Tloen, Uqbar, Orbis Tertius


von jorge luis borges

Ich verdanke der Konjunktion eines Spiegels und einer Enzyklopaedie die Entdeckung Uqbars. Der Spiegel beunruhigte das Ende eines Ganges in einem Landhaus der Calle Gaona in Ramos Mejia; die Enzyklopaedie nennt sich faelschlich The Anglo-American Cyclopaedia (New York, 1917) und ist ein wortgetreuer, wenn auch saumseliger Nachdruck der Encyclopaedia Britannica von 1902. Der Vorfall ereignete sich vor etwa fuenf Jahren. Bioy Casares hatte an diesem Abend mit mir zusammen gespeist, und es war zwischen uns zu einem langwierigen Streitgespraech ueber die Ausarbeitung eines Ich-Romans gekommen, dessen Erzaehler Tatsachen auslassen oder entstellen und sich in verschiedenerlei Widersprueche verwickeln sollte, wodurch ein paar wenigen Lesern - ganz wenigen Lesern allerdings - die Ahnung einer grausamen oder trivialen Wirklichkeit aufgehen sollte. Vom entfernten Ende des Ganges her belauerte uns der Spiegel. Wir entdeckten (in tiefer Nacht ist diese Entdeckung unvermeidlich), dass Spiegel etwas Schauerliches an sich haben. Daraufhin erinnerte sich Bioy Casares, dass einer der Haeresiarchien von Uqbar erklaert hatte, die Spiegel und die Paarung seien abscheulich, weil sie die Zahl der Menschen vervielfachen. Ich fragte ihn nach der Herkunft dieser denkwuerdigen Sentenz, und er antwortete mir, dass The Anglo-American Cyclopaedia sie in ihrem Artikel ueber Uqbar anfuehre. In dem Landhaus (das wir moebliert gemietet hatten) befand sich ein Exemplar dieses Werkes. Auf den letzten Seiten von Band XLVI stiessen wir auf einen Artikel ueber Upsala; auf den ersten Seiten von XLVII auf einen ueber Ural-Altaic Languages, aber kein Wort ueber Uqbar. Bioy, ein bisschen bestuerzt, sah in den Index-Baenden nach. Vergebens probierte er es mit allen irgend denkbaren Lesarten: Ukbar, Ucbar, Ooqbar, Ookbar, Oukbahr ...Vor dem Weggehen sagte er zu mir, es sei das eine Landschaft im Irak oder in Kleinasien. Ich muss gestehen, dass ich mit leisem Unbehagen zustimmte. Ich mutmasste, dass dieses unbezeugte Land und dieser anonyme Haeresiarch eine von dem bescheidenen Bioy improvisierte Fiktion zur Rechtfertigung seines Ausspruchs seien. Die ergebnislose Durchsicht eines der Atlanten von Perthes bestaerkte mich in meiner Vermutung.
Am folgenden Tag rief Bioy mich aus Buenos Aires an. Er sagte zu mir, der Artikel ueber Uqbar liege vor ihm, und zwar stehe er in Band XLVI der Enzyklopaedie. Der Name des Haeresiarchen stehe nicht fest, wohl aber sei der Vermerk ueber seine Lehre fast wortgenau so formuliert, wie er sie wiedergegeben habe, wenn auch - vielleicht - literarisch schwaecher. Er hatte sie so im Kopf gehabt: Copulation and mirrors are abominable. Der Wortlaut der Enzyklopaedie besagte: »Fuer einen dieser Gnostiker war die sichtbare Welt eine Illusion oder (genauer gesagt) ein Sophismus. Der Spiegel und die Vaterschaft sind abscheulich (mirrors and fatherhood are abominable), weil sie jene vervielfaeltigen und in Umlauf bringen.« Ich sagte ihm, ohne mich an der Wahrheit zu vergehen, dass ich diesen Artikel gern sehen moechte. Innerhalb weniger Tage brachte er ihn her. Das ueberraschte mich um so mehr, als die gewissenhaften Kartographischen Indices der Erdkunde von Ritter in voelliger Unkenntnis des Namens Uqbar befangen waren.
Der Band, den Bioy brachte, war tatsaechlich Band XLVI der Anglo-American Cyclopaedia. Die alphabetische Angabe (Tor-Ups) auf dem Schutzumschlag und dem Buchruecken war dieselbe wie bei unserem Exemplar, doch statt aus 917, bestand es aus 921 Seiten. Diese vier zusaetzlichen Seiten enthielten den Artikel ueber Uqbar; in der alphabetischen Angabe (wie der Leser bemerkt haben wird) war er nicht beruecksichtigt. Spaeterhin stellten wir fest, dass zwischen den Baenden sonst kein Unterschied besteht. Beide (wie ich angedeutet zu haben glaube) sind Nachdrucke der zehnten Encyclopaedia Britannica. Bioy hatte sein Exemplar bei einer von zahlreichen Versteigerungen erworben.
Wir lasen den Artikel recht gewissenhaft; die Stelle, an die Bioy sich erinnert hatte, war wohl die einzige ueberraschende. Alles uebrige mutete recht wahrscheinlich an und war vortrefflich auf den allgemeinen (selbstredend ein bisschen langweiligen) Ton des Werkes abgestimmt. Als wir ihn ein zweites Mal lasen, stellten wir hinter seiner streng sachlichen Schreibweise eine grundlegende Verschwommenheit fest. Von den vierzehn Namen, die im geographischen Teil vorkamen, erkannten wir nur drei wieder: - Jorasan, Armenien, Erzerum -, die auf zweideutige Art in den Text eingeschmuggelt waren. Von den historischen Namen nur einen einzigen, den des betruegerischen Zauberers Esmerdis, auf den jedoch mehr metaphorisch Bezug genommen wurde. Die Stichworterklaerung schien die Grenzen Uqbars zu umreissen, jedoch ihre nebelhaften Beziehungspunkte waren Fluesse und Bergketten des Gebietes selber. So lasen wir zum Beispiel: dass die Tiefebenen von Tsai Jaldun und das Delta des Axa die Suedgrenze bilden und dass auf den Inseln dieses Deltas die Wildpferde sich fortpflanzen. So am Anfang von Seite 918. Dem geschichtlichen Abschnitt (Seite 920) entnahmen wir, dass bei Ausbruch der religioesen Verfolgungen im 13. Jahrhundert die Rechtglaeubigen auf den Inseln Zuflucht suchten, wo sich ihre Obelisken bis heute erhalten haben und wo man im Boden nicht selten auf ihre steinernen Spiegel stoesst. Der Abschnitt Sprache und Literatur war knapp gehalten. Ein einziger bezeichnender Charakterzug; es war angemerkt, dass die Literatur Uqbars phantastischer Art sei und dass ihre Epen und ihre Legenden sich nie auf die Wirklichkeit bezoegen, sondern auf die beiden Phantasiereiche Mlejnas und Tloen... Die Bibliographie zaehlte vier Buecher auf, die wir bis heute nicht ausfindig gemacht haben, obwohl das dritte - Silas Hailam
(1) History of tbe land called Uqbar, 1874 - in den Katalogen der Buchhandlung Bernard Quaritch aufgefuehrt ist. Das erste: Lesbare und lesenswerthe Bemerkungen ueber das Land Ukkbar in Klein-Asien, stammt von 1641 und ist ein Werk von Johannes Valentinus Andreae. Ein bemerkenswerter Umstand; ein paar Jahre danach stiess ich in den Schriften von De Quincey (Writings, dreizehnter Band) unvermutet auf diesen Namen und erfuhr, dass ein deutscher Theologe so heisse, der zu Beginn des 17. Jahrhunderts die imaginaere Gemeinschaft der Rosenkreutzer beschrieb - die andere daraufhin gruendeten, indem sie seinen vorausschauenden Entwurf nachahmten.
Noch in derselben Nacht begaben wir uns in die Biblioteca Nacional. Umsonst schlugen wir Atlanten, Kataloge, Jahrbuecher geographischer Gesellschaften, Memoiren von Reisenden und Geschichtsschreibern nach: niemand war je in Uqbar gewesen. Ebensowenig verzeichnete der Hauptindex der Enzyklopaedie Bioys diesen Namen. Am folgenden Tag entdeckte Carlos Mastronardi (dem ich die Sache unterbreitet hatte) in einer Buchhandlung in Corrientes y Talcahuano die schwarzen, in Gold gepressten Baende der Anglo-American Cyclopaedia... Er ging hinein und sah in Band XLVI nach. Selbstverstaendlich fand er nicht den geringsten Hinweis auf Uqbar.


II


Ein Rest verblassender Erinnerung an Herbert Ashe, Ingenieur der Sued-Eisenbahnen, haelt sich noch im Landhaus Adrogué unter dem ueppigen Geissblatt und in der wahnhaften Tiefe der Spiegel. Im Lauf seines Lebens krankte er, wie viele Englaender, an Unwirklichkeit; als Toter ist er nicht einmal das Phantasma, das er damals war. Er war gross und schlaksig, und sein ermuedeter rechteckiger Bart war einmal rot gewesen. Soviel ich weiss, war er ein kinderloser Witwer. Alle paar Jahre ging er nach England, um (wie ich aus Fotografien schliesse, die er uns zeigte) mit einer Sonnenuhr und ein paar Eichen Wiedersehen zu feiern. Mein Vater hatte mit ihm eine jener englischen Freundschaften geschlossen (das Verb sagt schon zuviel), die mit Ausschaltung jeder
Vertraulichkeit anfangen und das Zwiegespraech sehr bald weglassen. Sie unterhielten gewohnheitsmaessig einen Austausch von Buechern und Zeitungen; sie pflegten sich am Schachbrett schweigsam zu messen ... Ich sehe ihn noch auf einem Gang der Villa mit einem Mathematikbuch in der Hand, wie er hie und da den unwiederbringlichen Farben des Himmels einen Blick schenkte. Eines Nachmittags sprachen wir vom Zwoelfzahlensystem (bei dem die Zwoelf als 10 geschrieben wird). Ashe sagte, er sei eben dabei, irgendwelche Zwoelfertafeln in Sechsertafeln zu uebertragen (bei denen Sechzig als 10 geschrieben wird). Er fuegte hinzu, ein Norweger habe ihm diese Arbeit aufgetragen: in Rio Grande do Sul. Acht Jahre kannten wir ihn schon, und nie hatte er seinen Aufenthalt in dieser Gegend erwaehnt... Wir sprachen vom Hirtenleben, von capangas, von der brasilianischen Etymologie des Wortes gaucho (das ein paar alte Ostleute Uruguays noch heute gaticho aussprechen), und von Zwoelferfunktionen - Gott verzeih mir - war nicht mehr die Rede. Im September 1937 (wir waren damals nicht im Landhaus) starb Herbert Ashe an einem Pulsaderriss. Ein paar Tage vorher hatte er aus Brasilien ein versiegeltes Wertpaket zugeschickt bekommen. Es war ein Buch in Gross-Oktav. Ashe liess es in der Bar liegen, wo ich es - Monate spaeter - fand. Ich begann darin zu blaettern und verspuerte einen leichten Schwindel der Bestuerzung, den ich nicht schildern werde, weil dies hier nicht die Geschichte meiner Empfindungen, sondern die von Uqbar und TIoen und Orbis Tertius ist. Der Islam kennt eine Nacht, genannt die Nacht der Naechte: da tun sich die geheimen Tueren des Himmels sperrangelweit auf, und suesser ist das Wasser in den Kruegen; wenn diese Tueren aufgingen, so wuerde ich nicht fuehlen, was ich an diesem Abend fuehlte. Das Buch war in englischer Sprache verfasst und bestand aus 1001 Seiten. Auf dem gelben Lederruecken las ich die folgenden seltsamen Worte, die sich auf dem Vorsatzblatt wiederfanden: A first Encyclopaedia of Tioen, Vol. XI, Hlaer to Jangr. Erscheinungsort und -jahr waren nirgends angegeben. Auf der ersten Seite und auf einem Deckblatt aus Seidenpapier, das eine der Farbtafeln schuetzte, war ein blaues Oval eingedruckt mit der Inschrift: Orbis Tertius. Zwei Jahre war es her, seit ich in einem gewissen Band einer gewissen raubmaessig gedruckten Enzyklopaedie die summarische Beschreibung eines falschen Landes entdeckt hatte; jetzt bescherte mir der Zufall etwas weit Kostbareres und Anspruchsvolleres. Jetzt hielt ich ein ausfuehrliches, methodisch abgefasstes Bruchstueck der Gesamtgeschichte eines unbekannten Planeten in Haenden, mit seinen Bauwerken und seinen Zwistigkeiten, dem heiligen Schrecken seiner Mythologien und dem Geraun seiner Sprachen, mit seinen Kaisern und seinen Meeren, mit seinen Mineralien und seinen Voegeln und seinen Fischen, mit seiner Algebra und seinem Feuer, mit seiner theologischen und metaphysischen Widertraechtigkeit. Dies alles gegliedert, zusammenhaengend, ohne ersichtliche Lehrabsicht oder parodistische Faerbung.
Im »elften« Band, von dem ich spreche, finden sich Anspielungen auf folgende und vorangehende Baende. Nestor Ibarra hat in seinem heute bereits klassischen Aufsatz in der N. R. F. in Abrede gestellt, dass diese Zusatzbaende existieren; Ezequiel Martinez Estrada und Drieu La Rochelle haben diesen Zweifel - vermutlich siegreich - widerlegt. Tatsache ist, dass die gewissenhaftesten Nachforschungen bis heute fruchtlos geblieben sind. Vergebens haben wir die Bibliotheken der beiden Amerika und Europas durchstoebert. Alfonso Reyes, ueberdruessig dieser untergeordneten Detektivarbeit, schlaegt vor, wir sollten uns alle zusammentun und die Rekonstruktion der vielen dickleibigen Baende, die fehlen, in Angriff nehmen: ex ungue leonem. Er berechnet halb im Ernst, halb im Spass, dass eine Generation von Tloenisten ausreichen duerfte. Dieser gewagte Voranschlag fuehrt uns auf das Grundproblem zurueck: Welche Leute haben TIoen erfunden? Die Mehrzahl ist unerlaesslich, weil die Hypothese eines einzigen Erfinders - eines unendlichen in Schatten und Bescheidenheit wirkenden Leibniz - einhellig verworfen worden ist. Man vermutet, dass diese brave new world das Werk
einer Geheimgesellschaft von Astronomen, Biologen, Ingenieuren, Metaphysikern, Dichtern, Chemikern, Algebrakundigen, Moralisten, Malern und Geometern gewesen ist -unter der Leitung eines im Dunkel gebliebenen Genies. Einzelpersoenlichkeiten, die diese verschiedenen Disziplinen beherrschen, gibt es zwar in Menge, aber keine Erfindungsbegabten und erst recht keine, die begabt sind, die Erfindung einem strengen systematischen Plan unterzuordnen. Dieser Plan ist so weit gespannt, dass der Beitrag jedes einzelnen Mitarbeiters verschwindend klein ist. Anfangs war man der Ansicht, Tloen sei ein blosses Chaos, eine unverantwortliche Ausgeburt freier Phantasie; heute weiss man, dass es ein Kosmos ist, und die verborgenen Gesetze, die ihn durchwalten, sind, wenn auch nur provisorisch, formuliert worden. Der Hinweis mag genuegen, dass die anscheinenden Widersprueche im elften Band der beweiskraeftige Pruefstein dafuer sind, dass es die anderen geben muss, so durchaus klar und richtig ist die Ordnung, die man hier festgestellt hat. Die populaeren Zeitschriften haben sich verzeihlicherweise bemuessigt gefuehlt, die Zoologie und Topographie von TIoen unter die Leute zu bringen; ich meine jedoch, dass seine durchsichtigen Tiger und seine Bluttuerme nicht die fortwaehrende Aufmerksamkeit aller Menschen verdienen. Ich bin so kuehn, fuer seine Weltanschauung fuer ein paar Minuten um Gehoer zu bitten.
Hume hat ein fuer allemal festgestellt, dass die Argumente von Berkeley nicht die geringste Erwiderung zuliessen und nicht die geringste Ueberzeugung hervorriefen. Dieses Urteil ist, wenn man es auf die Erde anwendet, durchaus wahr, dagegen ganz und gar falsch in bezug auf TIoen. Die Voelker dieses Planeten sind - von Geburt an - Idealisten. Ihre Sprache und was aus dieser Sprache folgt - die Religion, die Literatur, die Metaphysik - setzen den Idealismus voraus. Die Welt ist fuer sie nicht ein Zusammentreffen von Gegenstaenden im Raum; sie ist eine herkunftsmaessig verschiedene Reihenfolge unabhaengiger Handlungen. Sie ist sukzessiv, zeitlich, nicht raeumlich. Die erschlossene Ursprache Tloens, von der die »heutigen« Idiome und Dialekte herstammen, kennt keine Dingwoerter; es gibt unpersoenliche Verben, die durch einsilbige Suffixe (oder Praefixe) adverbieller Art naeher bestimmt werden. Zum Beispiel: es gibt kein Wort, das dem Wort »Mond« entspricht, aber es gibt ein Verbum, das im Lateinischen »lunare« oder bei uns »monden« lauten wuerde. Der Mond ging ueber dem Fluss auf lautet: bloer u fang axaxas mloe oder in genauer Wortfolge: Empor hinter dauer-fliessen mondet'es (Xul Solar uebersetzt in knapper Form: upa tras perfluyue lunoe. Upward, behind the onstreaming it mooned).
Das eben Gesagte gilt fuer die Sprachformen der suedlichen Hemisphaere. In denen der noerdlichen Hemisphaere (ueber deren Ursprache der elfte Band nur sehr geringe Angaben enthaelt) ist die urspruengliche Keimzelle nicht das Verb, sondern das einsilbige Adjektiv. Das Substantiv wird durch Haeufung von Adjektiven gebildet. Man sagt nicht: Mond, man sagt: luftig-hell auf dunkel-rund oder orangehimmelscheinend oder irgendeine andere Wortfuegung. In dem angefuehrten Fall entspricht die Menge der Adjektive einem wirklichen Gegenstand; der Umstand ist rein zufaellig. In der Literatur dieser Hemisphaere (wie in der noch bestehenden Welt von Meinong) kommen ideale Gegenstaende in Fuelle vor; je nach poetischer Notwendigkeit werden sie in einem Nu berufen und aufgeloest. Manchmal ist die blosse Gleichzeitigkeit fuer sie bestimmend. Es gibt Gegenstaende, die aus zwei Begriffen zusammengesetzt sind, von denen der eine sichtbar, der andere hoerbar ist: die Farbe des Sonnenaufgangs und der ferne Ruf eines Vogels. Es gibt sie von vielen Dingen: die Sonne und das an die Brust des Schwimmers schlagende Wasser, das pulsierende Rot, das man bei geschlossenen Augen sieht, das Gefuehl eines Menschen, der sich von einem Strom, zugleich aber von einem Traum davontreiben laesst. Diese Gegenstaende zweiten Grades koennen mit anderen kombiniert werden; der Prozess ist, mit Hilfe gewisser Abkuerzungen, praktisch unbegrenzt. Es gibt beruehmte Gedichte, die aus einem einzigen Wort-Ungeheuer bestehen. Dieses Wort verkoerpert einen vom Autor geschaffenen poetischen Gegenstand. Die Tatsache, dass niemand an die Realitaet der Substantive glaubt, hat paradoxerweise zur Folge, dass ihre Zahl unbegrenzt ist. Die Idiome der noerdlichen Hemisphaere von Tloen besitzen saemtliche Nomina der indoeuropaeischen Sprachen - und viele andere mehr.
Es ist nicht uebertrieben zu behaupten, das die klassische Kultur von Tloen eine einzige Disziplin umfasst: die Psychologie. Die anderen sind ihr untergeordnet. Ich habe gesagt, dass die Menschen dieses Planeten die Welt als eine Folge geistiger Vorgaenge auffassen, die sich nicht im Raum, sondern nacheinander in der Zeit abspielen. Spinoza legt seiner unerschoepflichen Gottheit die Ausdehnung und das Denken als Attribute bei; kein Mensch in Tloen wuerde die Verschraenkung des ersten Attributs (das lediglich fuer gewisse Zustaende typisch ist) mit dem zweiten einsehen, das ein deutungsgleiches Synonym fuer den Kosmos ist. In anderen Worten gesagt: sie sehen nicht ein, dass das Raeumliche in der Zeit fortdauern soll. Die Wahrnehmung eines Rauchgewoelks am Horizont und danach der brennenden Steppe und danach der halberloschenen Zigarre, die das Brennen hervorbrachte, wird als ein Beispiel von Gedankenassoziation gewertet. Dieser totale Monismus oder Idealismus setzt die Wissenschaft ausser Kraft. Eine Tatsache erklaeren (oder beurteilen) heisst ja, sie mit anderen verbinden; diese Verknuepfung gilt in Tloen als ein spaeterer Zustand des Subjekts, der den vorhergehenden Zustand weder affizieren noch erklaeren kann. Jeder geistige Zustand ist nicht reduzierbar; die blosse Tatsache, ihn zu benennen - id est zu klassifizieren - bedingt eine Verfaelschung. Hieraus sollte man den Schluss ziehen, dass es in Tloen keine Wissenschaft - ja nicht einmal Ueberlegungen gebe. In Wahrheit gibt es sie paradoxerweise, und zwar in nahezu unbegrenzter Zahl. Den Philosophen ergeht es genauso wie den Substantiven in der noerdlichen Hemisphaere. Der Umstand, dass jede Philosophie von vornherein ein dialektisches Spiel, eine Philosophie des Als Ob ist, hat zu ihrer Vervielfaeltigung beigetragen. Es wimmelt von unglaublichen Systemen, deren Aufbau jedoch ansprechend oder aufsehenerregend ist. Die Metaphysiker in Tloen suchen nicht die Wahrheit, ja nicht einmal die Wahrscheinlichkeit: sie suchen das Erstaunen. Sie sind der Auffassung, dass die Metaphysik ein Zweig der phantastischen Literatur ist. Sie wissen, dass ein System in nichts anderem besteht als in der Unterordnung aller Aspekte des Universums unter irgendeinen von ihnen. Sogar die Bezeichnung »alle Aspekte« ist zu verwerfen, da sie die unmoegliche Addition des gegenwaertigen Augenblickes und der vergangenen voraussetzt. Unzulaessig ist aber auch der Plural »die vergangenen«, weil er einen anderen ebenso unmoeglichen Denkschritt voraussetzt ... Eine der Schulen von Tloen kommt zur Leugnung der Zeit; sie stellt die Ueberlegung an, dass die Gegenwart undefiniert ist, dass die Zukunft nur als gegenwaertige Hoffnung Wirklichkeit hat, dass die Vergangenheit nur als gegenwaertige Erinnerung Wirklichkeit hat
(2). Eine andere Schule behauptet, dass bereits die ganze Zeit abgelaufen ist und dass unser Leben nur die nachdaemmernde Erinnerung oder der unzweifelhaft verfaelschte und verstuemmelte Widerschein eines unwiederbringlichen Vorganges ist. Eine andere, dass die Geschichte der Welt - und darin unser Leben und die geringfuegigste Einzelheit unseres Lebens - die Niederschrift einer untergeordneten Gottheit ist, die sie zur Verstaendigung mit einem Teufel benutzt. Eine andere, dass die Welt mit jenen Kryptogrammen zu vergleichen ist, in denen nicht alle Zeichen gueltig sind, und dass Wahrheit nur das ist, was alle dreihundert Naechte geschieht. Eine andere, dass, waehrend wir hier schlafen, wir woanders wach sind, und dass so jeder Mensch zwei Menschen ist.
Unter den Lehren Tloens hat keine so grossen Anstoss erregt wie der Materialismus. Einige Denker haben ihn nicht so sehr klar als mit leidenschaftlichem Eifer so formuliert, wie man ein Paradox vortraegt. Um diese unbegreifliche These dem Verstaendnis naeherzubringen, ersann im 11. Jahrhundert ein Haeresiarch das Sophisma von den neun Kupfermuenzen, das ob seiner Anstoessigkeit in Tloen so beruechtigt ist wie bei uns das von den Aporien der Eleaten. Von dieser »spitzfindigen Beweisfuehrung« gibt es viele Versionen, in denen die Zahl der Muenzen und die Zahl der Funde Abwandlungen unterliegen; ich lasse hier die gelaeufigste folgen:
Am Dienstag ueberquert X einen menschenleeren Weg und verliert neun Kupfermuenzen. Am Donnerstag findet Y auf dem Weg vier Muenzen, die der Regen vom Mittwoch ein wenig geschwaerzt hat. Am Freitag entdeckt Z drei Muenzen auf dem Weg. Am Freitag morgen findet X zwei Muenzen im Flur seines Hauses. Der Haeresiarch wollte aus dieser Geschichte die Realitaet - id est die Kontinuitaet - der neun wiedererlangten Kupfermuenzen deduzieren. Es ist absurd sich vorzustellen (bekraeftigte er), dass vier der Muenzen zwischen Dienstag und Donnerstag, drei zwischen Dienstag und Freitag nachmittag, zwei zwischen Dienstag und Freitag frueh nicht existiert haben - sei es auch auf eine geheime, dem Begreifen des Menschen verschlossene Art - in saemtlichen Augenblicken dieser drei Zeitspannen.
Die Sprache von TIoen widersetzte sich der Formulierung dieses Paradoxes; die meisten verstanden es ueberhaupt nicht. Die Verfechter des gesunden Menschenverstandes beschraenkten sich anfangs darauf, der Anekdote jeden Wahrheitsgehalt abzusprechen. Sie hoben wiederholt hervor, es handle sich um eine sprachliche Taeuschung, beruhend auf der tollkuehnen Verwendung zweier durch den
allgemeinen Gebrauch nicht autorisierter und jedem strengen Denken fernstehender Neologismen: der Verben »finden« und »verlieren«, die insofern eine petitio principii beinhalteten, als sie die Identitaet der neun ersten und der neun letzten Muenzen voraussetzten. Sie gaben zu bedenken, dass jedes Substantiv (Mensch, Muenze, Donnerstag, Mittwoch, Regen) nur einen metaphorischen Wert hat. Sie wiesen auf den erschlichenen Nebenumstand hin: die der Regen vom Mittwoch ein bisschen geschwaerzt hatte, der voraussetzt, was erst bewiesen werden soll: die Andauer der Muenzen zwischen dem Donnerstag und dem Dienstag. Sie erklaerten, dass Gleichheit etwas anderes ist als Identitaet und formulierten eine Art reductio ad absurdum an Hand eines hypothetischen Falles: neun Menschen erleiden in neun aufeinanderfolgenden Naechten einen heftigen Schmerz. Waere es nicht laecherlich zu behaupten, so fragen sie, dass dieser Schmerz ein und derselbe ist
(3)? Sie sagten, den Haeresiarchen habe lediglich das laesterliche Vorhaben getrieben, der goettlichen Kategorie Sein ein paar Pfennigmuenzen beizulegen; in gewissen Faellen leugnete er die Pluralitaet, in anderen nicht. Sie argumentierten, wenn Gleichheit soviel bedeute wie Identitaet, dann muesste man auch zugeben, dass die neun Muenzen nur eine einzige seien.
So unglaublich es klingen mag: mit diesen Widerlegungen hatte es nicht sein Bewenden. Hundert Jahre nach der Aufstellung des Problems formulierte ein brillanter Denker, der dem Haeresiarchen nicht nachstand, aber der orthodoxen Tradition angehoerte, eine ueberaus kuehne Hypothese. Diese erleuchtende Spekulation behauptet, dass es ein einziges Subjekt gibt, dass dieses Subjekt unteilbar jede einzelne der Seinseinheiten des Universums ist, und dass diese die Organe und Masken der Gottheit sind. X ist Y und ist Z.
Z entdeckt drei Muenzen, weil er sich erinnert, dass sie X verlorengingen; X findet zwei im Flur, weil er sich erinnert, dass die uebrigen wiedergefunden wurden ... Der elfte Band gibt zu verstehen, dass drei Hauptgruende fuer den totalen Sieg dieses idealistischen Pantheismus ausschlaggebend waren. Zum ersten die Zurueckweisung des Solipsismus; zum zweiten die Moeglichkeit, an der psychologischen Grundlage der Wissenschaften festzuhalten; zum dritten die Moeglichkeit, den Goetterkult beizubehalten. Schopenhauer (der leidenschaftliche und geistesklare Schopenhauer) entwickelt eine ganz aehnliche Lehre im ersten Band von Parerga und Paralipomena.
Die Geometrie umfasst in TIoen zwei voneinander abweichende Disziplinen: die Seh- und die Tastgeometrie. Die letztere entspricht der uns gelaeufigen, wird aber der ersten untergeordnet. Die Grundlage der Sehgeometrie ist die Oberflaeche, nicht der Punkt. Diese Geometrie kennt nicht die Parallelen und behauptet, dass der Mensch, der sich fortbewegt, die Formen seiner Umgebung veraendert. Die Grundlage der Arithmetik ist der Begriff der undefinierten Zahlen. Der Nachdruck ruht auf den Verhaeltnisbegriffen »groesser« und »kleiner«, die in unserer Mathematik mit > und mit < bezeichnet werden. Es wird behauptet, dass der Vorgang des Zaehlens die Mengen veraendert und sie aus undefinierten in definierte verwandelt. Die Tatsache, dass mehrere Individuen, die eine gleich grosse Menge zaehlen, zum gleichen Ergebnis kommen, wird von den Psychologen als schlagendes Beispiel fuer Gedankenverbindungen oder Gedaechtnisschulung gewertet. Wir wissen ja, dass in TIoen das Subjekt des Erkennens eines und ewig ist.
Auch in den literarischen Gebraeuchen ist die Vorstellung von einem einzigen Subjekt allbeherrschend. Nur selten tragen Buecher den Namen des Verfassers; den Begriff des Plagiats gibt es nicht: man geht von der festen Annaehme aus, dass alle Werke das Werk eines einzigen Autors sind, der zeit-und namenlos ist. Die Kritik pflegt Autoren zu erfinden; sie greift zwei einander unaehnliche Werke heraus - das Tao Te King etwa und die Maerchen von Tausendundeiner Nacht -, schreibt sie demselben Autor zu und bestimmt dann fein saeuberlich die Psychologie dieses interessanten homme de lettres.
Dennoch sind die Buecher unterschiedlich; die schoengeistigen umfassen ein einziges Thema in allen nur denkbaren Abwandlungen. Die naturphilosophischen enthalten unfehlbar die These und die Antithese, das reinliche Fuer und Wider einer Lehre. Ein Buch ohne Selbstwiderlegung gilt als unvollstaendig.
Der Idealismus von Jahrhunderten und Aberjahrhunderten ist an der Wirklichkeit nicht spurlos vorbeigegangen. So ist in den aeltesten Gebieten von Tloen die Verdoppelung verlorener Gegenstaende nichts Seltenes. Zwei Personen suchen einen Bleistift: die erste findet ihn und sagt nichts; die zweite findet einen zweiten nicht minder wirklichen Bleistift, der jedoch ihrer Erwartung besser angepasst ist. Diese Sekundaergegenstaende heissen »broenir« und sind, wenn auch anmutlos in der Form, um ein weniges groesser. Bis vor kurzem waren die »hroenir« Zufallskinder der Zerstreutheit und der Vergesslichkeit. Man sollte nicht glauben, dass ihre methodische Produktion nicht aelter als knapp hundert Jahre ist, aber so steht es im elften Band. Die ersten Anstrengungen waren fruchtlos. Der modus operandi jedoch verdient erwaehnt zu werden. Der Direktor eines der Staatsgefaengnisse teilte den Haeftlingen mit, im ehemaligen Bett eines Flusses gaebe es gewisse Grabstaetten, und versprach denen die Freiheit, die einen bedeutenden Fund herausholen wuerden. In den Monaten, die der Ausgrabung vorangingen, zeigte man ihnen fotografische Aufnahmen von dem, was sie finden wuerden. Dieser erste Versuch bewies, dass Hoffnung und Gier sich hemmend auswirken koennen; eine Woche Arbeit mit Pickel und Spaten foerderte als »hroenir« nur ein verrostetes Rad zutage, das sich spaeteren Datums erwies als das Experiment. Dieses wurde geheimgehalten und danach in vier Studienanstalten wiederholt. In drei Faellen scheiterte es nahezu voellig; im vierten (der Leiter starb zufaellig waehrend der ersten Ausgrabungen) hoben - oder erzeugten - die Schueler eine Goldmaske, ein archaisches Schwert, zwei oder drei Tonkruege und den gruen angelaufenen und verstuemmelten Torso eines Koenigs mit einer Inschrift auf der Brust, die bis heute der Entzifferung harrt. So kam man auf die Abtraeglichkeit von Zeugen, die den experimentellen Charakter der Suche kennen ... die Massenforschungen bringen widerspruchsvolle Gegenstaende hervor; heute bevorzugt man die individuellen und mehr improvisierten Arbeiten. Die methodische Zuechtung Yon »hroenirs« (sagt der elfte Band) hat den Archaeologen ungemeine Dienste geleistet. Sie hat die Befragung, ja die Veraenderung der Vergangenheit ermoeglicht, die heute nicht weniger bildsam und gefuegig ist als die Zukunft. Ein seltsamer Umstand: die »hroenir« zweiten und dritten Grades - das heisst die »hroenir«, die von einem anderen »hroen«, sowie die »hroenir«, die vom »hroen« eines »hroen« abgeleitet sind - zeigen die Abweichungen von dem urspruenglichen in uebertriebener Form; die »hroenir« fuenften Grades sind nahezu einfoermig; die neungraedigen vermischen sich mit denen zweiten Grades, bei denen vom elften Grad kommt es zu einer Reinheit der Linien, wie sie die Originale nicht besitzen. Der Vorgang ist periodisch; beim »hroen« zwoelften Grades setzt bereits der Verfall ein. Merkwuerdiger und reiner als das »hroen« ist manchmal das »ur«: das durch Suggestion erzeugte Ding, der von Hoffnung herangebildete Gegenstand. Die grosse Goldmaske, von der ich gesprochen habe, ist ein beruehmtes Beispiel.
In TIoen verdoppeln sich die Dinge; sie neigen ebenfalls dazu, undeutlich zu werden und die Einzelheiten einzubuessen, wenn die Leute sie vergessen. Ein klassisches Beispiel ist jene Tuerschwelle, die andauerte, solange ein Bettler sie besuchte, und die bei seinem Tode den Blicken entschwand. Zuweilen haben ein paar Voegel oder ein Pferd die Ruinen eines Amphitheaters gerettet.
1940 Salto Oriental.

Nachschrift von 1947. Ich gebe den vorstehenden Artikel genau so wieder, wie er 1940 in der Antologia de la literatura Jantastica erschien, lediglich mit Streichung einiger Metaphern und einer Art Schlussbetrachtung in spasshaftem Ton, die heute frivol wirkt. Seit jenem Datum sind so viele Dinge geschehen. Ich will mich damit begnuegen, an sie zu erinnern.
Im Maerz 1941 wurde in einem Buch von Hinton aus dem Besitz Herbert Ashes ein handschriftlicher Brief von Gunnar Erfjord entdeckt. Der Umschlag trug den Poststempel von Ouro Preto; der Brief klaerte das Raetsel von TIoen voellig auf.
Der Text bestaetigt die Hypothesen von Martinez Estrada. Zu Anfang des 17. Jahrhunderts, waehrend einer Nacht in Luzern oder London, hob die glanzvolle Geschichte an. Eine geheime und hochwohlloebliche Gesellschaft (zu deren Mitgliedern Dalgarno und spaeter George Berkeley zaehlten) trat zusammen, um ein Land zu erfinden. In dem vagen Anfangsprogramm waren die »hermetischen Studien«, die Philanthropie und die Kabbala vertreten. Aus dieser ersten Epoche stammt das merkwuerdige Buch von Andreae. Nach einigen Jahren, die mit Beratungen und vorschnellen Synthesen hingingen, sah man ein, dass eine Generation fuer die Artikulierung eines Landes nicht ausreiche. Man fasste den Beschluss: die in ihr vertretenen Meister sollten jeder zur Fortfuehrung des Werkes einen Schueler bestimmen. Diese Erbregelung setzte sich durch, nach Ablauf von zwei Jahrhunderten ersteht die verfolgte Bruederschaft in Amerika aufs neue. Um 1824 hat in Memphis (Tennessee) einer der Bundesbrueder eine Unterredung mit dem asketischen Millionaer Ezra Buckley. Dieser laesst den Bittsteller fast geringschaetzig ausreden - und macht sich lustig ueber die Bescheidenheit des Plans. Er sagt zu ihm, in Amerika sei es absurd, ein Land erfinden zu wollen, und schlaegt ihm die Erfindung eines Planeten vor. Dieser gigantischen Idee fuegt er eine weitere hinzu, die seinem Nihilismus entspringt: Geheimhaltung des ungeheuren Unternehmens. Zu der Zeit waren die 20 Baende der »Encyclopaedia Britannica« im Umlauf:
Buckley raet zu einer methodischen Enzyklopaedie des illusorischen Planeten. Er wird den Geheimbruedern dessen goldhaltige Bergzuege, die schiffbaren Fluesse, die von Stier und Bison bevoelkerten Weideflaechen, die Neger, die Bordells und die Dollars unter der einen Bedingung ueberlassen: »Das Werk soll kein Buendnis mit dem Scharlatan Jesus Christus eingehen. « Buckley glaubt nicht an Gott, aber er will dem nichtexistierenden Gott beweisen, dass die Sterblichen faehig sind, eine Welt auszuhecken. Buckley wird im Jahre 1828 in Baton Rouge vergiftet; im Jahre 1914 ueberreicht die Gesellschaft ihren Mitarbeitern, deren Zahl sich auf dreihundert belaeuft, den Schlussband der Ersten Enzyklopaedie von TIoen. Die Ausgabe ist geheim; die vierzig Baende, die sie umfasst (das gewaltigste Unternehmen, das Menschen je in Angriff genommen haben), waren als Grundlage fuer eine andere, mehr ins einzelne gehende gedacht, die nicht in Englisch, sondern in einer der Sprachen von Tloen abgefasst sein sollte. Diese Nachmusterung einer illusorischen Welt nennt sich provisorisch Orbis Tertius, und einer ihrer bescheidenen Demiurgen war Herbert Ashe, ich weiss nicht, ob im Auftrag von Gunnar Erfjord oder als Bundesbruder des Elften Bandes. Dass er Empfaenger eines Exemplars war, spricht fuer die zweite Annahme. Aber wer waren die anderen? Um das Jahr 1942 haeuften sich die Tatsachen. An eine der ersten erinnere ich mich mit besonderer Deutlichkeit, und ich meine, dass ich sie wie eine Vorbotschaft empfand. Der Vorfall spielte sich in einem Apartment der Calle Laprida ab, im Angesicht eines lichten hohen Balkons, der nach Sonnenuntergang sah. Die Prinzessin von Faucigny Lucinge hatte ihr Silbergeschirr aus Poitiers geborgen. Aus der Tiefe einer mit internationalen Siegeln kreuz und quer uebersaeten Kiste tauchten nacheinander feine bewegungslose Dinge auf, unter ihnen: Utrechter und Pariser Silbergeschirr mit hartgetriebener heraldischer Tierwelt, ein Samowar; unter ihnen spielte - mit dem merklichen und zarten Vibrieren eines schlafenden Vogels - geheimnisvoll ein Kompass. Die Fuerstin erkannte ihn nicht wieder. Die blaue Nadel strebte dem magnetischen Pol zu, die metallene Fassung war konkav; die Buchstaben auf dem Zifferblatt entsprachen einem der Alphabete von Tloen. Hier brach die phantastische Welt zum erstenmal in die reale Welt ein. Ein Zufall, der mich beunruhigt, wollte es so, dass ich ebenfalls Zeuge des zweiten wurde. Er ereignete sich ein paar Monate spaeter in der Schankwirtschaft eines Brasilianers, in der Cuchilla Negra. Amorim und ich kamen von Sant'Anna zurueck. Da der Fluss Tacuarembo Hochwasser fuehrte, sahen wir uns gezwungen, diese unterentwickelte Gastlichkeit zu erproben (und auf uns zu nehmen). Der Wirt schlug fuer uns in einem grossen Raum, der mit Faessern und Schlaeuchen vollgestopft war, ein paar knarrende Bettstellen auf. Wir legten uns hin, aber der Rausch eines unsichtbaren Nebenbewohners, der unentwirrbare Fluchworte mit Milongas -oder Fetzen einer einzigen Milonga - versetzte, brachte uns bis in die Morgenstunden um den Schlaf. Begreiflicherweise schrieben wir dem feurigen Zuckerrohrschnaps des Wirts dieses hartnaeckige Gebruell zu... Am Morgen lag der Mann tot im Hausflur. Die Rauheit seiner Stimme hatte uns getaeuscht: es war ein junger Bursche. Im Delirium waren ihm ein paar Muenzen aus dem Bauchgurt gefallen, sowie ein blitzender Metallkegel vom Durchmesser eines Wuerfels. Vergebens muehte sich ein kleiner Junge, diesen Kegel aufzuheben. Ein Mann brachte es nur zur Not fertig, ihn in die Hoehe zu stemmen. Ich hielt ihn waehrend einiger Minuten auf der flachen Hand: ich erinnere mich, dass sein Gewicht unertraeglich war und dass, nachdem ich den Kegel fortgenommen hatte, der Druck anhielt. Auch erinnere ich mich an den scharfgezogenen Kreis, den er mir ins Fleisch schnitt. Diese Wahrnehmung eines sehr kleinen, aber gleichzeitig ungeheuer schweren Gegenstandes hinterliess einen unangenehmen Eindruck von Ekel und Furcht. Ein Bauer schlug vor, wir sollten ihn in den reissenden Fluss werfen. Amorim erwarb ihn fuer ein paar Pesos. Niemand wusste etwas von dem Toten, ausser dass er »von der Grenze« kam. Diese kleinen ueberschweren Kegel (gemacht aus einem Metall, das nicht von dieser Welt ist) sind in gewissen Religionen von Tloen ein Abbild der Goettlichkeit.
Hiermit schliesse ich den persoenlichen Teil meiner Erzaehlung ab. Alles andere hat Bestand im Gedaechtnis (wenn nicht in der Hoffnung oder der Furcht) aller meiner Leser. Es mag genuegen, wenn ich die nachfolgenden Ereignisse ins Gedaechtnis zurueckrufe oder erwaehne, indem ich mich lediglich in Worten kurz fasse, die der Woelbungsraum allgemeiner Erinnerung bereichern oder erweitern mag. Gegen 1944 exhumierte ein Forscher der Zeitung »The American« (aus Nashville, Tennessee) in einer Bibliothek von Memphis die vierzig Baende der Ersten Enzyklopaedie von TIoen. Bis auf den heutigen Tag wird darueber gestritten, ob diese Entdeckung zufaellig war oder ob sie die Direktoren des immer noch nebelhaften Orbis Tertius zuliessen. Die Wahrscheinlichkeit spricht fuer die zweite Annahme. Ein paar unglaubhafte Einzelheiten im Elften Band (so die Vervielfaeltigung der »hroenir«) sind in dem Exemplar von Memphis ausgeschieden oder abgeschwaecht; der Schluss draengt sich auf, dass diese Tilgungen die Absicht verfolgen, eine Welt darzustellen, die mit der realen nicht allzu unvereinbar sein soll. Die Ausstreuung von Tloen-Qbjekten in verschiedenen Laendern sollte diesen Plan ergaenzen
(4).
Tatsache ist, dass die internationale Presse kein Ende fand, den »Fund« auszuposaunen. Handbuecher, Anthologien, Kurzfassungen, wortgetreue Abdrucke, autorisierte Neudrucke und Raubdrucke des groessten Werkes der Menschheit ueberfluteten und ueberfluten noch immer die Erde. Fast im selben Augenblick gab die Wirklichkeit in mehr als einem Punkt nach, und zwar geluestete es sie nachzugeben. Noch vor zehn Jahren reichte jede den Anschein von Ordnung erweckende Symmetrie - der dialektische Materialismus, der Antisemitismus, der Nazismus - voellig aus, die Menschen zu betoeren. Wie sollte man sich nicht Tloen unterwerfen, der minuzioesen und umfassenden Einsicht in einen geordneten Planeten? Ueberfluessig zu erwidern, dass auch die Wirklichkeit geordnet ist. Mag sein, dass sie es ist, aber in UEbereinstimmung mit goettlichen Gesetzen - normal gesagt: mit unmenschlichen Gesetzen -, die niemals in unsere Wahrnehmung eingehen. Tloen mag ein Labyrinth sein, doch ist es ein von Menschen entworfenes Labyrinth, ein Labyrinth, dessen Entzifferung der Menschheit aufgegeben ist.
Die Beruehrung und der Umgang mit Tloen haben diese unsere Welt zersetzt. Bezaubert von seiner strengen Gesetzlichkeit, vergisst die Menschheit ein ums andere Mal, dass es eine Gesetzlichkeit von Schachspielern, nicht von Engeln ist. Schon ist das (erschlossene) »Uridiom« von TIoen in die Schulen eingedrungen; schon hat seine harmonische Geschichte (die so voll ist von bewegenden Episoden) die in meiner Jugend herrschende ausgeloescht; schon nimmt in den Memoiren eine fiktive Vergangenheit die Stelle einer anderen ein, von der wir mit Sicherheit nichts wissen - nicht einmal, ob sie falsch ist. Man hat die Numismatik, die Arzneikunde, die Archaeologie reformiert. Ich halte fuer ausgemacht, dass die Biologie und die Mathematik ebenfalls ihrer erneuerten Gestalt harren . . . Eine ueber die Welt verstreute Dynastie von Einsiedlern hat die Erdoberflaeche umgewandelt. Ihre Aufgabe geht weiter. Wenn unsere Prognosen nicht irren, wird in hundert Jahren jemand die hundert Baende der Zweiten Enzyklopaedie von Tloen entdecken.
Englisch, Franzoesisch und sogar Spanisch werden dann vom Planeten verschwunden sein. Die Welt wird TIoen sein. Mich kuemmert das nicht, ich feile in der stillen Musse des Hotels Adrogué weiter fort an einer tastenden, an Quevedo geschulten UEbertragung des Urn Burial von Browne (die ich nicht drucken zu lassen gedenke).



(1) Hailam hat ausserdem A general History of labyrinths veroeffentlicht. >>text

(2) Russell (The analysis of mind, 1921, p. 159) setzt voraus, dass der Planet vor wenigen Minuten erschaffen wurde, ausgestattet mit einer Menschheit, die eine illusorische Vergangenheit »erinnert«.>>text

(3) Heute stellt eine der Kirchen von TIoen die platonische Behauptung auf, dass ein gewisser Schmerz, ein gewisser gruenlicher Anflug des Gelben, dass eine gewisse Temperatur, ein gewisser Ton die einzige Wirklichkeit sind. Alle Menschen sind im schwindelnden Augenblick des Coitus derselbe Mensch. Alle Menschen, die eine Zeile von Shakespeare memorieren, sind Shakespeare.>>text

(4) Wobei das Problem der Materie einiger Gegenstaende natuerlich bestehen bleibt.
>>text


aus: Jorge Luis Borges "Die Bibliothek von Babel", Reclam, Stuttgart 1974