[DIGITALE]




Nils Röller

Geboren 1966 in Wilhelmshaven, Studium der Philosophie, Italianistik und Medienwissenschaft in Berlin. Tätigkeit als freier Journalist und Übersetzer. Seit August 1994 Rektoratsassistent an der Kunsthochschule für Medien Köln.

Web Site: http://www/homepage/faculty/niro.html
Email Address: nils@khm.de

RF III, 47

Something in the image has become powerful ... (Deleuze)


RF III, 52

Hasche: Mir schwirrt der Kopf. Artaud hat mir ein Bild eingepflanzt, in dem ein flämischer Primitiver sich mit Drogenpilzen in balinesischen Tempeltanz übt, während Edgar Varèse sich darüber wundert, daß arme Irre als erste auf die Idee kommen, die Folterkammergeräusche in einem mittelalterlichen Kloster durch Tonaufnahmen aus einer Fabrik darzustellen, und dabei immer mehr darauf pocht, die Sprache zu materialisieren, von Semantik zu befreien und im Theater Konsonantenbefestigungen aufzubauen, die nur der konstruieren kann, der einen Flugzeugmotor im Gehirn hat, mit dem er sooft er will zu seiner Großmutter nach Smyrna fahren kann, der ersten großen Spenderin von Opiaten.

Tan: Wir wollten doch über andere Dinge reden, den Telekombeuys und den Romanformrat.

Hasche: Ich kann nicht mehr. Mein Kartensystem ist außer Kontrolle, neben Artaud winkt eine blau-weiße Fahne. Sie ist ein Lichtblick vor dunklen Datenrauschen, elektronisch vibrierenden Flächen, die mich drohend umwabern. Geister. Formationen ohne Materie. Licht-Ton-Rhythmen, die sich selbst überschlagen und wiederholen. Der blaue Peter bietet nur scheinbar Ruhe. Er ist das Zeichen der Wiederholung. Das redundante Prinzip in der Signalkunst der Vormorsezeit. Wenn ein Flaggensignal von einem Schiff auf einem anderen Schiff nicht verstanden wurde, dann konnten die Nicht-Verstehenden den Blauen Peter hissen und eine Wiederholung des Signals erbitten. Hier tauch in meinen Bildern ein junges Mitglied der schwedischen Marine auf, der seinen russischen Flaggenpartner am Bosperos immer wieder den Blauen Peter gezeigt hat, weil ihm die Flaggenfarben so gut gefallen. Jetzt ist die Kraft des Blauen Peters gebrochen. Er wird nur auf Schiffen, die im Hafen liegen, gesetzt und zeigt an, daß er das Schiff demnächst, innerhalb der nächsten 24 Stunden, den Hafen verläßt.

Tan: Woher weißt Du, daß es innerhalb von 24 Stunden den Hafen verläßt und nicht innerhalb von acht?

Hasche: Das weiß ich nicht.

Tan: Dein Wortverkuppelungen gestehe ich Dir zu, aber vermittle bitte nicht den Anschein, daß Du etwas exakt weißt.

Hasche: Spielst Du wieder den Herrn der Präzision und der Tiefe? Vor kurzem hast Du Dich doch auch Assoziationen hingeben?

Tan: Assoziationen können tief und präzise sein. Was Du machst ist subjektive Bläherei. Nur weil Du viel erlebst, sind Deine Äußerungen noch lange nicht interessant. Du benötigst wirklich eine Form. Ich habe auch keine Lust mehr Deinem ziellosen Geplapper zuzuhören.

Hasche: Ist Form gleichbedeutend mit Zielbewußtsein?

Tan: Nicht zwangsläufig, aber eine Form ohne Ziel ist nur erreichbar, wenn man Formen mit einem Ziel durchgearbeitet hat. Kannst Du Deine Eindrücke nicht so durcharbeiten, daß sie für den Romanformrat interessant sein können?

Hasche: Kann ich erst, wenn wir uns über den Romanformrat einig geworden sind. Aber leider kann ich das Gespräch nicht weiterführen, weil ich ein Buch auf dem Tisch liegen habe, über das ich schreiben möchte.

Tan: Überlaß das Buch lieber mir. Bei deiner jetztigen Überdrehung solltest Du Vokabeln lernen, anstatt Worte zu versprühen.



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