.
S: Was heißt "das gleiche" ?
B: Die gleichen Platten in der gleichen Reihenfolge.
S: Woher wissen sie die Reihenfolge.
B: Die haben sie auswendig gelernt. Es gibt auch Leute, die haben Zettel dabei. Und es gibt Leute die spielen das einfach so. Die wissen, zu der Platte paßt diese Platte ganz hervorragend. Like A Tim hatte jetzt fünf Auftritte in Berlin, und er hatte sich vorgenommen, die gleichen 17 Platten jedesmal in der gleichen Reihenfolge hintereinander zu spielen.
S: Und ?
B: Hat er nicht gemacht. Er hat nach dem dritten Mal aufgegeben.
S: Was übt man, wenn man zu Hause übt ?
B: Man probiert zu Hause. Man testet. Ich habe heute zum Beispiel eine Stunde lang mit Benjamin an Plattenspieler und Mixer rumgespielt. Von rechts den Crossfader rüberziehen nach links, die Platte anhalten, und versuchen, nach einer kurzen Pause wieder an einer Stelle zu sein, die Sinn macht.
S: Wie gelangt man schnell zu einer Stelle in der Platte ?
B: Nicht indem man den Tonarm bewegt, sondern indem man die Platte zurückzieht.
S: Den Tonarm zu bewegen heißt immer so etwas wie ein Zufallssprung in die Schallplatte ?
B: Das macht man nicht.
S: Wie suchst du eine Stelle in der Schallplatte ?
B: Man sieht die Rille an und weiß, was an welcher Stelle passiert.
S: Wie genau trifft man ?
B: Ein paar Takte daneben.
S: Und dann ?
B: Im Normalfall hält man die Schallplatte dann an. Dann bringt man beide auf gleiche Geschwindigkeit. Man bringt sie oft an anderen Stellen auf gleiche Geschwindigkeit, als an denen, die man hinterher spielt. Weil man sie an anderen Stellen manchmal besser hört. Man pitcht beim Beat ein und nicht bei Flächen, klar.
S: Was wird durch direkte Berührung der Schallplatte gemacht? Scratchen hört man ja mittlerweile selten.
B: Doch das gibt es immer noch. Beim HipHop sowieso. Ein HipHop-DJ, der nicht scratchen kann, sollte sich auf keiner HipHop -Party sehen lassen. Das gleiche gilt für Elektro.
S: Was ist wichtig beim Scratchen ?
B: Scratchen heißt, etwas rhythmisch immer wieder zu spielen, in verschiedenen Tempi, an verschiedenen Stellen, in verschiedenen Rhythmen, vorwärts, rückwärts. Die Koordination der einzelnen Stücke ist das Wichtigste. Das heißt, im Tempo zu bleiben und einen Rhythmus zu finden. Es gibt auch ganze Platten mit Scratches drauf. Hundert kleine Sounds, nur noch da, um gescratcht zu werden.
S: Ist scratchen schwieriger als einpitchen ?
B: Eigentlich ja.
S: Sind die bekannten DJ auch die, die technisch besonders gut sind ?
B: Nein. Es gibt wenig sehr bekannte DJs, die technisch besonders gut sind. Bei HipHop ist alles ein bißchen anders. DJs, die da sehr bekannt sind, können es meistens auch. Nicht immer, aber meistens.
S: Woran erkennt man dann, daß jemand gut auflegt ? Gibt es da Kriterien ?
B: Eigentlich nicht. Es kann sein, das jemand ein großartiges DJ-Set macht und es tanzt trotzdem keiner. Man kann das nicht so einfach sagen.
S: Gibt es eine Form, darüber zu reden ?
B: Klar. Man kann sich eben darauf einigen, daß das Set von dem und dem an dem und dem Abend extrem gut war. Das finden dann mehrere Leute und man redet auch darüber, warum man es gut fand.
S: Worüber redet man ?
B: Welcher Track an welcher Stelle kommt oder wie welcher Track an welcher Stelle kam. Man redet auch gerne nicht abhängig vom DJ darüber.
S: Gibt es denn große stilistische Unterschiede zwischen den einzelnen Richtungen ?
B: Es gibt auch stilistische Unterschiede innerhalb der einzelnen Stilrichtungen von Musik. Es gibt Leute, die scratchen bei Techno. Pete zum Beispiel scratcht gerne. Er spielt gerne zwei gleiche Platten, die er dann zueinander in einen anderen Takt bringt und scratcht.
S: Kannst du einen DJ an seinem Stil, mit Platten umzugehen, erkennen?
B: Leute die man oft hört, die man gut kennt, schon.
S: Wieviel Zeit verbringt ein DJ im Plattenladen ?
B: Also zweimal die Woche geht man normalerweise schon in den Plattenladen.
S: Und wieviel Geld wird man da los ?
B: Alles was man hat. Man läßt soviel Geld da, soviel man gerade dafür hat. Was auch alles ein kann.
S: Seit DJs Platten auflegen, hat sich der Inhalt der Platten massiv verändert. Was hat sich da getan ?
B: Zum einen, daß DJ-Musik normalerweise computergeneriert wird. Das heißt, es ist Musik , die einen durchgängigen Takt hat. Es gibt auch Platten mit 60 oder 100 Sounds auf Endlosrillen. Oder Beat-Platten, auf denen sind zum Beispiel zehn Beats drauf.
S: Kommen wir zu dem Dreieraufbau. Der Standard ist immer zwei Schallplattenspieler und ein Mischpult. Ist der Plattenspieler ein Standardmodell ?
B: Der ist totaler Standard. Jeder hat den Plattenspieler. Es gibt nur schlechte Nachbauten.
S: Bei den Mischpulten, gibt es da auch ein Standardinstrument ?
B: Leider nicht. Das Mischpult ist immer der Bug im System. Und zwar genau deswegen, weil es da keinen Standard gibt.
S: Ist es absehbar, daß es ein Interface gibt, das den Plattenspieler ablöst ?
B: Da fehlt hauptsächlich noch das Tonträger-Medium dafür. Das ist eher das Problem. Jetzt hat man den Tonträger CD. Damit kann letztlich nicht vielmehr machen als mit einer Schallplatte. Im Grund eigentlich eher weniger.


Technics Turntable System SL-1200MK2 SL-1210MK2. Operating Instructions. Osaka, ohne Jahresangabe. S.14.


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